31. August 2017, 19:54 Uhr

Nicht ohne ihre Töchter

Heutige Schüler haben die DDR nicht mehr erlebt. Die Mauer, die mehr als 28 Jahre Land und Leute trennte, ist für sie theoretischer Stoff aus dem Geschichtsbuch. Doch für die Max-Weber-Schüler wurde das Thema jetzt mit Leben gefüllt. Jutta Fleck, »die Frau vom Checkpoint Charlie«, war zu Gast in Gießen – 33 Jahre, nachdem sie in der hiesigen Flüchtlingsunterkunft angekommen war.
31. August 2017, 19:54 Uhr
Die Frau vom Checkpoint Charlie: Jutta Fleck (r.) mit Tochter Beate Gallus. Die beiden sprechen in der Max-Weber-Schule über ihre Erlebnisse in der DDR-Diktatur. (Foto: chh)

Nahezu alle Stühle im Pavillon der Max-Weber-Schule sind besetzt. Knapp 100 junge Leute blicken auf das Podium. Was die Frau da vorne berichtet, klingt wie aus einer fernen Diktatur, Nordkorea vielleicht, dabei hat es sich auf deutschem Boden abgespielt. Sozusagen. Jutta Fleck gehört zu den prominentesten Opfern der DDR. Sie ging als »die Frau vom Checkpoint Charlie« in die Geschichte ein. Heute ist sie die Leiterin des Schwerpunktprojekts Politisch-Historische Aufarbeitung der SED-Diktatur in Hessen. Regelmäßig besucht sie Schulklassen, um über ihre Erlebnisse in der DDR zu berichten. »Ich habe es mir zur Lebensaufgabe gemacht, über die Ungerechtigkeit der Diktatur zu sprechen«, sagt die 70-Jährige. Und Ungerechtigkeiten gab es viele.

Es sind die 80er Jahre in der DDR: Jutta Fleck heißt damals noch Gallus. Nach ihrer Scheidung hat sie das alleinige Sorgerecht ihrer beiden Töchter Beate und Claudia. Mit Hilfe einer Fluchthilfeorganisation will Fleck mit ihren Töchtern 1982 über Rumänien und Jugoslawien nach Deutschland flüchten. Doch der rumänischen Geheimdienst nimmt das Trio fest und schickt es zurück in die DDR. Die Töchter kommen erst in ein Heim für schwererziehbare Kinder, später werden sie dem linientreuen Vater übergeben. Jutta Fleck selbst landet im Gefängnis. Wegen eines »schweren Falls eines ungesetzlichen Grenzübertritts« wird sie zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Es sind vor allem die Schilderungen aus der Haftanstalt, die die Gießener Schüler bewegen. Fleck spricht von Schikanen, erniedrigenden Verhören, von Schlafentzug, Zwangsarbeit und der bitteren Kälte in den ungeheizten Zellen. »Wir wurden wie Schwerkriminelle behandelt, und das nur, weil wir eine Diktatur verlassen wollten.«

Es dauert 22 Monate, bis ihr das gelingt. Die Bundesregierung kauft sie frei, Fleck darf endlich ausreisen. Ihre Töchter, die sie während der gesamten Haft nicht sehen darf, muss sie zurücklassen. Ohne Beate und Claudia geht Fleck in den Westen. Ihre erste Station: die Flüchtlingsunterkunft in Gießen. Von hier aus startet sie ihren beispiellosen Kampf um ihre Töchter. Sie spricht mit Politikern und dem Papst, sie kettet sich bei einer Großveranstaltung an ein Geländer und geht in Hungerstreik. Und vor allem: Sie demonstriert am bekanntesten Berliner Grenzübergang, was ihr den Namen »die Frau vom Checkpoint Charlie« einbringt. Es dauert bis zum 25. August 1988, bis Fleck ihre beiden Töchter in die Arme schließen kann.

»Das war unsere persönliche Wiedervereinigung«, sagt Tochter Beate Gallus, die an diesem Vormittag neben ihrer Mutter in der Max-Weber-Schule sitzt. Sie erzählt den Schülern, wie sie damals das neue Leben in der BRD empfunden habe: »Es war wie im Paradies, plötzlich war alles bunt. Wie die Umstellung von Schwarz-weiß- auf Farbfernsehen. Ein komplett neues Leben.«

Doch das neue Glück bekam schnell Risse. In ihrer Schule in Bayern häuften sich die Probleme. Das Lernen machte ihr zu Schaffen. Klar: Gallus war mit einer völlig anderen Weltanschauung konfrontiert, zudem wurde in der DDR fast nur auswendig gelernt, obendrein hatte sie große Wissenslücken. »Ich wusste zum Beispiel nicht, was eine Nektarine ist. Die gab es in der DDR nicht.«

Die größten Sorgen bereiteten ihr aber die Mitschüler: »Ich war für alle nur das Mädchen aus dem Osten. Ich wurde ausgegrenzt.« Gallus wechselte die Schule und schloss mit ihrer Schwester einen Pakt. »Wir erzählen niemanden, wo wir wirklich her kommen.« Ihr Appell daher an die Max-Weber-Schüler: »Macht euch immer erst ein vollumfängliches Bild, bevor ihr urteilt.«

Jutta Fleck nickt bei dieser Aussage. Man merkt ihr an, wie stolz sie auf ihre Tochter ist. »Ich bin auch sehr glücklich, dass sie hier bei mir sitzt und vor den jungen Leuten spricht.« Diese Zeitzeugen-Veranstaltungen sind ihr wichtig. »Viele Schüler haben nur von den Eltern oder Oma und Opa von der Zeit gehört. Mir ist es ein Anliegen, diese Lücke zu füllen. Und es bereitet mir viel Freude, wenn die jungen Leuten an meinen Lippen hängen.«

Auch wenn die DDR seit 27 Jahren Geschichte ist, will Fleck weiterhin an die Verbrechen erinnern. Zumal man daraus viele Parallelen zur heutigen Zeit ziehen könne. »Ich bin 1984 in einem total überfüllten Flüchtlingslager in Gießen angekommen. Ich wusste nicht wohin, musste mir alles selber aufbauen. Heute ist das nicht viel anders.«

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