Kultkneipe-Scarabée wird 50 Jahre alt

Gießen (ck). Das Scarabée war die erste studentische Musikkneipe in Gießen. Ein Großeinsatz der Polizei gegen die Drogenszene verlieh dem »Scara«, das jetzt seinen 50 Geburtstag feiert, 1973 Kultstatus.
01. Juni 2012, 21:18 Uhr
Ein Ereignis, das zur Legendenbildung beitrug: Ende August 1973 fuhr ein Polizeigroßaufgebot in Güterwaggons im Riegelpfad vor, um der dortigen Drogenszene den Garaus zu machen. (Foto: pv)

Man schreibt das Jahr 1962: Das sechsteilige Fernsehspiel »Das Halstuch« von Francis Durbridge legt an den Sendetagen das öffentliche Leben in der Bundesrepublik praktisch lahm; über die deutsche Nordseeküste bricht die schwerste Sturmflut seit über 100 Jahren herein; Frankreich und Algerien unterzeichnen einen Vertrag zur Beendigung des Algerienkrieges; der DFB gründet die Fußball-Bundesliga; die Beatles nehmen ihre erste Single auf; US-Präsident John F. Kennedy macht in einer Fernsehrede die Kubakrise öffentlich; Brian Jones, Mick Jagger und Keith Richards gründen die Rockband Rolling Stones; Wilt Chamberlain erzielt 100 Punkte in einem NBA-Spiel – und in Gießen öffnet die erste studentische Musikkneipe ihre Pforten: das Scarabée.

Genau genommen im Riegelpfad, einer kleinen Nebenstraße direkt an den Gleisen der Vogelsbergbahn, wo der vorwiegend in der Gastronomie tätige Mediziner Dr. Wilhelm Türck die dort beheimatete Sinalco-Abfüllerei pachtet und in deren Räumen dem Ägypter Osman Abousteit die Einrichtung eines Studentenlokals ermöglicht. Das »Scarabée« war geboren – ein kleiner Raum, ausgestattet mit lederbezogenen Sitzkissen und Hieroglyphen an den Wänden und mit winziger Tanzfläche, auf die die jungen Leute von der Musik eines Zehn-Platten-Wechslers getrieben wurden. Das ist jetzt 50 Jahre her. Anfang Juni feiert der »Schuppen« – und mehr war es eigentlich nie, auch nicht, nachdem das Lokal 1971 durch die Hinzunahme eines Kellerraumes um etliche Quadratmeter erweitert worden war – rundes Jubiläum in der Gewissheit, dass in dem zurückliegenden halben Jahrhundert viele Kneipen in Gießen eröffnet und auch geschlossen wurden, das Scarabée aber heute noch besteht – und das weitgehend unverändert, was in Zeiten des Lounge-Gedankens nicht genug gewürdigt werden kann.

Als Studentenkneipe gegründet, sollte eigentlich eine Eingangskontrolle dafür sorgen, dass auch wirklich nur der akademische Nachwuchs Einlass findet. Doch nicht alle Türsteher sahen das so eng, so dass sich in relativ kurzer Zeit eine bunte Gästeschar entwickelte, vom Anzug- bis zum Parkaträger quasi alles dabei war: multikulti also, bevor das Wort überhaupt erfunden war.

»Das Scarabée war klein und heiß, die Musik zu laut, und wenn es voll war, hockten alle fast aufeinander«, fasst im AZ-Gespräch Pit Glahn die »Vorteile« des Lokals zusammen; wie auch die stete Präsenz hübscher junger Frauen. Apropos Musik: Sie sei etwas härter, rockiger, immer etwas der Zeit voraus gewesen im Vergleich zu den Kneipen, die ab Mitte der 60er Jahre in Gießen eröffneten. Und: Es wurde keiner genötigt, etwas zu trinken. Man konnte also auch nur einfach rumstehen, quatschen und Musik hören; wobei sich die meisten Besucher schon an Bier- oder Apfelweinflaschen festhielten, wie Glahn rückblickend zugesteht. Er selbst begann im Scarabée (»An die Abkürzung Scara kann ich mich gar nicht erinnern. «) an der Tür, wechselte hinter die Theke und dann von 1964 bis Anfang ’67 auf den Geschäftsführerposten; eine Funktion, die er sich mit zwei anderen Mitarbeitern teilte, bis die steigenden Verpflichtungen im Studium seinem Kneipenengagement ein Ende bereiteten.

Zur Geschichte des Scarabée gehören ferner die Besuche von Udo Lindenberg, Otto Waalkes, Marius Müller-Westernhagen oder Daniel Cohn-Bendit, aber natürlich auch der bis dato größte Polizeieinsatz in Gießen gegen die Drogenszene, die sich mit der Zeit im Riegelpfad breit gemacht hatte. Denn Ende der 60er, mit Beginn der Studentenrevolten und der Love-and-Peace-Generation, wurden im Scarabée nicht nur anregende Getränke gehandelt. Plötzlich roch es keineswegs mehr nur nach Zigarettenqualm, und es waren nicht ausnahmslos Kopfschmerztabletten, die den Besitzer wechselten. Die Staatsmacht sah sich genötigt zu reagieren, und Ende August 1973 folgte der große Schlag der Polizei, die mit einer Hundertschaft in Güterwaggons auf den Bahngleisen vorfuhr, um der Szene in Riegelpfad und »Essiggässchen« mit einem überraschenden Einsatz den Garaus zu machen.

Auch angesichts dieser Aktion ranken sich noch heute Legenden und Gerüchte um die Musikkneipe; einige sicherlich wahr, andere vom nachlassenden Erinnerungsvermögen der seinerzeitigen Protagonisten gefärbt. Tatsache ist, dass das Lokal seine Daseinsberechtigung gegen eine stetig wachsende Kneipenszene in den folgenden Jahrzehnten verteidigt hat. Seit 1994 behaupten sich Inge Menges und Christel Brömer-Weber als Pächterinnen am Markt, trotz zwischenzeitlichem Rauchverbot und verändertem Ausgehverhalten der Gäste, dank einer Änderung der Sperrzeitverkürzung.

Geblieben ist das, was das Scara immer schon ausgezeichnet hat: Ein multikulturelles Publikum, gute Musik, die je nach Stilrichtung auf verschiedene Öffnungstage (Mi. bis Sa.) verteilt wurde, und die Freiheit zu wählen, ob man etwas trinken oder Eintritt (erst nach 24 Uhr) bezahlen möchte. Und da baulich im Innern praktisch nichts verändert wurde, würden sich auch Gäste der ersten Stunde dort problemlos zurecht finden. Und welche Kneipe kann das nach 50 Jahren schon von sich behaupten…?

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