20. März 2018, 21:18 Uhr

Madonna ist zurückgekehrt

Jahrzehntelang befand sie sich unbeachtet in einer Vitrine im Vorraum der Gaststätte auf dem Schiffenberg: die Skulptur einer sitzenden Madonna mit Kind. Während der kürzlich erfolgten Restaurierung der Basilika hat der städtische Denkmalpfleger Joachim Rauch entschieden, sie wieder in die Kirche zurückzustellen. Nun steht sie wieder an dem Ort, wo sie sich zuletzt befand: die Wandnische im südlichen Querhausarm.
20. März 2018, 21:18 Uhr

Bei der Madonnenskulptur in der Schiffenberg-Basilika handelt es sich um eine Kopie. Das Original aus weißem Sandstein befindet sich seit 1917/18 im Landesmuseum Darmstadt, wird dort in der Abteilung Skulptur des Mittelalters präsentiert. Die Kopie wurde 1977 gefertigt, auf Initiative und mit Spenden Gießener Bürger, die sich seit den 1960er Jahren für Erhalt und Nutzung des Schiffenberg-Areals durch die Stadt einsetzten. Ende April 1978, also vor 40 Jahren, wurde die Madonna der Öffentlichkeit übergeben. Aus ihrem vorläufigen Standort vor der Gaststätte wurde ein Dauerzustand. Die Gewöhnung führte dazu, dass die Vitrine meist zugestellt war. Was aktuell auch an einer Vitrine mit Grabungsfunden zu beobachten ist.

Spielende Kinder finden Kopf

Die »Schiffenberger Madonna« ist unter Kunsthistorikern seit der ersten Denkmalphase um 1900 bekannt und wertgeschätzt. In der Literatur wird sie beschrieben als »Torso ohne Kopf und ohne Kind«. Und ohne rechte Hand, möchte man hinzufügen. Der Kopf wurde von spielenden Kindern im Schiffenberger Wald gefunden und glücklicherweise ins Museum gegeben. Experten setzten den Kopf fachgerecht wieder auf. Wer weiß, vielleicht liegen auch die fehlenden Unterarme der Madonna und der Oberkörper des Jesuskindes noch irgendwo im Schiffenberger Wald und warten darauf, gefunden zu werden. Ebenso fehlen der Oberkörper einer knienden Skulptur aus rotem Sandstein, deren unterer Teil noch in der Basilika steht. Dabei handelt es sich um eine Person in Anbetungshaltung, womöglich stellte sie den Stifter dar.

Vandalismus im 19. Jahrhundert

Wann, warum und wie die Zerstörung der Skulpturen stattfand, darüber lässt sich nur mutmaßen. Wahrscheinlich ist die Zeit nach Übernahme des Schiffenbergs durch das Großherzogtum Hessen (1809/11). Mit der baldigen Verpachtung als landwirtschaftliches Gut erfolgte die Auflösung des gesamten kirchlichen Inventars. Geblieben sind damals nur die Herrenbühne und eine Glocke. Die Arkaden der Kirche zum Innenhof waren nun geöffnet, Wind und Wetter, Mensch und Tier tummelten sich seitdem ungehindert im Kirchenraum.

Schon 1884 berichtete die Darmstädter Zeitung vom Vandalismus in der Schiffenberger Kirche und beklagte, wie heruntergekommen alles sei. Das großherzogliche Bauamt ordnete daraufhin eine Bestandsaufnahme an, was für die Architektur in Planzeichnungen belegt ist. Danach erfolgten erste denkmalpflegerische Maßnahmen an der Kirche und Grabungen im östlichen Außenbereich der Kirche, bei denen die Grundmauern von Apsiden freigelegt wurden. Diese wurden damals wieder zugeschüttet, eine Dokumentation ist nicht erhalten. Die aktuell sichtbare Aufmauerung der Chorapsis geschah im Zuge der jüngsten Restaurierung 2015.

Die Entstehung der Madonna wurde von Kunsthistorikern zwischen 1310 und 1330 datiert und den rheinisch-lothringischen Werkstätten zugeschrieben. Auch wurde die stilistische Ähnlichkeit zu Skulpturen der Chorschranken in der Marburger Elisabeth-Kirche benannt. Diese Kirche wurde 1235 bis 1283 unter dem Deutschen Orden erbaut.

Schiffenberg war 1323 die letzte Inbesitznahme des Deutschen Ordens in Hessen. Die Übergabe erfolgte durch Erzbischof Balduin von Trier, der sich jedoch weiterhin die Entscheidungsmacht vorbehielt. Was ein ungewöhnlicher Handel war. In ihrer 2012 publizierten Doktorarbeit interpretiert Verena Kessel diese Zusammenhänge neu. Sie untersuchte das Wirken des mächtigen Erzbischofs unter dem Aspekt Politik und Kunst.

Balduin von Trier (1285 bis 1354) war einer der einflussreichsten Kirchenfürsten seiner Zeit und gestaltete maßgeblich die Reichspolitik mit. Als Oberhaupt des Hauses Luxemburg und Leiter des Trierer Erzbistums stand er im Zentrum unterschiedlicher Interessen. Er war ein Förderer der Kunst, was für die damalige Zeit bedeutete: Er stiftete die Ausstattungen von Bibliotheken, Kirchen und Klöstern, vergab Aufträge zur Ausschmückung seines Palastes. Ab 1328 verwaltete er auch das Mainzer Erzbistum, 1331 bis 1336 auch noch die Bistümer Worms und Speyer, 1344 erwarb er die halbe Herrschaft Limburg. Eine ungeheure Machtfülle also.

Balduin von Trier als Stifter

Die Schiffenberger Madonna ist aus territorialpolitischen Gründen gestiftet worden, anlässlich der Übergabe des Augustiner-Chorherren-Stifts an den Deutschritterorden. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit von Balduin von Trier selbst. Das Geschenk diente zur Befriedung der bisherigen Bewohner und zur Begrüßung der neuen Herren, was natürlich nicht aus reiner Selbstlosigkeit geschah. Die Skulptur blieb den Bewohnern als »immerwährende Erinnerung an ihren Wohltäter« vor Augen, also stellvertretend für den Machtanspruch des Gebers. Von Trier aus betrachtet, liegt Schiffenberg am äußersten östlichen Ende des Territoriums. »Kein Kunstwerk ist so auf die Grenze gesetzt wie dieses«, so Verena Kessel. Die lange Zeit wenig beachtete Skulptur wird damit in ihrer politischen Dimension neu gewürdigt.

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