16. Juli 2013, 12:38 Uhr

Oberhessischer Künstlerbund wird 70 Jahre alt

Vor 70 Jahren wurde der Oberhessische Künstlerbund (OKB) gegründet. Die Jubiläumsausstellung im Wetzlarer Stadthaus am Dom wird am Freitag, 2. August, um 18 Uhr eröffnet; sie ist bis zum 1. September zu sehen.
16. Juli 2013, 12:38 Uhr
Der OKB hat im Februar dieses Jahres mit seiner Ausstellung »Liebe! Tod! Revolution!« im KiZ einen wesentlichen Beitrag zum Büchner-Jubiläumsjahr geleistet – und gleichzeitig demonstriert, dass die Künstlervereinigung die Bereitschaft zur Innovation hat. (Fotos: dkl)

Vor 70 Jahren wurde der Oberhessische Künstlerbund (OKB) gegründet. Am 18. Mai 1943, also mitten im Krieg, trafen sich zwölf Interessierte im Gießener Lokal »Schwabs Weinstube«, wie in der Jubiläumsschrift zum 50. Bestehen (1993) nachzulesen ist. Das war nur drei Monate nach der Hinrichtung des Gießener Malers Heinrich Will. Die Gründung einer Künstlervereinigung war ein Signal an die Machthaber. Auch wenn die meisten von ihnen aus heutiger Sicht konventionell und dem Zeitgeschmack angepasst arbeiteten, so wollten sie doch ihre künstlerische Entscheidungsfreiheit gewahrt wissen. Initiatoren und Vorstand waren: Hanns Hagenauer, Carl Bourcarde und Hellmuth Müller-Leutert. Heute noch relativ bekannte Mitglieder sind: die Maler Lotte Bingmann-Droese, Heinz Geilfus, Walter Kröll und Wilhelm Viehmann, die Bildhauer Johannes Ködding und Ludwig Güngerich, und als nicht-künstlerisches Fördermitglied: Christian Rauch, Professor für Kunstgeschichte der Uni Gießen.

Nur mit Hilfe des Gaukulturwarts Anton Rüffer gelang diese Gründung, konnte die Zwangsmitgliedschaft in der »Reichskulturkammer« vermieden werden. Die erste Ausstellung fand im Sommer 1943 im Kurhaus von Bad Nauheim statt, es folgte im Herbst die Ausstellung im Gießener »Turmhaus am Brand«, das vom Kunstverein bespielt wurde. Doch schon nach der Weihnachtsausstellung in Gießen endete diese Phase, Rüffer trat aus Protest gegen die versuchte Intervention sogar aus der Partei (NSDAP) aus.

Am 21. September 1945 gehörte der OKB zu den ersten Vereinen, denen die amerikanische Besatzungsmacht die Erlaubnis zu Aktivitäten erteilte. Wieder übernahm Hagenauer den Vorsitz. Die ersten Ausstellungen stießen auf große Resonanz bei Kunstschaffenden und Besuchern, die Hauptaufgabe war jedoch eine »Schutzfunktion« für die notleidenden Mitglieder. Doch nach der Währungsreform 1948 und in der Jahren des Wiederaufbaus hatten die Menschen offenbar andere Prioritäten. Der Vorsitzende Ludwig Güngerich hatte in seiner über 20 Jahre währenden Amtszeit (1951 bis 1971) das Dauerproblem, die Mitglieder zu aktivieren, stand aber auch in der Kritik wegen autoritärer Amtsführung und Ideenlosigkeit. Nachhaltig wirkender Aufreger war 1969 die Abspaltung der legendären »Gruppe 9«, initiiert von Hellmuth Müller-Leutert, Paul Klose und Helmuth Rabitz. Es begann eine neue Zeit.

Junge Künstler gesucht

Die folgenden Vorsitzenden haben auf unterschiedliche Weise versucht, das Miteinander zu fördern und neue Ausstellungsräume zu erschließen. Zuletzt war es Kurt Heyne, der mit der Verfasserin dieser Zeilen über Monate hinweg zu Atelierbesuchen in ganz Oberhessen fuhr, woraus eine Artikelserie im Kreisteil dieser Zeitung wurde, die wiederum in ein Buch mündete, das im April 1999 in Kloster Arnsburg vorgestellt wurde.

Das Amt des OKB-Vorsitzenden ist kein einfacher Job, wie auch, bei einem Zusammenschluss von lauter Individualisten. Viele blieben nur eine Amtszeit lang. Der amtierende Vorsitzende Dieter Hoffmeister wurde im Februar dieses Jahres bereits zum vierten Mal gewählt. Offenbar wirkt er ausgleichend auf die oft konträren Künstlergemüter.

Ein wichtiges Anliegen war für ihn von Anbeginn (2003), eine Änderung bei der Jurierung von Kunstwerken für Ausstellungen umzusetzen. »Es ist im Ergebnis wenig attraktiv, wenn alle Mitglieder aktuelle Arbeiten mitbringen und die aus Mitgliedern bestehende Jury die Auswahl vorwiegend gemäß der vorhandenen Ausstellungsfläche trifft. Ich plädiere dafür, einen Kurator zu beauftragen, der ein Thema vorgibt, die Auswahl trifft und für die Hängung verantwortlich ist.« Was für viele Mitglieder nicht einfach ist, sich den Vorgaben eines Außenstehenden zu beugen.

Erstmals wurde dies für die Ausstellung »Paarlaufen« (2009) in der Kunststation Kleinsassen durchgeführt, Kurator war Dr. Christian Kaufmann. Dann folgte »Faktor Vielfalt« im neuen KiZ unter der Kuratierung von Dr. Susanne Ließegang und im Februar dieses Jahres ebendort die viel beachtete Ausstellung »Liebe! Tod! Revolution!« zum Büchner-Jubiläumsjahr, kuratiert von Dr. Jutta Failing.

Eine andere Sorge treibt den Vorsitzenden um: die Überalterung des Vereins. »Unser jüngstes Mitglied ist 40 Jahre alt!« Es wäre an der Zeit mehr junge Künstler aufzunehmen, meint Hoffmeister, doch scheitern viele an der Bewerbungshürde. »Künstlerische Qualität gilt satzungsgemäß als Maßstab, aber dafür gibt es kaum objektive Kriterien.« Also bleibt vieles im Subjektiven. Nicht ohne Grund habe der Berufsverband Bildender Künstler schon vor Jahren die Aufnahmepraxis dahingehend geändert, dass alle aufgenommen werden, die eine künstlerische Ausbildung haben.

Sein Wunsch für die Zukunft ist die fortdauernde Wertschätzung durch die Kulturpolitik, was sich heutzutage vor allem in der Bereitstellung von Ausstellungsmöglichkeiten zeige. Die Bereitstellung eines Ankaufetats für Kunstwerke gehört schon lange der Vergangenheit an. Insgesamt sieht Hoffmeister der kulturellen Zukunft Gießens mit der neuen Kulturamtsleiterin Simone Maiwald hoffnungsfroh entgegen.

Wie wird der Geburtstag gefeiert? »Eher schlicht, es ist ja ›nur» der 70. Geburtstag.« Die Ausstellung im Wetzlarer Stadthaus am Dom wird am Freitag, 2. August, um 18 Uhr eröffnet; sie ist bis zum 1. September zu sehen.

Dagmar Klein

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