11. Januar 2019, 06:00 Uhr

Lokführer

Lokführer: Immer noch ein Traumjob?

Zugausfälle häufen sich. Hauptgrund? Es fehlen Lokführer – obwohl ein Hauptschulabschluss für die Ausbildung reicht. Was ist aus dem einstigen Traumjob vieler Kinder geworden?
11. Januar 2019, 06:00 Uhr
Maik Niekisch auf dem Weg nach Frankfurt. Der 32-Jährige hat bei der HLB seinen Traumjob gefunden. (Foto: mac)

Wenn Maik Niekisch in der Frühschicht mit seinem Zug auf Gleis 3 des Gießener Bahnhofs einfährt, hebt er im Führerhaus die Hand. Er begrüßt den Polizisten, der am Bahnsteig immer vorne auf den Zug nach Frankfurt wartet, und auch die Anzugträger, die nach der Ankunft am Main in einem der Bankenhochhäuser verschwinden werden. »Mit der Zeit kennt man seine Pappenheimer«, sagt Niekisch. Er lacht.

Der 32-Jährige ist seit zehn Jahren Lokführer bei der Hessischen Landesbahn (HLB). Der gelernte Energieelektroniker kam damals als Quereinsteiger in die Branche. »Die Ausbildung hat neun Monate gedauert und mich an die Führerscheinprüfung erinnert«, sagt Niekisch. Eisenbahn habe ihn schon immer fasziniert. Er habe die Entscheidung nie bereut. Ein Grund sei »das gute Gehalt« von circa 3500 Euro brutto.

Im Führerhaus fühlt sich Niekisch wohl. Vor allem genießt er den Ausblick. Als der Zug in Frankfurt ankommt, geht hinter dem Bahnhof die Sonne auf. »Diese Skyline. Das ist meine Aussicht. Die gehört mir«; sagt Niekisch. Obwohl der Zug auf Schienen läuft, muss er auf dem Weg eine Menge Dinge im Blick haben, Signale bestätigen oder alle 30 Sekunden die Sifa, die Sicherheitsfahrschaltung betätigen. Das ist eine auf Triebfahrzeugen eingebaute Einrichtung, die einen Zug per Zwangsbremsung zum Stehen bringt, wenn der Triebfahrzeugführer handlungsunfähig wird. »Ich bin gut überwacht«, sagt Niekisch. Seine Maxime und die seiner Kollegen: »Sicherheit vor Pünktlichkeit«. »Man darf sich keinen Stress machen lassen, denn dann passieren Fehler«, sagt er.

 

Hohe psychische Belastung

Der junge Mann mit den langen blonden Haaren spricht mit Begeisterung über den Beruf. »Ich bin Lokführer aus Leidenschaft.« Niekisch weiß aber, dass er »nicht der Standard« ist. Für die Mehrzahl der Kollegen sei das Zugfahren nur ein Job. Sie sprächen häufiger von Mehrbelastung, mehr Druck und mehr Verantwortung. Der Krankenstand ist hoch, die psychische Belastung auch. Dies will Niekisch aber nicht als Grund dafür durchgehen lassen, dass im Moment so viele Lokführer fehlen. »Es hieß schon vor Jahren, es sei ein sicherer Job. Schon damals war nicht von der Hand zu weisen, dass Fahrer fehlen«, sagt Niekisch. Das System Eisenbahn habe zu spät reagiert und zu spät angefangen nachzubessern.

Man darf sich keinen Stress machen lassen, denn dann passieren Fehler

Maik Niekisch

In den vergangenen Wochen und Monaten ließ die HLB ganze Fahrten ausfallen. Die Fahrgäste schwanken zwischen Frust über eingeschränkte Mobilität und Verständnis für die angespannte Situation bei den Bahnunternehmen. Diese beklagen das fehlende Personal immer lauter. Entgegen vieler Behauptungen liege der Lokführermangel aber nicht daran, dass die Unternehmen zu wenig Personal einstellen würden, sagt Knut Ringat, Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV).

Seine These bestätigt eine Statistik des Portals Statista, derzufolge die Zahl der Lokführer zwischen 2012 und 2016 bundesweit um 3119 Beschäftigte auf insgesamt 29295 gestiegen ist. »In ganz Deutschland ist der Arbeitsmarkt für Lokführer leergefegt«, sagt Ringat, unter dessen Dach die HLB agiert. Immer mehr Menschen würden Busse und Bahnen nutzen. Mehr Fahrten bräuchten mehr Personal. »Die verstärkt auch in den Nachtstunden und am Wochenende erforderlichen Schichten müssen mit zusätzlichem Personal besetzt werden«, heißt es vom RMV. Auch Tarifvereinbarungen, wie kürzere Arbeitszeiten oder zusätzliche Urlaubstage, würden für einen höheren Personalbedarf sorgen. Das sei der wahre Grund für die Defizite.

 

Viele Quereinsteiger

Bei der HLB sind rund 300 Lokführer im Einsatz, darunter 60 Auszubildende. »Das ist eine gute Zahl, aber auch dringend notwendig«, sagt Peter Runge von der HLB-Geschäftsführung. Eine Übernahme ist bei bestandener Abschlussprüfung garantiert. Zudem müssten ad hoc mehrere Lokführer eingestellt werden, um alle Fahrten abzudecken. »Da hat man keine Chance«, sagt Runge. Laut Bundesagentur für Arbeit dauere es 167 Tage, bis ein Kandidat für eine freie Stelle gefunden werde. Im Schnitt brauche die Agentur rund 95 Tage.

Ein weiterer Aspekt sei die hohe Fluktuation. RMV und HLB nennen neben Krankheiten und Urlaubsansprüchen auch die Folge von Selbstmorden auf der Bahnstrecke als Gründe für die dünne Personaldecke. Schließlich sei oft nicht klar, wie lange Lokführer aufgrund der traumatischen Erfahrungen ausfallen würden. Dazu kommt, dass in den kommenden 15 Jahren laut Studie des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen fast 40 Prozent der Beschäftigten in Ruhestand gehen werden. Das wird weitere Lücken reißen.

Um diese zu füllen, kommen auch ältere Personen als Quereinsteiger in Frage. Die Bahn teilte mit, DB Regio setze »gezielt auf Quereinsteiger für eine neunmonatige Qualifizierung zum Triebfahrzeugführer. Bei körperlicher Voraussetzung haben auch Studienabbrecher, Zeitsoldaten oder über 50-Jährige gute Jobchancen«. Derzeit bilde das Betriebsmanagement Gießen elf Quereinsteiger aus, im kommenden Jahr sollen zehn weitere ihre Ausbildung beginnen. Auch bei Berufseinsteigern versucht die Bahn alles, um die Lokführer-Ausbildung ins Scheinwerferlicht zu rücken. Die Voraussetzungen sind so niedrig wie nie zuvor. Ein Hauptschulabschluss reicht.

Zusatzinfo

Die Ausbildung

Die Ausbildung zum Lokführer im Personenverkehr bei DB dauert drei Jahre. Das Gehalt liegt je nach Ausbildungsjahr zwischen 904 Euro und 1108 Euro brutto im Monat, es wird ein 13. Monatsgehalt gezahlt. Während der Ausbildung bietet DB Freifahrten und einen Mietkostenzuschuss. Der Konzern verspricht eine Übernahme bei abgeschlossener Ausbildung. Ausbildungsorte sind Frankfurt und Gießen. Die Ausbildung für Quereinsteiger mit abgeschlossener Berufsausbildung dauert neun Monate.

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