08. März 2019, 11:00 Uhr

Mann, Frau, divers

Mann, Frau, divers: Das dritte Geschlecht und die Konsequenzen

Seit Januar gibt es im Geburtenregister neben den Feldern »männlich« und »weiblich« auch die Auswahl »divers«. Nicht nur für das Standesamt Gießen hat die Regelung Konsequenzen.
08. März 2019, 11:00 Uhr
(Foto: dpa)

Im Gießener Standesamt hat ein drittes Geschlecht Einzug gehalten: Seit Anfang des Jahres können Eltern nach der Geburt ihres Kindes bei der Erstbeurkundung nicht nur »männlich« oder weiblich«, sondern auch »divers« und »ohne Eintrag« als Geschlecht eintragen lassen. Die Stadt Gießen reagiert damit auf eine Gesetzesänderung, die weitreichende Auswirkungen auf die deutschen Verwaltungszentren hat, gleichzeitig aber für tausende Menschen Diskriminierungen abbauen soll.

Die Bundesregierung hat im Oktober einen Gesetzentwurf beschlossen, der eine dritte Option im Geburtenregister vorsieht. Sie setzte damit eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts um. 2017 hatten die Richter geurteilt, dass die geltende Regelung gegen das Persönlichkeitsrecht und gegen das Diskriminierungsverbot des Grundgesetzes verstoße. Geklagt hatte die intersexuelle Person Vanja, die zuvor jahrelang darum gekämpft hatte, nicht mehr auf das eine oder andere Geschlecht festgelegt zu werden.

 

Ärger wegen ärztlicher Untersuchung

Seit Januar ist das neue Persönlichkeitsrecht in Kraft – und sorgt auch in den Gießener Behörden für Kopfzerbrechen. Bei der Beurkundung nach der Geburt hält sich das noch in Grenzen, schließlich haben die Kliniken die Formulare angepasst. Und in Anspruch genommen wurde das Angebot auch noch nicht, wie Stadt-Sprecherin Claudia Boje mitteilt. Komplizierter ist es bei nachträglichen Änderungen. Nach Paragraf 45b des Personenstandsgesetzes ist das nun möglich. Allerdings gibt es Hürden. Wenn eine bei der Geburt als »Mann« eingetragene Person nun als »divers« geführt werden möchte, muss sie durch Vorlage einer ärztlichen Bescheinigung nachweisen, dass eine Variante der Geschlechtsentwicklung vorliegt. Bislang liegen dem Gießener Standesamt zwei solcher Anfragen vor, sagt Boje. »Da uns allerdings jegliche Informationen zur Handhabung fehlen, insbesondere zur erforderlichen ärztlichen Bescheinigung zum Nachweis der Geschlechterdiversität, sind die Anfragen noch nicht abschließend bearbeitet.«

Während die ärztliche Untersuchung bei Behörden zu offenen Fragen führt, haben Interessenverbände bereits erhebliche Kritik an der Praxis geäußert. Denn mit Medizinern haben viele der betroffenen Personen schlimme Erfahrungen gemacht.

Nicht immer kann das Geschlecht eines Neugeborenen eindeutig festgestellt werden. Oft treffen dann die Eltern eine Entscheidung. Mit gravierenden Auswirkungen nicht nur für den Körper, sondern auch die Psyche. Moan Zimmermann kennt viele solcher Geschichten. »Bei den Operationen werden grausamste Methoden angewendet. Viele Menschen sind danach ein Leben lang traumatisiert«, sagt der heimische Aktivist der Trans*InterQueer-Community. Intersexuelle Personen hätten daher oft kein Vertrauen in die Ärzteschaft, eine ärztliche Untersuchung komme für sie nicht in Frage. »Viele trauen sich ja nicht mal zum Hausarzt«, sagt Zimmermann. Abgesehen davon würden einige Mediziner lediglich chromosomale Abweichungen als Variante der Geschlechtsentwicklung klassifizieren, nicht aber hormonelle Abweichungen. Der Aktivist, der schon seit Jahren für die Rechte intersexueller Personen kämpft, sieht in dem neuen Gesetz daher lediglich »einen sehr kleinen Schritt in die richtige Richtung«.

Die neue Regelung hat aber nicht nur Auswirkungen auf die Geschlechtseintragung auf dem Standesamt. Sie hat auch zu einer lauten Diskussion ums stille Örtchen geführt. In Bayern beispielsweise sorgen Pläne für mächtig Wirbel, die den Bau von Toiletten für ein zusätzliches Geschlecht an Grundschulen vorsehen. Einige sehen darin eine überfällige Wahlmöglichkeit, andere finden den Schritt maßlos übertrieben. Im Gießener Rathaus wird die Debatte um potenzielle neue Schultoiletten ebenfalls geführt. Das bestätigt Boje. »Die Ämter haben bereits vor dem Hintergrund geplanter Bauprojekte über dieses Thema diskutiert. Derzeit gibt es aber noch keine verbindlichen Regelungen, Vorgaben oder Handlungsempfehlungen. Das Thema wird aber natürlich sehr ernst genommen.«

 

Neutrale Toiletten an Schulen geplant

So sei zum Beispiel angedacht, bei großen Sanierungsmaßnahmen die geschlechtsneutrale Toilette in der Planung zu berücksichtigen – sofern bautechnisch möglich, wirtschaftlich vertretbar und für die Betroffenen nicht diskriminierend umsetzbar. Schulen, die bereits über eine vom Flur aus zu erreichende barrierefreie WC-Anlage verfügten, könnten diese für alle Nutzer – männlich, weiblich, divers, Menschen mit Behinderung – kennzeichnen. »Hierdurch ist Diskretion gewährleistet und einer Diskriminierung vorgebeugt«, sagt Boje und fügt an, dass die oben genannten Maßnahmen für Schulbauten ab der 5. Klasse in Frage kämen.

Welche zusätzlichen Herausforderungen das neue Gesetz noch mit sich bringt, wird die Zukunft zeigen. Übrigens nicht nur für Behörden. Denn neben Schülern müssen auch Kunden, Arbeitnehmer und Festbesucher auf Toilette. Schon jetzt verfassen Arbeitgeber, darunter auch die Stadt Gießen, geschlechtsneutrale Stellenausschreibungen (»m/w/d«), um Diskriminierungen im Sinne des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes zu vermeiden. Es wird vermutlich noch viele weitere Änderungen geben. Denn laut Verfassung sind zwar alle Menschen vor dem Gesetz gleich. In ihren Identitäten werden sie aber immer vielfältiger.

Info

Intersexuell, transsexuell, divers

Bei intersexuellen Menschen sind die Geschlechtsmerkmale, also zum Beispiel Chromosomen, Hormone und Genitalien, nicht eindeutig ausgeprägt. Sie verfügen über männliche und weibliche Merkmale, etwa weibliche Geschlechtsteile und männliche Chromosomen. In Deutschland gibt es nach Schätzungen des Vereins Intersexueller Menschen 80 000 bis 120 000 Intersexuelle, andere Quellen gehen von höheren Zahlen aus. Transsexuelle haben eindeutige Geschlechtsmerkmale, fühlen sich aber dem anderen Geschlecht zugehörig. Geschätzt gibt es zwischen 20 000 und 80 000 Transsexuelle in Deutschland. »Divers« schließt beide Personenkreise ein.

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