16. Februar 2018, 14:00 Uhr

Kinderladen

Kinderladen in Gießen: Keine Kita wie jede andere

Der Gießener Kinderladen wird 50. Gegründet im antiautoritären 68er-Geist, hat die Kita eine bewegte Geschichte.
16. Februar 2018, 14:00 Uhr
Kinderladen in Not: Mit viel Wohlwollen – das war damals nicht selbstverständlich – berichtet die Gießener Allgemeine Zeitung 1971 über den Kampf der Studenteninitiative um offizielle Anerkennung und geeignete Räume. (Foto: Schepp)

Das Gründungsjahr ist vielsagend. Ganz im Geist des gesellschaftlichen Aufbruchs riefen Studentinnen, Studenten und Uni-Angehörige 1968 den Gießener »Kinderladen« ins Leben. Sie wollten einen Ort schaffen für antiautoritäre Erziehung, um ihren Nachwuchs von repressiven Traditionen der Gesellschaft zu befreien. Viele ihrer Ideen sind heute selbstverständlicher Bestandteil der Vorschulbetreuung. Dennoch ist der Kinderladen auch zu seinem 50-jährigen Jubiläum keine Kita wie jede andere.

Die jungen Eltern aus Gießen gehörten zu den Pionieren der Kinderladen-Bewegung in Deutschland. Der ideologische Hintergrund war Auflehnung gegen Bevormundung und Establishment und die Frage, welche Pädagogik die »Hitler-Generation« hervorgebracht hatte. Hinzu kam ein praktischer Beweggrund: Es fehlte an Plätzen in den regulären Kindergärten. Also schritten die Mütter und Väter zur Selbsthilfe.

Zuerst großes Misstrauen

Bei den etablierten Einrichtungen und den möglichen öffentlichen Geldgebern stieß die Elterninitiative in den ersten Jahren auf Vorbehalte und Misstrauen. In der Regel wurden nur Kirchen und große Wohlfahrtsverbände als Kindergartenträger anerkannt, aber nicht der eigensinnige kleine Trägerverein »Interessengemeinschaft Kindertagesstätte«. Auseinandersetzungen untereinander machten den Anfang zusätzlich schwer.

 

Langer Kampf um Anerkennung

 

Zunächst betreuten die Studierenden ihre Kinder abwechselnd in ihren Privatwohnungen. Einige Monate lang konnten sie die Turnhalle im Jugendzentrum der Kongresshalle nutzen, zeitweise auch Räume der Universität, dann eine Wohnung in der Bahnhofstraße. Die erste »Kindergärtnerin« konnte dank der Unterstützung des AStA angestellt werden. Eine Weile musste die Betreuung – lange vor der Erfindung des Waldkindergartens – ins Freie verlegt werden.

Doch allmählich ging es bergauf. Das Land Hessen überließ dem Verein den leerstehenden Kindergarten im Notaufnahmelager, der im November 1968 bezogen wurde. 20 Kinder zwischen zwei und sechs Jahren wurden von zwei Mitarbeiterinnen betreut. 1972 gelang der Durchbruch im Bemühen um offizielle Anerkennung: Die Stadt stellte dem Kinderladen Räume in der Frankfurter Straße 48 zur Verfügung und trug ein Drittel der Kosten. 14 Jahre lang blieb die Kita in diesem Gebäude.

Das Besondere ist das Miteinander der Eltern und Erzieherinnen

Stefanie Flauger vom Trägerverein

Wie viele Regeln braucht eine Kita, wie »gleichberechtigt« kann der Umgang zwischen Erwachsenen und Dreijährigen sein? Um das Erziehungskonzept wurde lange gerungen. Ein Teil der Eltern entschloss sich zu einer gruppentherapeutischen Arbeit bei Horst-Eberhard Richter, der die Einrichtung stetig begleitete. Der prominente Psychoanalytiker feierte vor zehn Jahren den 40. Geburtstag mit, ebenso wie der Politologe Claus Leggewie und der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit.

Seit 28 Jahren befindet sich der Kinderladen in einem großen Haus mit Garten in der Rodheimer Straße 21. Dort werden heute 25 Drei- bis Sechsjährige von bis zu fünf Mitarbeitern betreut. »Das Besondere ist das Miteinander der Eltern und Erzieherinnen«, sagt Stefanie Flauger vom Trägerverein. Der monatliche Elternabend gehöre genauso zur Selbstverwaltung wie das Engagement etwa beim Renovieren.

Diese Bindung und Eigenständigkeit seien für die meisten Eltern der Grund, sich bewusst für den Kinderladen zu entscheiden. Natürlich gebe es auch einige, für die beispielsweise die Lage den Ausschlag gibt. Das pädagogische Konzept dagegen findet man heute ähnlich in traditionellen Kitas: »Die Betreuerinnen sehen die Kinder als sich entwickelnde Personen, deren Individualität sie mit Wertschätzung begegnen, deren Äußerungen sie aufgreifen und ernst nehmen.

So lernen die Kinder, ihre Interessen, Gefühle und Bedürfnisse zu erkennen, auszudrücken und in den Alltag einzubringen.« Für die Jubiläumsfeier werden noch Unterstützer gesucht.

Zusatzinfo

Fest im Juni - Spender gesucht

Alle Interessierten und besonders auch die Ehemaligen sind willkommen bei der Jubiläumsfeier am Samstag, dem 9. Juni ab 15 Uhr rund um den Kinderladen in der Rodheimer Straße 21. Es gibt Spiel und Spaß, Musik und leckeres Essen für Groß und Klein. Da das Fest nur durch ehrenamtlichen Einsatz verwirklicht werden kann und der Kinderladen kaum finanzielle Mittel zur Verfügung hat, ist er auf Spenden angewiesen. Wer eine finanzielle Unterstützung anbieten möchte, kann dies tun unter Tel. 06 41/6 61 08 tun oder per E-Mail an kontakt@kinderladen-giessen.de.

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