07. Juli 2011, 10:35 Uhr

Massen-Erschießung holte 1962 Gießener Polizeichef ein

Gießen (kw). Fünf Stunden dauerte das Massaker, bei dem 162 Menschen starben. Die Männer mussten in Reihen vor Gruben antreten und wurden mit Gewehren niedergemäht. Die Schilderungen einer Massen-Exekution an Juden in der polnischen Kleinstadt Ostrow im November 1939 schockierten 1962 die Zuhörer in einem Gießener Gerichtssaal.
07. Juli 2011, 10:35 Uhr
»Mehrjährige Zuchthausstrafen« titelte die Gießener Freie Presse - so hieß früher die Gießener Allgemeine Zeitung - am 27. März 1962. Die drei Mitverantwortlichen für ein Massaker an 162 Juden im Jahr 1939 mussten allerdings nur zwischen 39 und 45 Monaten in Haft.

Denn einer der beteiligten Vorgesetzten war sieben Jahre lang Leiter der Gießener Schutzpolizei gewesen. Der Magistrat hatte Hans Hoffmann 1952 eingestellt, obwohl es Hinweise auf die Verbrechen in seiner Vergangenheit gab. Die Hintergründe beleuchten Simon Bodenschatz, Tobias Conrad, Martin Schaefer und Marc Strehlow in ihrem Beitrag zum Geschichtswettbewerb. Für ihre Arbeit »NS-Verbrecher im Polizeidienst - Prozess gegen Polizeidirektor Hans Hoffmann« wurden die Elftklässler vom Landgraf-Ludwigs-Gymnasium mit einem der 13 Landessiege ausgezeichnet.

Hoffmann stammte aus Nordhausen und war nach dem Abitur 1924 in den Polizeidienst gegangen. Als Schutzpolizei-Hauptmann wurde er 1936 Leiter einer Kompanie, die mit Kriegsbeginn in das Polizeiregiment Warschau eingegliedert wurde. Dort ordnete ein Oberst die Exekution der 162 Juden in Ostrow an, die ein Feuer gelegt haben sollten. Ein Verfahren gab es nicht. Zusammen mit Hoffmann leitete Hauptmann Kurt Kirschner die Erschießung. Dabei sein wollte auch Theodor Pillich, der eigentlich für ein Sprengkommando der Technischen Nothilfe tätig war. Er dokumentierte die Aktion mit Fotos und soll auch Polizisten bedroht haben, die nicht weiter schießen wollten.

Alle drei wurden 1960 verhaftet und gemeinsam in Gießen vor ein Schwurgericht gestellt. Hoffmann behauptete, er sei in Ostrow gar nicht dabei gewesen. Er habe lediglich die Männer für die »Aktion« ausgesucht. Dem widersprachen zahlreiche Zeugen. Alle Angeklagten wurden 1962 wegen Beihilfe zum Mord verurteilt - zu Zuchthausstrafen zwischen drei Jahren und drei Monaten und drei Jahren und neun Monaten. Nach einer Revision der Staatsanwaltschaft wurde das Strafmaß 1963 bestätigt. Die Männer hatten kaum noch Haftzeit vor sich: Die Untersuchungshaft wurde angerechnet.

Milde Urteile damals häufig

Wie kann es sein, dass für solch grausamen Taten so milde Urteile gesprochen werden? Das fragten sich die vier jungen Forscher. Sie stellten allerdings fest, dass der Prozess vielen anderen jener Jahre gegen Nazi-Verbrecher ähnelte. Das geringe Strafmaß wurde in Gießen wie anderswo unter anderem damit begründet, dass die Täter nur »Glieder einer Befehlskette« waren, nicht aus einer antisemitischen Gesinnung heraus getötet hätten - sie seien »nicht mit dem Herzen dabei« gewesen - und sich nach dem Krieg »mit einer veränderten Situation abfinden mussten«.

Für Aufsehen und Entsetzen in der Bevölkerung sorgte Anfang der sechziger Jahre allerdings nicht so sehr das milde Urteil, sondern die schrecklichen Taten, meinen die LLG-Schüler. Immerhin waren sie von einem Mann begangen worden, der sieben Jahre lang in Gießen eine hohe Position innehatte. Offenbar hatte die Stadt 1952 sogar einen Gießener vernommen, der aus eigener Erfahrung über Hoffmanns Beteiligung an dem Massaker berichten konnte. Dennoch wurde er eingestellt; die Gründe seien unklar, so die Jungen. Erst nach einem anonymen Hinweis 1960 an die Staatsanwaltschaft in Wiesbaden wurde Hoffmann verhaftet.

Wollten damals viele Menschen in Deutschland am liebsten »einen Schlussstrich« unter die Vergangenheit ziehen, so sei sich heute die Mehrheit einig in ihrer Empörung über solche Taten, schreiben die Elftklässler. Auch wenn die Beteiligten nun fast alle gestorben sind, müsse man sich weiter damit befassen. Die Gesellschaft sei es den Opfern und ihren Angehörigen schuldig, die Erinnerung wachzuhalten.

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