28. April 2017, 19:00 Uhr

Kulturdenkmal

Neuer Look aus alten Steinen

Der Umbau des Signalwärterhäuschens im »Gartfeld« geht voran. Bauherr Michael Jung erhält Hilfe von Azubis der Jugendwerkstatt, um eine Wette gegen seinen Opa zu gewinnen.
28. April 2017, 19:00 Uhr

Ein stetes Kratzen schallt durch das Gartfeld. Die Verursacher sitzen auf dem Baugerüst am einstigen Signalwärterhäuschen. Drei Azubis der Jugendwerkstatt bearbeiten unter Anleitung des Bauunternehmens Faber & Schnepp die Backsteinfassade gerade mit ihren Spachteln. Ausbildungsleiter Freddy Konkoly schaut sich die Arbeiten vom Bürgersteig aus an. Ihm scheint zu gefallen, was seine Schützlinge da oben fabrizieren. »Sie reinigen das Mauerwerk, ersetzen kaputte Steine, reparieren Fehlstellen und bessern die Fugen aus«, sagt der Maurermeister und betont: »Das ist alles Handarbeit.« Dass an dem Haus schon seit Monaten gearbeitet wird, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Man sieht dem 1853 gebauten Bahnwärterhäuschen seine Lebensjahre an – und das ist ganz im Sinne des Bauherren.

Architekt Michael Jung hat das als Kulturdenkmal eingestufte Gebäude im Herbst des vergangenen Jahres gekauft. Als der Vorbesitzer ausgezogen war, begann Jung mit der Renovierung. Er will das Gebäude – wie berichtet – so gut es geht in den Originalzustand zurückversetzen. Wenn alles fertig ist, soll seine Tante einziehen. Wann das sein wird? Darüber gibt es in der Familie unterschiedliche Meinungen.

»Ich habe mit meinem Opa eine Wette laufen. Ich habe gesagt, das Haus ist in eineinhalb Monaten einzugsbereit«, sagt Jung und schaut zu seinem Großvater Othmar Kaulich rüber, der den Enkel heute bei der Baustellenbesichtigung begleitet. Der Senior lacht: »Ich bin vom Fach, habe viele Jahre auf dem Bau gearbeitet. Ich sage: Das dauert mindestens noch zwei Monate.« Während der Großvater mit Maurermeister Konkoly fachsimpelt, steuert der Enkel den Eingang an. Zeit für einen Rundgang.

Jung schreitet die Treppe zur Eingangstüre hoch. Auf den Stufen liegen noch einzelne Ranken, die dem Häuschen viele Jahre lang sein grünes Kleid verliehen haben. Anfang des Jahres hat Jung den Wuchs entfernen lassen, er betonte aber schon damals, dass die Fassade künftig wieder begrünt werden soll. Doch vorher muss das Mauerwerk instandgesetzt werden. »Die Steine werden nur mit einer Wurzelbürste und Wasser gereinigt. Mir ist wichtig, dass es originalgetreu aussieht«, sagt Jung. Drahtbürsten seien Tabu, Sandstrahler erst recht. »Das wäre die Hölle für mich.«

Jung betritt das Wohnzimmer. Die Bodendielen fehlen noch, die Tapeten auch, Heizung und Elektrik sind dafür schon fertig. »Auch wenn es nicht so aussieht, die größten Arbeiten sind erledigt.« Dazu gehörte auch die Abstimmung mit dem Denkmalschutz über die einzubauenden Fenster. »Es mussten unbedingt doppelflügelige Sprossenfenster mit einer Achtfachaufteilung sein«, stöhnt der Bauherr, der wegen des fehlenden Lichteinfalls gerne auf die ein oder andere Sprosse verzichtet hätte. Trotzdem freut er sich, dass die neuen Fenster bald eingebaut werden können. »Sie werden dem Raum einen besonderen Charme verleihen.« Sollten sie auch, schließlich verschlingen sie laut Jung ein Drittel der gesamten Investition.

Über die künftige Küche – Objektdesigner und Schreiner Ronnie Martin wird sie einbauen – und die Treppe gelangt Jung ins Obergeschoss. Die Holzbalken und die Backsteinmauer verleihen dem Wohnzimmer einen rustikalen Charme, die Ankleide ist schlicht, aber zweckmäßig. Beide Räume sind weit fortgeschritten, was man vom Bad noch nicht behaupten kann. Dafür wird hier demnächst ein echtes Highlight untergebracht. »Ich habe über einen Steinmetz aus Wetzlar einen 250 Kilogramm schweren Natursteinblock bekommen, aus dem das Waschbecken gefertigt wird. Es sollte eigentlich in einem noblen Hotel in der Schweiz landen. Die wollten es aber nicht mehr.«

Über das Becken wird sich vor allem Jungs Tante freuen können, schließlich wird das einstige Signalwärterhäuschen schon bald ihr neues Zuhause sein. »Daher war es auch mehr Arbeit als gedacht. Für jemand Fremdes hätte ich sicher nicht so viel reingesteckt«, sagt Jung.

Familie geht eben vor – außer bei Wetten mit dem Großvater.

Seit 165 Jahren steht das Signalwärterhäuschen an der Main-Weser-Bahn. Architekt Michael Jung hat es samt Nebengebäude von einem Vorbesitzer gekauft, der selbst darin wohnte. Jung will das Kulturdenkmal möglichst originalgetreu restaurieren. Über den Umbau des Anwesens im Gartfeld berichtet die Gießener Allgemeine Zeitung in loser Folge. (Foto: Schepp)

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