04. Januar 2019, 22:08 Uhr

Ort für die Kunst und den Diskurs

Die Kunsthalle im Rathaus feiert im Jahr 2019 ihr zehnjähriges Bestehen. Seit April 2017 ist Dr. Nadia Ismail dort Kuratorin, seit Mai 2018 deren Leiterin. Im Interview klärt sie über die Aufgabe der Kunsthalle auf, berichtet von Synergieeffekten und guter Resonanz, auch international, und macht neugierig auf das Jubiläumsjahr.
04. Januar 2019, 22:08 Uhr
Nadia Ismail im Gespräch. (Fotos: Schepp)

Warum braucht Gießen eine Kunsthalle?

Nadia Ismail: Jede annähernd große Stadt braucht eine Kunsthalle. Es ist wichtig, dass ein Diskurs über das, was in der Welt geschieht, nicht über die Kunst selbst, sondern durch die Kunst geführt wird. Eine Kunsthalle ist meist auch eine gute ergänzende Facette zu einem Museum oder einem Kunstverein, der dazu da ist, neue Talente auszubilden, während eine Kunsthalle etablierte Kunstpositionen präsentiert.

Die Kunsthalle ist also kein reines Prestigeobjekt?

Ismail: Sie ist als ein Organ zu betrachten, das aktuelle Themen, und zwar nicht nur solche aus der Kunst, sondern aus dem Tagesgeschehen reflektiert und dazu eine Haltung bezieht. Ähnlich wie Film oder Literatur. Da ist eine Universitätsstadt wie Gießen gefordert. Der Diskurs kann auch gleich dort aktuell weitergetragen werden. Es ist eine ideale Verschränkung, wenn Studierende sehen, dass aktuelle Debatten nicht nur verbal, sondern auch visuell Niederschlag finden.

Was ist der konkrete Auftrag der Gießener Kunsthalle?

Ismail: Die Kunsthalle ist Ausstellungsfläche für zeitgenössische Kunst. Als Ort für Wechselausstellungen, ohne eigene Sammlung, präsentiert sie auf 400 Quadratmetern aktuelle Tendenzen und Positionen zur zeitgenössischen Kunst. Ihre Aufgabe ist es, zur Auseinandersetzung mit der Kunst von heute anzuregen, diese zu vermitteln und dabei aktuelle gesellschaftliche Diskurse aufzugreifen.

Und was ist Ihre Aufgabe als Kuratorin?

Ismail: Ich schaue zunächst, welche Positionen schon in der Stadt abgedeckt werden und was eine ergänzende Facette sein könnte. Ich bin national und international gut vernetzt, sehe jede Menge Kunst und verfolge Künstler über eine lange Zeit, um sie dann auszustellen. Im gesamten Jahresprogramm versuche ich zu zeigen, wie vielfältig bildende Kunst ist und mit jedem ausstellenden Künstler eine gewisse Bandbreite abzudecken. Im Jahresprogramm ist dann hoffentlich für jeden etwas dabei.

Sie holen also die Kunstwelt direkt vor unsere Haustür?

Ismail: Ja und zwar kostenfrei. Besucher können jederzeit und so oft sie wollen so viele Informationen abrufen, wie sie möchten. Die Kunsthalle bietet auch ein breites Vermittlungsangebot, das man nutzen kann, aber nicht muss. Es gibt Saaltexte und jede Woche Kunstvermittlung im Gespräch, angepasst an den jeweiligen Wissensstand und Wissensdurst der Besucher. Wir bieten außerdem Kuratorenführungen.

Wieviele Besucher hat die Kunsthalle pro Jahr?

Ismail: Bislang waren das zwischen 6000 und 7000 im Jahr. Unser Ziel für 2018/2019 ist es, die Zehntausendermarke zu knacken. Und da sind wir recht nah dran.

Aber wenn ich in der Kunsthalle vorbeischaue, ist da meist kein Besucher!

Ismail: Das ist ganz unterschiedlich: Es gibt den täglichen Besucher, da ist die Masse natürlich nicht so breit. Wir haben aber die Veranstaltungsformate, Schulklassen, Lehrerfortbildungen, universitäres Publikum und Reisegruppen. Das ist schon breit aufgestellt.

Wie viel Personal steht zur Verfügung?

Ismail: Ich habe im Prinzip eine riesengroße Bandbreite städtischer Ämter im Rücken und kann auf die Apparatur des gesamten öffentlichen Dienstes zurückgreifen. Der Kreis von unmittelbarer Hilfe ist aber schon kleiner. Ab Januar wird mich eine Volontärin unterstützen. Für die jeweilige Ausstellung übernehmen geschulte Mitglieder des Vereins Ehrenamt die Aufsicht. Den Rest mache ich selbst.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der Universität?

Ismail: Da bin ich sehr begeistert. Ich habe dort einen Lehrauftrag im Bereich Kunstgeschichte/Kunstpädagogik, im nächsten Semester auch bei den Angewandten Theaterwissenschaften. Ich informiere über Kuratieren und Vermitteln zeitgenössischer Kunst am Beispiel der Kunsthalle und setze da auf Synergieeffekte. Unsere »Kunstvermittlerinnen im individuellen Gespräch« kommen beispielsweise von der Uni.

Und wie funktioniert die Zusammenarbeit mit KiZ, Oberhessischem Museum und Neuem Kunstverein?

Ismail: Die Zusammenarbeit wächst und gedeiht. Beim KiZ, das in erster Linie lokale Künstler fördert, bin ich programmatisch nicht involviert, weiß aber jederzeit was läuft. Die Kunsthalle ist eher international ausgelegt, Künstler brauchen eine bestimmte Vita, um dort ausstellen zu können. Der Neue Kunstverein deckt eine weitere Facette ab. Zwischen Kunstverein und Kunsthalle wird es im nächsten Jahr zum Kunsthallenjubiläum eine größere Zusammenarbeit geben: ein Performancefestival im August an beiden Orten. Mit dem Oberhessischen Museum und seiner neuen Leiterin werden wir ein gemeinsames neues Format entwickeln.

Reicht das Angebot der Kunsthalle im Netz? Böte sich nicht eine Art virtueller Rundgang auf der Homepage an?

Ismail: Die Frage ist, ob man sich dadurch nicht auch Besucher nimmt. Und es ist eine Frage von Budget und Personal. Eingeführt habe ich einen Auftritt bei Facebook und ganz neu bei Instagram, um neue Gruppen anzusprechen. Es gibt nie zu viel Werbung. Die Kunsthalle ist da auf einem guten Weg.

Wie wird die Kunsthalle national und international wahrgenommen?

Ismail: Es gab zum Beispiel auf die Anna Gaskell-Schau, die erste internationale Künstlerin aus meinem Programm, viel Resonanz aus Amerika. Ich werde oft auf Messen auf die Kunsthalle angesprochen, bekomme viele E-Mails und Anfragen, auch von Kunstzeitschriften. Die Resonanz ist wirklich gut, das kann man nicht immer an Besucherzahlen messen. Wir müssen auch beachten, wie von außen auf die Kunsthalle geschaut wird. Sie ist Werbung für Gießen.

Sind Sie mit der Resonanz der Kunsthalle in der Stadtgesellschaft zufrieden?

Ismail: Das ist sicher ausbaufähig. Ich bin erstaunt, wenn ich höre, dass manche die Kunsthalle gar nicht kennen. Und dabei liegt sie doch so prominent mitten im Rathaus. Ich erhoffe mir durch das nächste Jahr Synergieeffekte infolge der Kooperationen .

Aber baulich gibt es Probleme: Der Eingang liegt versteckt im Rathaus, das Fenster zum Berliner Platz ist meist nicht einsehbar. Was muss geändert werden?

Ismail: Ich wünsche mir, dass man noch klarer erkennt, dass hier die Kunsthalle ist. Wie das möglich ist, sondiere ich gerade in Gesprächen. Die baulichen Gegebenheiten sind so wie sie sind. Ich wünsche mir dennoch mehr Sichtbarkeit, würde etwa gerne die Fahnenmasten vor dem Rathaus bestücken. Das ist auch schon besprochen. Schwieriger ist, dass der Raum vor der Kunsthalle, der Konzertsaal, mehrfach genutzt wird. Da muss man allen Formaten gerecht werden.

Aber wäre es nicht möglich, den Eingang an den Berliner Platz zu verlegen?

Ismail: Das funktioniert nicht. Durch die Wand, die dort gesetzt ist, hätte die Aufsicht keinen Einblick, wer reinkommt. Es wären ganz andere Sicherheitsmaßnahmen erforderlich. Man müsste auch den Counter anders positionieren. Der läge dann sehr prominent in Sichtachse. So ist die Kunsthalle aber nicht angelegt. Das Nadelöhr Rathaus ist schon richtig, und wir werden schauen, wie man den Eingangsbereich attraktiver machen kann. Die Konzentration auf die Kunst ist aber eine ganz andere, wenn der Blick nach außen nicht frei ist. Das schätzen viele Künstler.

Durch die Koppelung der Klimaanlage mit dem Konzertsaal sind Schäden an Kunstwerken entstanden. Gibt es da Besserung?

Ismail: Das ist auf dem Weg. Aber es dauert noch etwas, denn das Thema ist technisch doch sehr komplex.

Als für ein beschädigtes Kunstwerk eine größere Summe zu zahlen war und die Kosten für die Goebbels-Ausstellung unerwartet gestiegen sind, wurde bekannt, dass Sie große Summen über Sponsoring generieren konnten. Wie gelingt Ihnen das?

Ismail: Auch das liegt an der Programmatik der Kunsthalle. Sie muss attraktiv sein, ein bestimmtes Niveau haben. Dann sind die Leute auch gewillt, mit der Kunsthalle zu arbeiten. Das wird sich auch im kommenden Jahr fortsetzen. Wir haben etwa für einen Katalog zur aktuellen Ausstellung von Tobias Hantmann Gelder bekommen. Man bewirbt sich und dann entscheidet die Institution oder Stiftung. Ganz neu ist im nächsten Jahr eine Kooperation mit der hessischen Kulturstiftung, über die ich mich sehr freue.

Wie hoch ist das Jahresbudget der Kunsthalle? Die Rede ist von 130 000 Euro.

Ismail: In dieser Summe ist auch der Ausstellungsetat für das KiZ enthalten. Die Kunsthalle selbst hat 92 000 Euro zur Verfügung. Für das Jubiläumsjahr gibt es noch eine kleine Extrasumme. Aber die technischen Anforderungen für Ausstellungen steigen einfach. Die Künstlergeneration von heute arbeitet mit ganz anderen technischen Mitteln, der Anspruch schlägt sich in den Kosten nieder.

Das hat man ja bei der Kostensteigerung der Goebbels-Ausstellung gesehen!

Ismail: Es war ein dynamischer Prozess. Ich habe versucht, die Mehrkosten über Drittmittel abzufangen.

Wäre es denkbar, die Kunsthalle bei Veranstaltungen im Konzertsaal zu öffnen oder für Konzerte oder Vorträge zu nutzen?

Ismail: Das Bemühen ist da, lässt sich aber nicht immer so umsetzen. Ich bin aber kein Freund davon, Formate zu vermischen. Es muss schon einen inhaltlichen Zusammenhang haben, wie die Preisverleihung der Hein-Heckroth-Gesellschaft. Die Kunsthalle ist keine Halle, die vermietet wird, um Gelder zu requirieren. Und für Konzerte ist ihre Akustik nicht ausgelegt.

Nach welchen Kriterien haben Sie bislang Künstler ausgewählt?

Ismail: Ich wollte etablierte Kunstpositionen zeigen, die aber, wie im Fall von Anna Gaskell, noch gar nicht oder in letzter Zeit nicht institutionell in Deutschland präsentiert wurden. Dadurch bekam die Kunsthalle Aufmerksamkeit. Wichtig war mir auch ein deutlicher Bruch von Ausstellung zu Ausstellung, damit man den Raum ganz anders wahrnehmen konnte. Mich erreichen sehr viele Bewerbungen, im Schnitt drei pro Woche. Aber man kann sich nicht bewerben. Eine Auseinandersetzung mit dem Werk des Künstlers über einen langen Zeitraum ist für mich unerlässlich und die Kapazität der Kunsthalle mit vier Ausstellungen pro Jahr samt Sonderveranstaltungen ausgeschöpft. Das ist auch eine Frage der Profilschärfung.

Welchen Künstler wollen Sie unbedingt einmal in Gießen zeigen?

Ismail: Die Agenda ist lang. Das Programm bis Mitte 2020 steht bereits und da sind dann einige Namen zu finden. Es gibt natürlich auch ein Wunschkonzert, da weiß ich, dass das Budget einfach nicht reicht. Mein Wunsch wäre es, einmal den israelischen Videokünstler Omer Fast auszustellen, einen fantastischen Künstler. (Foto: Wegst)

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