09. August 2018, 22:01 Uhr

Seenotretter

»Lifeline«: Gießener versorgt Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer

Der Gießener Arzt Florian Schulte hat die Flüchtlingskrise hautnah erlebt. Mit dem Schiff »Lifeline« hat er Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer gerettet. Über seine Erlebnisse spricht er im Interview.
09. August 2018, 22:01 Uhr
Seenotrettungsschiff Lifeline im Mittelmeer (Foto: Javi Julio)

Während in Europa über die Flüchtlingskrise gestritten wird, packen einige Menschen einfach an. Dazu gehört der Gießener Arzt Florian Schulte. Mit dem Schiff »Lifeline« hat er Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer gerettet und medizinisch versorgt. Am 10. August ruft er mit der Gruppe Seebrücke Gießen zu einer Demonstration am Kirchenplatz auf (siehe Box). Im Interview spricht der 33- Jährige über dramatische Fälle, Schlepper und Politik.

Herr Schulte, Sie sind als Arzt auf der »Lifeline« mitgefahren, einem privaten Schiff, das Flüchtlinge aus Seenot rettet. Wo waren Sie unterwegs?

Florian Schulte: Unser Einsatzgebiet lag 25 bis 50 Seemeilen vor der libyschen Küste in internationalen Gewässern. Operiert hat die »Lifeline« von Malta aus.

Wie lange waren Sie auf See?

Schulte: Ich habe zwei Missionen à zwei Wochen mitgemacht. Eine im Oktober und eine im November letzten Jahres.

Welche Aufgaben hatten Sie an Bord?

Schulte: Als Arzt war ich für die medizinische Versorgung der Flüchtlinge an Bord zuständig, aber auch für die Crew von etwa 20 Leuten. Das medizinische Team war stets dreiköpfig; bei der ersten Mission zwei Ärzte und eine Krankenschwester und bei der zweiten Mission ein Rettungssanitäter, eine Hebamme und ich.

Wie sieht ein Tag auf der »Lifeline« aus?

 

Schulte: Es gab viele alltägliche Arbeiten zu tun, zum Beispiel putzen oder kochen. Als Arzt habe ich auch überraschend oft seekranke Crew-Mitglieder behandelt. Im Einsatzgebiet hielten wir permanent Ausschau nach Flüchtingsbooten. Zwei Leute vom Oberdeck mit Ferngläsern und ansonsten per Radar. Die Brücke muss immer besetzt sein. Dabei wechseln sich Crew-Mitglieder ab. Es kann sein, dass man zwei Wochen fährt, ohne ein Boot zu sehen, so wie bei meiner ersten Mission. Es kann aber auch passieren, dass man vier Boote in zwei Tagen retten muss, wie bei der zweiten Mission.

Was passiert, wenn ein Boot auf dem Meer zu sehen ist?

Schulte: Alle unsere Sichtungen melden wir an das Seenotrettungszentrum in Rom. Oft bekommt man die Fälle direkt von dort zugewiesen, fährt dann zur entsprechenden Position und nimmt die Menschen an Bord. Wenn wir in der Nähe eines Flüchtlingsbootes sind, sind wir dazu verpflichtet, die Rettung zu übernehmen.

Wie haben Sie die Menschen an Bord dann untersucht?

Schulte: Man muss schnell herausfinden, wer krank ist und sofort Hilfe benötigt. Deshalb habe ich erst einmal jeden mit einem Händedruck begrüßt, der an Bord kam, um zu schauen, wie kräftig er ist. 70 bis 80 Prozent waren körperlich halbwegs stabil, aber von der Flucht gezeichnet. Der Rest war dehydriert, unterkühlt und teils extrem schwach – sei es durch Seekrankheit oder die katastrophalen Zustände in den libyschen Lagern. Einen Fall werde ich wohl nie vergessen: eine Frau hat auf dem Gummiboot ein Kind geboren.

Wie war das für Sie?

Schulte: Da war ich sehr froh, dass eine Hebamme im Team war. Die Frau kam mit Nachwehen an Bord. Das Kind haben wir von unseren Rettungsschwimmern als Bündel überreicht bekommen – mit Plazenta und Co. Wir haben den Säugling dann an Bord entbunden.

 

Ich erinnere mich auch an junge Männer mit derben, knotigen Narben auf dem Rücken, die zu traumatisiert waren, um darüber zu reden.

Folria Schulte, Arzt

Gibt es weitere besondere Fälle, die Ihnen im Kopf geblieben sind?

Schulte: Alle. Die ganze Stimmung war so gespenstisch. Aber vor allem die Menschen aus Subsahara-Afrika. Aus den libyschen Flüchtlingslagern brachten viele die Krätze mit, weil ihnen dort hygienische Grundversorgung verweigert wurde. Ich erinnere mich auch an junge Männer mit derben, knotigen Narben auf dem Rücken, die zu traumatisiert waren, um darüber zu reden. Das waren Folterverletzungen. Da waren auch viele junge Frauen, die über Unterleibsbeschwerden klagten. Andere waren schwanger, aber zeigten irgendwie kein rechtes Interesse an ihrem Kind. Im medizinischen Team vermuten wir, dass sie vergewaltigt worden sind. Alleine schon deswegen verbietet es sich, die Menschen nach Libyen zurückzubringen.

Wie haben Sie sich mit den Flüchtlingen bei der Untersuchung verständigt?

Schulte: Mit den meisten Afrikanern konnte ich Englisch oder Französisch sprechen. Bei Arabern war es etwas schwieriger, nur manche sprachen etwas Französisch. Meist waren sie jedoch in einer etwas besseren Verfassung. Wir hatten die Menschen generell nicht sehr lange an Bord.

Wie ist die »Lifeline« für medizinische Notfälle ausgerüstet?

Schulte: Es gibt eine komplett eingerichtete Krankenstation, nahe am Niveau einer europäischen Intensivstation. Allerdings gibt es nur ein Bett und zwei Korbtragen für besonders schwere Fälle.

Wohin haben Sie die Flüchtlinge nach der Seenotrettung gebracht?

Schulte: Wir sind ein sogenannter First Responder. Das bedeutet, wir nehmen die Menschen von den Booten auf und übergeben sie in Absprache mit dem Seenotrettungszentrum in Rom an größere Schiffe wie die »Sea-Watch III«. Sie können Flüchtlinge ein paar Tage menschenwürdig versorgen.

Auf dem Rettungsschiff »Lifeline« arbeitet Florian Schulte (r.) mit seinem Team auf einer Krankenstation.	(Foto: R. Kupfner)
Auf dem Rettungsschiff »Lifeline« arbeitet Florian Schulte (r.) mit seinem Team auf einer ...

Seenotretter begünstigen das Geschäft der Schlepper, sagen Kritiker. Was entgegnen Sie ihnen?

 

Schulte: Das ist eine sehr zynische Betrachtungsweise. Sie bedeutet: Wenn wir ein paar Tausend Menschen ertrinken lassen, bleiben die anderen schon weg. Das ist nicht nur menschenfeindlich, sondern auch falsch. Eine Studie der Universität Oxford zeigt, dass durch die Seenotrettung nicht mehr Flüchtlinge kommen – es sterben bloß weniger. Wir Seenotretter arbeiten nicht mit Schleppern zusammen. Den Vorwurf könnte man vielmehr der EU machen. Amnesty International hat dokumentiert, dass es zwischen Schleppern und libyscher Küstenwache personelle Überschneidungen gibt – und letztere wird von der EU unterstützt.

Warum haben Sie nicht weitergemacht mit der Seenotrettung im Mittelmeer?

Schulte: Ich war danach mit einer anderen Hilfsorganisation im Libanon unterwegs. Als ich zurück nach Gießen kam, ließ kein Hafen die »Lifeline« anlegen und viele NGO-Schiffe wurden festgesetzt. Da war mir klar: Wenn wir weiter das Sterben auf dem Mittelmeer verhindern möchten, müssen wir die deutsche Öffentlichkeit erreichen – und das versuche ich jetzt.

Was motiviert Sie, sich so stark zu engagieren?

Schulte: Die zentrale Mittelmeerroute ist die tödlichste Fluchtroute der Welt. Ich habe das hautnah erlebt. Die Menschen, die auf diesen Booten sitzen, sind völlig hilflos. Meist haben sie gerade genug Benzin an Bord, um in die internationalen Gewässer zu fahren. Dann sitzen sie auf ihren Booten fest. Es ist ganz simpel: Entweder sie werden gerettet oder sie ertrinken. Und je nachdem, wer sie rausfischt, kommen sie danach nach Europa oder zurück ins Foltercamp.

Was kann man von Gießen aus tun?

Schulte: Es braucht klare, öffentliche Ansagen von Kommunen, dass sie weiterhin Bootsflüchtlinge aufnehmen wollen – auch aus Gießen. Wer sich engagieren will, kann die Oberbürgermeisterin darum bitten. Um über die Seenotrettung zu informieren, kann unsere Gruppe Seebrücke Gießen Verstärkung gebrauchen. Es ist wichtig, das Thema ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, weil es nicht nur um Seenotrettung geht. Letztlich geht es auch darum, ob Menschenrechte nur für Weiße gelten oder für alle.

Info

Demonstration am Kirchenplatz

Unter dem Motto »Schafft sichere Häfen« ruft die Gruppe Seebrücke Gießen am Freitag zu einer Demonstration auf. Treffpunkt ist um 16 Uhr am Kirchenplatz. »Menschen auf dem Mittelmeer sterben zu lassen und die Abschottung Europas voranzutreiben, widerspricht jeglicher Humanität«, heißt es in der Ankündigung. Die Organisatoren, darunter der Gießener Arzt Florian Schulte, rufen Teilnehmer dazu auf, sich durch orangefarbene Kleidung solidarisch mit Geflüchteten und Seenotrettern zu zeigen. Weitere Informationen finden Sie unter www.facebook.com/seebrueckegiessen.

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