05. Dezember 2018, 09:27 Uhr

Nachtbusse

Nachtbuslinien in Gießen: Ein Fahrer berichtet von seinen Erlebnissen

Seit zehn Jahren gibt es die Nachtbusse der Stadtwerke. Ein erfreuliches Angebot für Nachtschwärmer. Weniger erfreulich sind Angriffe und Pöbeleien, denen die Fahrer ausgesetzt sind.
05. Dezember 2018, 09:27 Uhr

Von Christoph Hoffmann , 1 Kommentar

Maravgi Dinc macht einen letzten Check. Beim Rundgang um das Fahrzeug überprüft er Lampen und Türöffner. Funktioniert. Dann füllt der 50-Jährige schnell den Fahrtenschreiber aus. »Jetzt kann es losgehen«, sagt der Gießener und startet den Motor. Es ist kurz nach Mitternacht, als der Bus vom Gelände der Stadtwerke rollt. Während die meisten Gießener bereits schlafen, sorgt Busfahrer Dinc dafür, dass auch die Nachtschwärmer sicher in ihr Bett gelangen. Oder in die nächste Bar.

»Venus« und »Saturn« heißen die Buslinien, die an Wochenenden und Feiertagen ab 00.27 Uhr stündlich vom Berliner Platz abfahren. Während die »Venus« das Stadtgebiet mit Weststadt und Wieseck ansteuert, kümmert sich »«Saturn« um den Südosten. Eingerichtet wurde das Angebot 2008 auf Drängen der Grünen, unter anderem als Kompensation zum abgeschafften Frauennachttaxi. Die kostenlosen Nachtbusse wurden vor allem von jungen Gießenern gut angenommen, die Fahrgastzahlen stiegen stetig. Von rund 19 000 in 2009 auf über 30 000 im Jahr 2013. Aktuelle Daten gibt es laut Stadtwerke-Sprecherin Ina Weller nicht, da nicht mehr gezählt werde. Sie sagt jedoch: »Das Angebot der Nachtbusse wird sehr gut angenommen.«

Dinc steuert seinen ersten Halt an: den Berliner Platz. Bis zur Abfahrt hat er noch ein paar Minuten, also genehmigt er sich einen Schluck aus seinem Kaffeebecher. »Etwa einmal im Monat sind wir mit der Nachtschicht dran«, erzählt der 50-Jährige. Er selbst habe damit kein großes Problem. »Das ist nunmal die Arbeit, der ich nachgehe. Nachtfahrten gehören dazu.« Zumindest noch. Denn die Stadtwerke vergeben die Linie zeitweise an ein anderes Unternehmen (siehe Kasten), für die Nutzer soll das keine Auswirkungen haben. »Das ist heute also vorerst mein letzter Nachteinsatz«, sagt Dinc. Er lächelt bei diesem Satz. Ein wenig scheint sich der Busfahrer doch auf das Ende seiner Nachtschichten zu freuen. Er hat dabei seine Gesundheit im Blick. Und damit ist nicht der Schlafrhythmus gemeint.

»Gewalt und Rassismus gefährden Nachtbusse«, titelte die Gießener Allgemeine im Herbst 2012. Weil Busfahrer mehrfach verletzt und beleidigt worden waren, stiegen die Stadtwerke als Betreiber sogar zwischenzeitlich aus, ein Staufenberger Unternehmen übernahm den Dienst. Sicherheitspersonal sollte Fahrgäste und Busfahrer schützen, auch Kameras wurden installiert. Mittlerweile bedient die Stadtwerke-Tochter »Mit-Bus« die Nachtlinien wieder, die Kameras aber sind geblieben.

Wenn Leute zu viel getrunken haben, werden sie unberechenbar

Busfahrer Dinc

Dinc ist froh darüber. »Wenn die Leute zu viel getrunken haben, werden sie unberechenbar.« Der Gießener will nicht dramatisieren, er selbst habe keine heftigen Übergriffe erlebt. Dass er die Polizei habe rufen müssen, sei aber nicht nur einmal vorgekommen. Zum Beispiel, als Betrunkene am Marktplatz versucht hätten, die Türen einzutreten. Im Vergleich zu den Erlebnissen seiner Kollegen sei das aber harmlos. Dinc denkt an einen Fahrer, dem ein Mann unter Drogeneinfluss den Arm gebrochen habe. »Das war unter uns ein großes Thema«, sagt er. Auf der nächsten Nachtfahrt habe er ein mulmiges Gefühl gehabt.

Inzwischen sitzt eine Handvoll Passagiere im Bus. Allesamt junge Leute, betrunken wirkt niemand. »Es ist nicht so, dass hier immer alle voll sind«, sagt Dinc. Wer doch mal zu tief ins Glas geschaut habe, werde nicht automatisch aggressiv. »Eher müde«, sagt der Busfahrer lachend und erzählt, dass er seine Kunden mitunter auch mal wecken müsse. Noch häufiger komme es vor, dass Fahrgäste abseits der Haltestellen aussteigen wollten. Eigentlich gehe das nicht, sagt Dinc. Wenn aber eine Frau diese Bitte äußere aus Angst, alleine durch die Dunkelheit laufen zu müssen, mache er schon mal eine Ausnahme.

Im Gewerbegebiet West ist niemand ein- oder ausgestiegen. Kein Wunder: Seitdem das Agostea geschlossen hat, verirrt sich nachts niemand mehr in diese Gegend. Auch die nächsten Haltestellen sind meist verwaist. Der Kollege, der zur gleichen Zeit auf der Linie »Saturn« verkehrt, hat vermutlich mehr zu tun. Sein Bus hält nicht nur am MuK, sondern auch im »Kneipenviertel« am Riegelpfad. »Da gibt’s dann häufiger mal Ärger«, sagt Dinc. Die erste Schleife seiner Tour verläuft hingegen vollkommen friedlich. Doch der Busfahrer will den Tag nicht vor dem Abend loben. Seine Schicht endet erst in vier Stunden. Bis er sich ins Bett legen kann, muss er noch den ein oder anderen Nachtschwärmer nach Hause bringen.

Zusatzinfo

Firma Schäfer springt ein

Das Linienangebot der SWG wird in Kürze erweitert. »Da wir bis dato den Personalbestand noch nicht aufgestockt haben, brauchen wir hier vorübergehend einen externen Dienstleister, der diese Aufgabe für uns zunächst einmal für sechs Monate übernimmt«, teilt Pressesprecherin Ina Weller mit. Die Firma Schäfer aus Gladenbach wird das Nachtbusangebot übernehmen. An den Rahmenbedingungen werde sich aber nichts ändern. p>

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