13. September 2018, 06:00 Uhr

Pflegeengpass

Krankenhaus – und was kommt danach?

Wenn ein Patient aus dem Krankenhaus entlassen wird, muss die weitere Versorgung sichergestellt sein. Das ist sie aber häufig nicht. Denn viele ambulante Pflegedienste winken ab. Kein Personal.
13. September 2018, 06:00 Uhr
Dank ambulanter Pflege können Senioren zu Hause versorgt werden. Doch die Dienste haben akute Personalnot. (Foto: Fotolia/Bartussek)

Die alte Dame hatte einen Herzinfarkt. Im Krankenhaus wurden ihr Bypässe gelegt, nun ist sie auf dem Weg der Besserung. Die Entlassung steht bevor. Ärzte und Pflegepersonal haben ihren Job gemacht, jetzt ist der soziale Dienst dran. Die Mitarbeiter müssen dafür sorgen, dass die Patientin auch zu Hause gut klar kommt. Diese Unterstützung ist ein Teil des so genannten Entlassmanagements der Krankenhäuser. Dieses gibt es schon lange, doch seit 2017 ist sie gesetzlich vorgeschrieben.

»Das Krankenhaus darf den Patienten nicht nach Hause lassen, wenn der Übergang in die Versorgung nicht sichergestellt ist«, sagt Andrea Kramer, die Leiterin der Beratungs- und Koordinierungsstelle für ältere Menschen (Beko). Das gestaltet sich in der Praxis ungeheuer schwierig. Kramer. »Wir haben es oft mit verzweifelten Angehörigen zu tun«. Krankenhäuser, Sozialstationen, ambulante Dienste, Angehörige – sie alle stehen vor einem Riesenproblem.

»Das ganze Gesundheitssystem ist krank«, bringt es Dorothea Arnold, die Leiterin der Caritas-Sozialstation, auf den Punkt. Ihre Mitarbeiterinnen versorgen rund 145 Klienten und sind am Limit. Immer öfter kommt es vor, dass sie bei kurzfristigen Anfragen absagen muss. Vielen Kollegen in der Stadt geht es ebenso. »Wir haben erst wieder Zeit, wenn jemand stirbt«, heißt es dann.

Die Patienten sind voller Ängste vor dem, was kommt
Eva Weißgerber, EV

Auch Heike Schmidt bekommt häufig Absagen. Die Dipl. Sozialarbeiterin ist im St. Josefs Krankenhaus Balserische Stiftung schon viele Jahre im Sozialdienst tätig. Ebenso wie ihre Kollegen telefoniert sie sich oft die Finger wund, bevor ihr die Anschlussversorgung gelingt. »Wir schaffen es immer, aber es wird immer schwieriger«. Der demographische Wandel und der Fachkräftemangel machen sich deutlich bemerkbar, ergänzt Sabine Hartmann, Assistentin der Geschäftsleitung im St. Josefs Krankenhaus.

Von einer »maximalen Herausforderung« spricht Frank Steibli, Pressesprecher des Uniklinikums. Für Patienten mit speziellen Bedürfnissen ist die Situation besonders krass: Für psychisch Kranke, für Patienten, die beatmet werden müssen oder keimbelastet waren. Doch auch für Patienten ohne besondere Handicaps ist die Lage finster. »Der Druck ist massiv gestiegen«, sagt Eva Weißgerber vom Sozialdienst des Evangelischen Krankenhauses.

Die Verweildauer der Patienten ist in den vergangenen Jahren immer weiter gesunken. Das bedeutet, dass es einen enormen »Durchlauf« von Patienten gibt. Auch sie und ihre Kollegen bemühen sich nach Kräften, die Pflege zu Hause zu organisieren, und schließlich gelingt es auch immer. In vielen Fällen unterstützen auch die Angehörigen die Bemühungen der Sozialdienste. »Es kann aber gut sein, dass ein Patient zu Hause bis zum Mittag warten muss, bis jemand kommt, um beim Waschen und Anziehen zu helfen. Es können nicht alle morgens um 8 Uhr besucht werden«.

Die Krankenhäuser stehen vor einem unlösbaren Dilemma: Sie bleiben auf den Kosten sitzen, wenn sie ihre Patienten nicht entlassen können. Doch eine Entlassung kommt nicht in Frage, solange sich zu Hause niemand kümmern kann. Leidtragende sind die Patienten – und deren Familien. »Oft nehmen sich die Töchter oder Schwiegertöchter Urlaub, um zu Hause einspringen zu können«, sagt Andrea Kramer.

Wir haben es sehr häufig mit verzweifelten Angehörigen zu tun

Andrea Kramer, Beko

Und wenn der Urlaub vorbei ist? Oder es keine Angehörigen gibt? Auf diese Fragen gibt es keine Antworten, sondern allgemeines Achselzucken. Statt der vom Gesetzgeber gewünschten ambulanten Versorgung zu Hause muss es dann doch das Pflegeheim sein. Aber Kurzzeitpflegeplätze sind ebenfalls Mangelware. Manchmal wird ein Senior vorübergehend in eine stationäre Einrichtung weit weg vom Heimatort verlegt, weil es keine andere Möglichkeit gibt. Oder es gibt eine Entlassung mit Drehtüreffekt: Der Patient kommt unversorgt nach Hause und landet wenige Tage später mit dem Notarztwagen erneut im Krankenhaus. »Eine Schande für unser Land«, sagen Insider. Sie befürchten, dass sich die Situation in den kommenden Jahren noch deutlich zuspitzt. Schon jetzt gibt es Heime, die zwar Betten und Zimmer frei haben, aber nicht genug Personal.

Noch gravierender als in der ambulanten Pflege sieht es im Bereich der haushaltsnaher Dienstleistungen aus. Die mobilen Dienste der Arbeiterwohlfahrt können ihre Kundenwünsche im Bereich der Pflege derzeit gut erfüllen. Anders ist es bei Hilfen im Haushalt. »Wir würden ja Leute einstellen, wenn es welche gäbe«, sagt Geschäftsführer Jens Dapper. Patienten, die vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen in Pflegegrad 1 eingestuft worden sind, haben zwar 125 Euro monatlich für entlastende Dienste zur Verfügung, aber das Geld nützt ihnen nichts, wenn es kein Personal gibt. Diese Erfahrung macht auch die Beko. »Die Leute suchen händeringend nach bezahlbarer Unterstützung«. Die Stundensätze gewerblicher Anbieter sind für Senioren mit kleinen Renten nicht zu finanzieren, und selbst auf dem »Schwarzmarkt« finden viele derzeit keine seriösen Helfer.

Wie erleben die Sozialdienste die Patienten, die vor der Entlassung stehen? Eva Weißgerber: »Die freuen sich, alles überstanden zu haben – und sind voller Ängste vor dem, was kommt«.

Zusatzinfo

Beko: Tipps zu Entlassmanagement

Das Entlassmanagement im Krankenhaus umfasst Hilfe bei der Beantragung von Leistungen aus der Kranken- und Pflegeversicherung, die Anschlussversorgung, die Verordnung von Medikamenten und Hilfsmitteln und anderes mehr. Wer einen Krankenhausaufenhtalt planen kann, sollte frühzeitig mit dem Sozialdienst (Pflegeüberleitung) Kontakt aufnehmen. Infos dazu gibt es bei der Beratungsstelle für ältere Menschen (Beko, Kleine Mühlgasse 8). Diese hält auch Listen mit ambulanten Diensten und Pflegeeinrichtungen bereit. https://www.beko-giessen.de/Tel: 9 79 00 90

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