16. September 2018, 14:47 Uhr

Mit Kreativität gegen Ignoranz

16. September 2018, 14:47 Uhr
Hämmern, sägen, bohren: Unter fachmännischer Anleitung bauen die Kinder und Jugendlichen auf der ehemaligen Containerfläche ihre Sitzecke. (Foto: csk)

In der Nordstadt regt sich Widerstand. Fast 30 Kinder und Jugendliche hämmern, sägen und bohren am Samstag an der Ecke Schwarzlachweg/Ederstraße, was das Zeug hält. Es sieht aus wie ein Freiluftseminar für Nachwuchshandwerker, ist aber eine besondere Form von Protest. Sie richtet sich gegen all jene Zeitgenossen, die Müll, statt ihn zu entsorgen, einfach in die Gegend werfen. Für ihre Aktion brauchen die »Demonstranten« dabei weder Spruchbänder noch Sprechchöre. Eine ordentliche Portion Kreativität reicht völlig aus.

Bis vor Kurzem standen hier, direkt an einem beliebten Spielplatz, noch Glas- und Altkleidercontainer. Wie Stadträtin Astrid Eibelshäuser erzählt, wurde neben ihnen in unschöner Regelmäßigkeit jede Menge Müll und Sperrmüll abgeladen. Die Stadt reagierte. Sie entfernte die Container – und erreichte damit nichts. Im Gegenteil: Kaum war die Fläche frei, wurden die Müllhaufen »eher immer größer«, berichtet Stadtteilmanager Lutz Perkitny.

Um das altbekannte Problem zu lösen, mussten neue Mittel her. So sei die Idee entstanden, die Fläche »anders zu gestalten« und die Kinder und Jugendlichen daran zu beteiligen, erzählt Eibelshäuser. Als Anlaufstelle dienten das Jugendzentrum »Holzwurm« sowie das Quartiersmanagement des Flussstraßenviertels. Für die Umsetzung holte die Stadt außerdem Bildhauer Christof Kalden aus Kassel ins Boot. In einem Vorbereitungsworkshop schmiedete er mit den Kindern einen Plan, am Samstag machten sie nun Nägel mit Köpfen.

Das heißt: Sie bastelten eine Sitzgruppe aus Baumstämmen. Vom Entrinden der Stämme über das Feilen und Schnitzen der Motive für Hocker, Bank und Tisch bis zum Bemalen der fertigen Sitzmöbel ist alles Handarbeit. Ein Modell verrät mittags bereits, wie abends das Ergebnis aussehen soll. Der Elan der Kinder lässt derweil erkennen, wie kostbar ihnen der Platz ist. Und Kalden zeigt sich »begeistert« ob der großen Tatkraft. Neben künstlerischen Ansprüchen erhebt er auch pädagogische: Wichtig sei ihm, »dass die Kinder den Entstehungsprozess miterleben« und »handwerklich was lernen«.

Perkitny betont ebenfalls die erwünschten Nebeneffekte der Aktion. »Wenn du etwas selbst mitgebaut hast, achtest du wesentlich mehr darauf«, erwartet er, dass die Kinder den Zustand ihrer Sitzecke künftig ganz genau im Blick behalten. Soll das Kleinod nicht wieder zum Schandfleck werden, muss freilich noch ein Faktor hinzukommen: die Einsicht der Müllablader.

Ob sie in Zukunft einen Bogen um den Schwarzlachweg machen, weiß am Samstag natürlich keiner. Skeptikern dürfte das Sofa, das nach der Abfuhr des bisher letzten Müllhaufens binnen eines Tages wieder an der Stelle »entsorgt« wurde, als Menetekel genügen. Die Beteiligten des Gestaltungsprojekts lassen sich davon allerdings nicht entmutigen. »Notfalls«, sagt Gartenamtsleiter Thomas Röhmel, »müssen wir das Gelände eben einzäunen.«

Zuvor ruht jetzt aber alle Hoffnung auf der Kunst. Denn was wäre gegen Ignoranz und Dreck jemals wirksamer gewesen als Engagement und Schönheit?

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