05. September 2018, 22:15 Uhr

»Mit Herz und Hand« in den Beruf

05. September 2018, 22:15 Uhr
Richard Betz alias Paul Ballmer demonstriert die Stabilität seiner Brücke. (Foto: bf)

Gießen (bf). Die Sonne schien am Mittwoch durch die Fenster der Bauhalle in der Jugendwerkstatt (JW) auf etwa 200 junge Menschen herab. Sie kamen aus der Werkstatt selbst, Schulen in Gießen und dem Ausbildungszentrum der Bauwirtschaft in Nidda, das mit der JW kooperiert. Alle Blicke gingen nach vorn auf den Zimmermann und Schauspieler Richard Betz, der in traditioneller Kleidung eine Kettensäge auf einen Balken senkte. »Jetzt geht’s richtig los!«, rief er dem Publikum zu.

Sein Theaterstück »Mit Herz und Hand« wendet sich an Handwerksinteressierte. Unterstützung kam vom hessischen Wirtschaftsministerium und vom Verband baugewerblicher Unternehmer Hessen. In der »zugleich wahren und erfundenen Geschichte«, erfährt Zimmermann Paul Ballmer erstmals von seiner Tochter, die Handwerkerin werden will. Ballmer erinnert sich: Wegen Betrugs landete er im Gefängnis. Dort schickte ihm ein Freund ein Wanderbuch aus der Lehrzeit, in dem sich Ausbilder verewigen können. Durch die Lektüre bekehrt, begann Ballmer ein Leben als Zimmerer.

Während der Erzählung, die er mit der Theaterautorin Michaela Bochus entwickelt hat, baute Betz aus Balken und Stangen eine Brücke. Um zu beweisen, dass sie ohne Nägel oder Leim hält, ließ er Zuschauer darüber schreiten und siehe da – sie hielt.

Die Brücke nutzte er als Bild für das Selbstvertrauen der Auszubildenden. Es wachse und stehe am Ende fest. Betz hat in seinem Betrieb in den vergangenen Jahren rund 20 junge Leute ausgebildet und etwa 50 Praktikanten begleitet. Im Handwerk gebe es riesige Chancen, auch ohne Vorkompetenzen. Wichtig sei nur Begabung für Mathematik, Überzeugung im Beruf und Disziplin.

Der Nordhesse führte sein Stück in dreieinhalb Jahren über 200-mal bundesweit vor insgesamt über 25 000 Interessierten auf, sogar einmal in einer Strafanstalt. Für die erfolgreiche Theaterkarriere verkleinerte er seine Werkstatt. Die Vorteile der Zunft seien Auslastung durch viele Aufträge, Arbeitsmöglichkeiten überall auf der Welt und guter Umsatz. Es gebe über 130 verschiedene Handwerksberufe – für jeden etwas.

Die Zuschauer wurden nach Interessen und Erfahrungen gefragt. Die Resonanz war zurückhaltend, manche verließen den Raum, doch andere lauschten gespannt und holten sich später ihr eigenes Wanderbuch. Nach einer Pause fand ein Theater-Workshop statt, in dem die Teilnehmer sich mit ihrem Weg im Leben auseinandersetzen konnten.

»Mit dem Stück wurde die Hälfte der Anwesenden erreicht, was ein guter Durchschnitt ist«, schätzt Marcus Gehrling, Ausbilder im Holz- und Bautenschutz in der JW und Zimmerer. Anette Bill, Pfarrerin der JW, welche die Veranstaltung iniziiert hatte, betonte: »Unsere Einrichtung betreut im Jahr 400 junge Leute bei Ausbildungsvorbereitung und anderen Maßnahmen.«

Paul Ballmer alias Richard Betz beendet jedenfalls das Stück, um auch seiner verschollenen Tochter vom Handwerk zu erzählen.

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