13. Juni 2018, 22:01 Uhr

Kluge Texte gegen die Reizüberflutung

Schon als kleiner Junge war Johannes Oerding voller Leidenschaft Pfadfinder. Die richtige Spur für sein Leben hat er längst gefunden. Seine Songs »Kreise« und »Hundert Leben« laufen im Radio rauf und runter. Er ist glücklich mit Sängerin und Moderatorin Ina Müller liiert. Und in seinem Kühlschrank findet er immer genug zu Essen. Jetzt hofft er nur noch auf gutes Wetter, wenn er im September auf dem Schiffenberg spielt.
13. Juni 2018, 22:01 Uhr

Sie sind schon 2015 in der Kongresshalle aufgetreten, am 3. September gibt es ein Wiederhören auf dem Schiffenberg. Was ist Ihnen lieber: Halle oder open air?

Johannes Oerding: Also ich muss sagen: In dem Fall spiele ich lieber open air. Clubkonzerte können etwas sehr Schönes sein, aber Hallenkonzerte haben oft etwas von Turnhallenauftritten. Ich freue mich eigentlich immer, draußen zu spielen, weil die Atmosphäre dann eine andere ist. Es hat etwas von einem Picknickkonzert und auch die Laune ist bei allen gleich besser. Schade ist nur, wenn es beim Konzert im Hochsommer noch hell ist. Man will ja auch eine Lichtshow bieten und ins Dunkle hinein spielen.

Live auf der Bühne zu stehen, macht sicher die Faszination Ihres Berufs aus...

Oerding: Das bestätigt sicher jeder Musiker. Man hat ja schließlich mal angefangen, ein Instrument zu lernen, weil man aktiv Musik machen wollte. Ich bin aber nicht Musiker geworden, um berühmt zu werden. Das wäre der falsche Ansatz.

Ihr neues Album »Kreise« haben Sie auch mit den NDR-Radiophilharmonikern aufgenommen. Wie kam es dazu?

Oerding: Das war ein Highlight. Ich bin tatsächlich von denen gefragt worden. Die hatten vorher schon etwas Ähnliches mit Max Mutzke gemacht. Ich habe natürlich sofort Ja gesagt. Es gibt kaum etwas Schöneres, als seine eigenen Songs noch einmal veredelt durch ein klassisches Orchester zu hören. Das ist pure Gänsehaut und ein Kompliment, dass die eigenen Sachen relevant sind.

Wenn Sie neue Songs schreiben – was kommt erst: Text oder Musik?

Oerding: Das hat sich im Laufe der Jahre geändert, seitdem deutschsprachige Musik so gefragt ist. Als ich die ersten Alben geschrieben habe, war allgemein der Text noch nicht so wichtig. Heute ist es so, dass ich mir erst ein Thema oder einen Refrain überlege, etwas, das mich anzockt, und dann frage ich mich, welche Musik passt.

Ist das auch der Grund, warum Sie weiterhin nur auf Deutsch singen?

Oerding: Mein Schulenglisch ist einfach zu schlecht, das klänge dann ein bisschen Dieter-Bohlen-mäßig. Ich will auch gerade mit der Sprache einen Reiz setzen, mit Wortspielen meine Hörer anpieksen. Und das kann man am besten in der Muttersprache.

Auf dem neuen Album gibt es die Lieder »Kreise« und »Hundert Leben«, die dauernd im Radio rauf- und runterdudeln...

Oerding: (lacht) Das tut mir wirklich leid...

Man kriegt die beiden Songs einfach nicht mehr aus dem Ohr. Aber sie wirken wie eine Art Zwischenbilanz des Lebens. Sind Sie dafür nicht noch ein bisschen jung?

Oerding: Wer weiß, wie alt ich noch werde. Ich hatte einfach mit 36 das Gefühl, mein Leben mal Revue passieren lassen zu müssen. Ich wollte den Unterschied zwischen meiner Kindheit und meinem Erwachsenenleben festhalten. Bei »Kreise« interpretiere ich gar nicht so viel Vergangenheitsbewältigung hinein. Es ist für mich eine Momentaufnahme von Menschen, die sich überlegen, vielleicht auch mal einen anderen Weg zu gehen. Das Lied ist vielleicht auch gerade deshalb so relevant geworden, weil alles Mögliche hineininterpretiert werden kann.

Auch »Zieh dich aus« fällt vom Sound aus dem Rahmen. Ist das eine Homage an Prince oder wollten Sie mal zeigen, dass Sie auch anderes als Balladen können?

Oerding: Das habe ich ja generell auf dem Album gemacht. Ich habe viel mehr gewagt. Aber das ist natürlich auch ein Prozess. Irgendwann hat man sein Profil geklärt und kann dann auch mal etwas anders machen, was einem Spaß macht. Ich bin großer Prince-, Michael-Jackson- und Stevie-Wonder-Fan. Und solche Einsprengsel findet man auf dem gesamten Album.

Sie haben bereits Ihre Kindheit angesprochen: Sie sind in einem Dorf aufgewachsen, hat diese Kindheit dafür gesorgt, dass Sie heute mit dem Erfolg gut klarkommen und bodenständig geblieben sind?

Oerding: Ich glaube das hat einfach mit meiner Erziehung zu tun. Es kann dir auch in der Großstadt passieren, dass du mit gewissen Grundwerten ausgestattet wirst. Meine Eltern haben mich und meine Geschwister so gut sozialisiert, dass ich in den letzten Jahren gut klargekommen bin. Ich glaube aber trotzdem, dass für ein Kind das Dorf, die Natur und eine Gemeinschaft, in der sich alle unterstützen, sehr wichtig sind.

Und die Pfadfinder haben dabei für Sie auch eine große Rolle gespielt...

Oerding: Ich war einfach gerne Pfadfinder – und bin es immer noch. In den letzten Jahren war es für mich zeitlich schwierig, bei Sommerlagern dabei zu sein. Es ist aber einfach ein großer, großer Urlaub, wenn man mit vielen Kindern in ein Sommerlager fährt, sie dort beschäftigt, mit ihnen Musik macht. Es ist außerdem nicht für alle Familien möglich, in den Urlaub zu fahren. Ich bin stolz auf meinen Vater, dass er bei uns den Pfadfinderverein gegründet hat und so die Kids von der Straße geholt hat.

Ihre Lieder beschäftigen sich nicht nur mit den großen Themen des Lebens, sondern erzählen auch sehr Persönliches. Wann wird es zu privat?

Oerding: Man darf alles in einem Song erzählen und sollte nicht gleich eine Schere im Kopf haben. Sonst beschneidet man schon gleich seine Kunst. Ich persönlich finde es nur schwierig, wenn in Songs eklige Bilder beschrieben werden. So etwas wie Fußpilz hat einfach in der Musik nichts verloren.

Wie ist es für Sie, wenn Leute beim Hören Ihrer Songs Rückschlüsse auf Ihre Beziehung zu Ina Müller ziehen?

Oerding: Es beeinträchtigt jetzt nicht mein Leben, wenn Menschen so denken. Mein Privatleben ist natürlich schon eine Grundlage für Songs, die ich schreibe. Aber als Singer-Songwriter ist es auch erlaubt, Geschichten fantasievoll oder aus der Sicht anderer zu erzählen. Irgendwann hat man auch sein gesamtes Leben erzählt. Man kann nicht immer wieder die gleiche Liebesgeschichte neu schreiben. Als Songschreiber bin ich auf der Suche nach Reizen, Geschichten und Perspektiven. So wie Bob Dylan. Der hat Menschen beobachtet und aus deren Sicht Songs geschrieben.

Ist es in Zeiten von YouTube und Streaming-Diensten für Musiker schwieriger geworden, nur mit dem Musikmachen Geld zu verdienen?

Oerding: Mir geht es gut. Ich habe noch etwas zu Essen im Kühlschrank. Aber es ist natürlich eine extreme Reizüberflutung. Und darunter wird in den nächsten Jahren auch die Qualität leiden. Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt und gleichzeitig vervielfacht sich das Angebot. Jeder Trottel kann sich ins Internet stellen und Musik machen oder Schminktipps geben und als sogenannter Influencer Kinder und Jugendliche beeinflussen. Ich finde, man sollte die neuen Strukturen von Spotify oder Streaming-Diensten aber auch als Chance begreifen. Die Verteilung der Einnahmen muss gerecht sein, aber es ist doch auch schön, dass man so den Zugang zu so viel Musik und Kunst hat.

Was erwartet die Besucher bei Ihrem Konzert im September auf dem Schiffenberg?

Oerding: Es wird eine Art Best-off meiner Lieblingslieder aus allen fünf Alben. Wir schmeißen ein schönes Set zusammen. In den Songs wird es auch ein paar Überraschungen geben. Die Zuschauer werden richtig etwas zu tun bekommen und können mitsingen. Ich hoffe nur noch auf gutes Wetter. Dann wird es sicher ein schöner, traumhafter Abend. (Foto: Marcel Schaar/sonymusic)

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