26. April 2012, 23:08 Uhr

Klinikum: Angebot von Fresenius löst heftige Diskussion aus

Gießen/Frankfurt (si). Wenn es stimmt, was der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Erik Hamann am Donnerstag auf der Bilanzpressekonferenz des Rhön-Klinikums in Frankfurt sagte, dann war nicht einmal die Spitze seines Unternehmens informiert.
26. April 2012, 23:08 Uhr
(Foto: Red)

Unmittelbar vor Börsenöffnung kurz vor 9 Uhr verbreitete das Bad Homburger Unternehmen Fresenius die Nachricht, dass es Rhön übernehmen will – und damit das Uniklinikum Gießen und Marburg, die größte Tochter das Bad Neustädter Konzerns. Erst recht überrascht waren die Menschen in Mittelhessen, als sie die Nachricht hörten. Hochschulen und Politik hatten sich in den letzten Wochen zwar immer wieder mit Rhön beschäftigt. Doch dabei ging es um den befürchteten Stellenabbau im Klinikum und dessen wirtschaftliche Zukunft. Eine Übernahme war als vages Gerücht gehandelt und von der Geschäftsführung strikt dementiert worden. Welche Folgen der Eigentümerwechsel für das Haus haben könnte, war am Donnerstag eine heiß diskutierte Frage. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Antwort allerdings noch völlig offen. Fresenius selbst hat sich dazu bisher nicht geäußert.

Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) begrüßte die Übernahmeofferte. Die Landesregierung werde unverzüglich Gespräche mit Fresenius aufnehmen, um die Interessen des Landes zur Sicherung der Krankenhausversorgung sowie von Forschung und Lehre aufzunehmen, sagte er im Landtag. »Dabei muss klar sein, dass ein Universitätsklinikum vom neuen Partner anders gesehen und behandelt werden muss als ein normales Krankenhaus«, meinte er im Landtag.

JLU-Präsident Joybrato Mukherjee und der Gießener Medizin-Dekan Trinad Chakraborty sprachen von einer »neuen Situation«. Das Land müsse jetzt alle Optionen prüfen – auch die einer »Rückführung des Universitätsklinikums in die öffentliche Hand«. Als Ziel gaben sie die bestmögliche Sicherung von Spitzenforschung, hervorragender Lehre und exzellenter Krankenversorgung aus. »Aufzuräumen« sei mit den »völlig falschen Erwartungen« von Rhön an das Universitätsklinikum.

Die Marburger Uni-Präsidentin Katharina Krause sprach sich sogar ausdrücklich für eine Rücknahme der Privatisierung aus. Der Übergang an einen neuen privaten Träger werde bei den Beschäftigten des Klinikums und der Bevölkerung in Marburg nur schwer Akzeptanz finden, sagte sie. Das brachte ihr allerdings einen Rüffel von Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) ein. »Im Gegensatz zu Frau Krause betrachte ich die Übernahme von Rhön als große Chance«, schreibt sie.

Für die Gewerkschaft ver.di ist jetzt die Landesregierung am Zug. Sie müsse keinen neuen Betreiber akzeptieren. Bei einer Übernahme durch Fresenius habe das Land ein Rückkaufrecht, so ver.di Sekretärin Marita Kruckewitt. Es habe jetzt »die Chance, die Fehler aus der Privatisierung des Universitätsklinikums im Jahre 2006 zu korrigieren«. Ver.di Hessen verbreitete die Einschätzung, dass der entstehende »Krankenhaus-Riese« womöglich eine neue Runde beim Personalabbau einleiten werde. Mit der bevorstehenden Fusion zu einem Konzern mit rund 80 000 Beschäftigten würden sich die Nachteile öffentlicher und kirchlicher Betreiber verschärfen, die finanziell nicht so gut ausgestattet seien wie Privatunternehmen.

»Wir werden auch unter dem neuen Eigentümer gegen Stellenabbau kämpfen«, sagte der Gießener Betriebsratsvorsitzende Klaus Hanschur . Für Details sei es noch zu früh. Jetzt müsse man abwarten und beobachten. Er glaube im Übrigen nicht, dass es zwischen den beiden Konzernen große Unterschiede gebe, sagte Hanschur.

Gießens Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz sprach sich dafür aus, den Gesellschaftervertrag zwischen Land und Eigentümer neu zu verhandeln. Unter der bisherigen Vereinbarung habe der gesamte Klinikumsbetrieb gelitten. »Das bisherige Modell der Privatisierung ist gescheitert«, so die OB.

Der hessische SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel und der heimische SPD-Landtagsabgeordnete Gerhard Merz äußerten sich »besorgt« über die Übernahmepläne. Wenn Fresenius tatsächlich einen um fast 50 Prozent höheren Preis für die Aktien der Rhön-Klinikum AG zahlen wolle, müsse dieser Kaufpreis über Gewinne finanziert werden. Es sei zu befürchten, dass dies »vor allem auf dem Rücken der Beschäftigten passieren« werde, so Schäfer-Gümbel und Merz. Sie forderten das Land auf, den Beschäftigten ein Rückkehrrecht in den Landesdienst über den 30. Juni hinaus einzuräumen, nämlich bis Ende des Jahres. Die Entscheidung zur Privatisierung sei falsch gewesen.

Auch die Grünen sehen sich mit dem Übernahmeangebot in der Annahme bestätigt, dass die Privatisierung des Uniklinikums durch CDU und FDP falsch gewesen sei. Die Partei »Die Linke « forderte die SPD in Wiesbaden auf, den Verkauf der Schmidt-Kliniken an den Rhön-Konzern zu stoppen.

Das Unternehmen Fresenius hatte gestern bekanntgegeben, dass es für rund 3,1 Milliarden Euro die Rhön-Klinikum AG übernehmen will. Deren Häuser sollen dann mit denen der Fresenius-Tochter Helios zusammengeführt werden. Mit 128 Krankenhäusern und 70 Versorgungszentren entstünde der mit Abstand größte deutsche Krankenhauskonzern. Helios war übrigens schon 2005 einer der Bieter für das Uniklinikum Gießen und Marburg gewesen, das Land entscheid sich damals allerdings für Rhön als Käufer.

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