27. September 2012, 19:38 Uhr

Museumsdirektor Dr. Friedhelm Häring geht und bleibt

Er hat nicht nach seiner Pensionierung gerufen: Museumsdirektor Dr. Friedhelm Häring geht nach 34 Dienstjahren in den Ruhestand und bleibt vorerst doch, weil noch kein Nachfolger gefunden ist.
27. September 2012, 19:38 Uhr
Dr. Friedhelm Häring erweist sich als eloquenter Plauderer. (Foto: Schepp)

Er schätzt die Tugenden. Die meisten jedenfalls. Klugheit, Weisheit, Verlässlichkeit. Mäßigung eher nicht. Mäßig können die andern sein. Er ist verbindlich, aber ohne Eile. Hektik ist ihm fremd. Es ist seine Lebensfreude, die den Dingen Kontur verleiht, die sie auf einen Nenner bringt. Jene Lebensfreude, die im Alter, gepaart mit ausgefeilter Rhetorik, zu Gelassenheit führt. Sie macht Dr. Friedhelm Häring zu einem probaten Erzähler. Auch wenn er nicht über Kunst doziert, sondern den Alltag Revue passieren lässt. Und beiläufig Bonmots abliefert. Etwa auf die Frage, was ihn als Museumsdirektor auszeichnet, der zugleich Kulturamtsleiter ist. Bei seiner Antwort kann sich Häring eines Lächelns nicht erwehren: »Ich muss die Politik ertragen.«

Beginnen wir also mit der Politik. Mit Alt-Oberbürgermeister Manfred Mutz. An ihm schätzte Häring die Geradlinigkeit. »Auf seine Worte war Verlass«, lobt Häring. Das soll nicht bedeuten, dass Häring mit dem Politiker nicht gern auch Konflikte austrug. Womöglich weil Mutz in Gelddingen eigen war. Als Häring von der Stadtregierung in den 80er Jahren eine Viertelmillion Mark für neue Museumsvitrinen verlangte, die dringend benötigt wurden, um die Kunstschätze entsprechend präsentieren zu können, genehmigte Mutz ihm 120 000. »Weil wir nicht genug davon haben, kaufen wir noch heute Vitrinen«, sagt Häring.

Über die aktuelle Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz spricht er in anderen Tönen. Ihr gegenüber verspürt er Zuneigung. Häring weiß um das Kunstverständnis der Rathauschefin und ist froh, dass sie sich Zeit nimmt, um auf jedes Kulturthema einzugehen. Dass wegen der hohen Verschuldung der Stadt zu wenig Geld für die Museumsgebäude da ist, sei nicht ihr anzukreiden.

Trotz knapper Mittel hat Dr. Friedhelm Häring in Gießen eine Ära geprägt. Sie endet diesen Monat. Zumindest endet sie offiziell. Offiziell geht der Direktor des Oberhessischen Museums, zu dem das Alte Schloss, das Leib’sche Haus und das Wallenfels’sche Haus gehören, nach 34 Dienstjahren in den wohlverdienten Ruhestand. Häring feierte am 14. August seinen 65. Geburtstag. Nun heißt es Abschied nehmen. Heute ist sein letzter Arbeitstag. Doch der Museumschef, der seit April 1978 im Amt ist und in Personalunion seit 1991 auch als Leiter des Gießener Kulturamts fungiert, wird vorerst an Ort und Stelle bleiben. Die Stadt hat noch keinen Nachfolger gefunden. Genau genommen ist es der Nachfolger für den Posten des Kulturamtsleiters, der im Fokus steht, denn Grabe-Bolz will die beiden Leitungsfunktionen künftig voneinander trennen (wir berichteten am 21. August).

Die Frage, wer das städtische Museum leiten wird, soll erst entschieden werden, wenn klar ist, wer das Kulturamt übernimmt. Die Position ist ausgeschrieben, das Bewerbungsverfahren abgeschlossen. Bis ein Nachfolger auserkoren ist, bleibt Häring als Interimsdirektor im Amt.

Wie lange? »Das weiß ich nicht«, sagt der Kunstenthusiast und lehnt sich im Sessel seines Büros im zweiten Stock des Alten Schlosses entspannt zurück. Will heißen: Er hat Zeit. Er hat nicht nach seiner Pensionierung gerufen.

Klar dürfte sein: Die Kommune muss sich, wenn sie klug ist, Härings reichen Wissensschatz rund um die Gießener Kunst- und Kulturszene noch möglichst lange erhalten. Vielleicht könnte er seinen Nachfolger dereinst persönlich einarbeiten? »Das ist nicht vorgesehen.«

Der umtriebige Kunstexperte, Sohn eines Konrektors, stammt aus Friedberg. Dort ging er zur Volksschule und dort absolvierte er 1968 das Abitur – an der Augustinerschule. Danach studierte Häring in Gießen und Frankfurt Kunstgeschichte, Klassische Archäologie sowie Vor- und Frühgeschichte. 1977 wurde er mit seiner Dissertation über den Schottener Altar zum Dr. phil. promoviert. In der Stadt an der Lahn hat Häring viel bewirkt. Zu Beginn seiner Amtszeit galt es, das Leib’sche Haus mit seinen beiden Sparten – Stadtgeschichte und Volkskunde – erst einmal einzurichten. Auch das Wallenfels’sche Haus, das Vor- und Frühgeschichte, Archäologie und Völkerkunde unter einem Dach vereint, hat Häring mit aus der Taufe gehoben. Im ehrwürdigen Alten Schloss war seit jeher sein Domizil. »Ich habe die Häuser erst geschaffen und zu dem gemacht, was sie heute sind«, sagt er und zieht zufrieden Bilanz. »Ich habe mehr als 250 Ausstellungen betreut und an die 70 Kataloge herausgegeben.«

Kreativität zum Spüren

Er nennt die Namen moderner und zeitgenössischer Künstler: den Österreicher Rudolf Hausner (»Das waren glanzvolle Momente mit ihm«), den Aachener Karl Otto Götz und den gebürtigen Singener Maler Friedemann Hahn. Aber auch Herlinde Koelbl, Elvira Bach, Conrad Felixmüller, Walter Stöhrer und Bernhard Jäger gehören zum Ausstellungskanon. Die Liste erscheint endlos. Häring betont die Freundschaft mit vielen »seiner« Künstler.

Was bedeutet für ihn Kreativität? »Dass der Mensch Wege findet, sich selbst besser spüren zu können.« Und für sich selbst? »Da halte ich es mit Richard Wagner«, sagt der Museumschef augenzwinkernd und zitiert den Gesamtkunstwerker: »Es lohnt sich nur, mit dem Höchsten umzugehen, alles andere ist Erniedrigung.« Häring lacht und ergänzt: »Aber im Grunde bin ich Altruist.«

Und Humorist? »Ja, auch Humorist. Und gläubiger Katholik, Romantiker und Musikliebhaber. Bringen Sie das jetzt mal auf einen Nenner.«

Manfred Merz

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