23. Januar 2016, 10:00 Uhr

Maden für Milliarden

Gießen (chh). Im RTL-Dschungelcamp sind Insekten in aller Munde. Ekelhaft? Primitiv? Wohl eher visionär. Die Menschen ernähren sich in Zukunft vielleicht nicht direkt von Insekten, trotzdem werden Käfer und Co. die Lebensmittelproduktion radikal verändern. Zumindest arbeitet der Gießener Professor Andreas Vilcinskas daran.
23. Januar 2016, 10:00 Uhr
(Foto: chh)

Wenn wir uns nicht ändern, werden wir verhungern. Schon jetzt leben auf der Erde über sieben Milliarden Menschen, laut einer Prognose der UN werden es in 35 Jahren 9,2 Milliarden sein. Mit der heutigen Art der Lebensmittelproduktion wird man so viele Menschen nicht satt bekommen – man schafft es ja schon jetzt nicht. Also muss etwas getan werden. Und hier kommt Professor Dr. Andreas Vilcinskas ins Spiel.
Noch liegt das Büro des 51-jährigen Zoologen im 6. Stock der »Alten Chemie«, dieser hässliche graue Klotz am Heinrich-Buff-Ring. Doch in gut zwei Jahren wird der Chef des LOEWE-Zentrums für Insektenbiotechnologie und Bioressourcen umziehen. Im Sommer 2018 soll das neue Fraunhofer-Institut auf der gegenüberliegenden Straßenseite fertig sein. Vilcinskas soll es leiten, das LOEWE-Zentrum wird integriert. Spatenstich ist im Frühjahr, 30 Millionen Euro soll das Projekt kosten. Die Summe zeigt, wie zukunftsträchtig Vilcinskas’ Forschung ist.

»Wir untersuchen, wie Insektenmoleküle in Produkte und Dienstleistungen verwandelt werden können, die in der Medizin, im Pflanzenschutz und der Industrie eingesetzt werden.« Auch die Lebensmittelproduktion sei ein wichtiges Einsatzfeld. Das habe aber wenig damit zu tun, dass sich abgehalfterte C-Promis im australischen Dschungel Maden in den Mund stecken. »Bei uns geht es darum, Insekten in der Biokonversion einzusetzen, also bei der Umwandlung von organischen Abfällen in Wertstoffe«, sagt Vilcinskas und nennt ein Beispiel: »Sie können Gras über eine Kuh verwerten, die setzt es dann in Fleisch um, das Sie essen. Dabei entsteht viel Methan, der Vorgang ist also ökonomisch nicht sehr effizient. Insekten hingegen können Pflanzenmaterial viel effizienter verwerten, ohne das Treibhausgase entstehen.« Nach dem Prozess seien die Insekten extrem fett- und eiweißhaltig. »Daraus kann man dann zum Beispiel Tierfutter generieren.«

Wunderheiler im Bürgerkrieg
Auch in der Medizin kommen Insekten zum Einsatz. Zum Beispiel Wundmaden. Deren therapeutische Wirkung hat man im amerikanischen Bürgerkrieg wiederentdeckt, erzählt Professor Vilcinskas: »Soldaten, die zwischen den Fronten lagen, konnten nicht versorgt werden. Wenn sie Tage später geborgen wurden, waren ihre Wunden voller Maden, aber die Männer lebten.« Soldaten, die mit vergleichbaren Verletzungen ins Lazarett gebracht wurden, seien hingegen gestorben. Das liege am Speichel der Maden. Darin seien Enzyme, die lediglich krankes Gewebe angreifen. Durch die Entwicklung von Antibiotika sei diese Form der Heilung jedoch wieder in Vergessenheit geraten. Heute beschäftigen sich die Wissenschaftler erneut mit den Tieren. »Wundmaden sind als Rezept zugelassen. Die therapeutischen Erfolge sind spektakulär.« Zudem gebe es im Speichel der Tiere Substanzen, die Bakterien töten, die gegen viele andere Antibiotika resistent sind. Vilcinskas: »Unser Ansatz ist es, diese Moleküle zu identifizieren, zu charakterisieren und im großen Maßstab herzustellen. Uns schwebt zum Beispiel vor, Wundpflaster herzustellen.«


Die Vorteile liegen auf der Hand: Um den immensen Fleischkonsum der Menschen zu decken, werden jedes Jahr Tausende Quadratkilometer Regenwald abgeholzt. Auf den Flächen wird vor allem Soja angebaut, das als Tierfutter genutzt wird. Würden Schweine künftig mit aus Insekten gewonnenen Proteinen gefüttert, würde weniger Regenwald gerodet, die bestehenden Soja-Äcker können für den Getreideanbau genutzt werden. Weiterer Vorteil: Die Krabbeltiere fressen Abfall. »Nehmen Sie zum Beispiel die Soldatenfliege. Sie kann mit Frittenfett, Silage oder Jauche ernährt werden. Dadurch entsteht nicht nur hochwertiges Protein, auch die hohen Entsorgungskosten entfallen.« Ein anderes Beispiel sei die Aquakultur. »Lachszuchten sind umstritten, weil man die Lachse mit Fisch aus dem Meer füttert. Das ist ökonomisch und aus Sicht der Ökobilanz nicht besonders sinnvoll. Fischfutter aus Insektenlarven wäre daher ein vielversprechender Weg für die Zukunft.«

Wäre es aber nicht noch zukunftsträchtiger, mit den Insekten nicht die Nutztiere, sondern direkt den Menschen zu ernähren? In weiten Teilen der Erde stehen Maden oder Käfer schon längst auf der Speisekarte. Und das aus gutem Grund: Laut UN sind vom Schwein nur etwa 17 Prozent essbar, bei der Heuschrecke sind es 75 Prozent. Von den vielen Nährstoffen ganz zu schweigen.
    
Insekten als Gluten-Killer
    
Doch Vilcinskas glaubt nicht daran, dass in der westlichen Welt bald Maden auf den Tellern liegen. »Natürlich finden es auch einige Deutsche schick, Insekten zu essen. Es gibt schon die passenden Restaurants und Kochbücher. Aber ich halte das für eine Modeerscheinung.« Abgesehen davon sei der Umweg über die Tierfutterproduktion rechtlich einfacher umzusetzen. Und nicht zuletzt sei da noch die psychologische Hemmschwelle.

Kein Wunder: Der Mensch hat ein Problem mit Insekten. Sie übertragen nicht nur tödliche Infektionskrankheiten, sie sind auch die größten Nahrungskonkurrenten der Menschen. »Denken Sie nur an die Schädlinge auf den Feldern«, sagt Vilcinskas. Und nicht zuletzt ekeln sich die meisten Menschen vor Insekten.

Ganz anders Vilcinskas. Er ist fasziniert von den Krabbeltieren. »In der Evolutionsbiologie ist die Biodiversität das am häufigsten genannte Kriterium für Erfolg. Wer eine große Artenvielfalt hat, ist erfolgreich. Und mit 1,2 Millionen beschriebenen Arten sind die Insekten die mit Abstand artenreichste Organismengruppe.« Vilcinskas spricht daher von einer riesigen Naturstoff-Bibliothek. »Und diese Bibliothek muss zum Wohle der Menschheit genutzt werden.« Aktuell geschehe das zum Beispiel schon bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Stichwort Gluten. Weil Betroffene diese einzelne Komponente des Getreides nicht vertragen, müssen sie auf das gesamte Produkt verzichten. Doch das könnte sich bald ändern, sagt Vilcinskas: »Wir haben ein Insektenenzym gefunden, das nur dieses eine Peptid abbaut, das für die Unverträglichkeit verantwortlich ist. Der ganze Rest bleibt erhalten. Mit solchen Enzymen kann man glutenfreie Lebensmittel herstellen, ohne komplett auf die Inhalte verzichten zu müssen.«

Insekten sind also Gluten-Killer, Methan-Vermeider, Abfallvernichter und Proteinlieferanten. Die perfekte Nahrungsquelle für die Zukunft, auch wenn sie nur über einen Umweg auf unseren Tellern landen. Und was sagt das über die Dchungelcamper? Sie mögen in vielen Bereichen zurückgeblieben sein. Ihre Nahrungsaufnahme allerdings ist zukunftsweisend.

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