25. Oktober 2017, 14:00 Uhr

Vegan leben

Kein freudloser Verzicht

Vor einigen Jahren waren Veganer noch eine seltene Spezies. Mittlerweile ist es ein Megatrend, alle Produkte tierischen Ursprungs zu meiden. Warum der Verzicht ihr Leben reicher macht, erklärt Sina Hahn. Die 31-Jährige lebt seit sechs Jahren vegan.
25. Oktober 2017, 14:00 Uhr
Sina Hahn mag es bunt: In Sachen Frisur, aber auch auf dem Teller. (Foto: Schepp)

Beim Dorfmetzger hing ein halbes Schwein. Es war für Familie Hahn aus Bad Nauheim bestimmt. In Einzelteile zerlegt, wanderte es in die Tiefkühltruhe und wurde nach und nach verzehrt. Das machten die Hahns jedes Jahr so. Der Anblick des toten Tieres hatte jedoch weitreichende Folgen für die siebenjährige Sina. »Das esse ich nicht«, sagte das Kind. Und dabei blieb es. Heute ist Sina Hahn 31 Jahre alt. Seit sieben Jahren ist die Krankenschwester, die im Klinikum tätig ist, nicht nur Vegetarierin, sondern auch Veganerin. Abgesehen davon, dass es ihr ohne Milchprodukte besser geht, da sie eine Lactoseintoleranz entwickelt hat, ist dies in ihren Augen ein folgerichtiger Schritt: »Ich möchte keine Tiere ausbeuten«. Jedes Lebewesen habe das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Fleischkonsum sei nur das sichtbarste Zeichen dafür, was der Mensch sich anmaße.

Nach Angaben der Veganen Gesellschaft Deutschland gibt es in Deutschland derzeit 1,3 Millionen Veganer, die Zahl wächst stetig. 70 Prozent haben einen höheren Bildungsabschluss, 81 Prozent sind Frauen. Längst haben sich auch Wirtschaft und Handel auf den Trend eingestellt: Zahlreiche Bücher und Zeitschriften beschäftigen sich mit veganer Lebensweise, Supermärkte haben ihre Sortimente erweitert, nicht nur Szene-Cafés werben mit veganen Produkten.

Einkauf viel einfacher
In Gießen gibt es drei vegane Restaurants, seit Kurzem auch ein veganes Fast-Food-Lokal. »Es ist viel einfacher geworden, sich vegan zu ernähren«, bestätigt Sina Hahn. Früher war es mühsam, Zutatenlisten zu studieren oder Produktinformationen beim Hersteller einzuholen. Sie freut sich über diese neue Vielfalt, bleibt als »alte Häsin« aber beim Hype um alles Vegane gelassen. Von Fertigprodukten und teuren Super-Food-Modetrends hält sie nicht viel. Sie kocht meistens selbst, wobei sie sowohl regionales Obst und Gemüse verarbeitet als auch die asiatische Küche schätzt. In ihrem Freundes- und Kollegenkreis ist die junge Frau bekannt für ihre leckeren Kuchen – und ihr macht es Spaß, das Vorurteil vom drögen, genussfeindlichen Veganer-Gebäck zu widerlegen. Abgesehen davon findet sie es ärgerlich, dass vielen Backwaren ganz ohne Not tierische Produkte zugegeben werden: »Es ist überflüssig, Milch in den Teig zu geben oder Brötchen mit Ei zu bestreichen, damit sie glänzen«.

Kein Drang zur Missionierung
Veganismus umfasst mehr als die Ernährung, es ist eine Lebensweise, ein Statement: Für den Nutztier- und Klimaschutz. Bei der Auseinandersetzung mit unserem Konsumverhalten kommt eins zum anderen: Leder ist nicht immer ein Abfallprodukt der Schlachtung; Daunen in Kissen und Jacken wurden Gänsen brutal vom Leib gerupft; Flugreisen sind üble Klimasünden. All das ist bekannt, wird aber von den meisten Verbrauchern verdrängt. Veganer wollen diesen Weg nicht mehr gehen. »Ich kann nicht die Welt retten, aber ich kann meinen kleinen Beitrag leisten«, sagt die 31-Jährige. Ihr Freund ist Vegetarier, der Freundeskreis besteht zu einem großen Teil aus Vegetariern und Veganern, dort ist ihre Haltung Konsens. Die Krankenschwester ist überzeugt von ihrer Entscheidung, aber sie hat keinen Drang zur Missionierung. Jeder muss das für sich entscheiden, sagt sie.

Nur eines kann sie gar nicht leiden. Wenn jemand sich und anderen etwas vormacht. »Es ist schon erstaunlich, wie viele angeblich nur beim guten Metzger mit Hausschlachtung kaufen«, nennt sie ein Beispiel. »Eine klare Lüge«. Die Supermarktregale sind voll von abgepacktem Fleisch aus Massentierhaltung, es findet reißenden Absatz, besonders in der Grillsaison. Wenn »keiner guckt«, ist es vielen egal, woher das Fleisch kommt.

Fleischesser haben Vegetariern und Veganern gegenüber häufig den Hang, sich zu rechtfertigen oder sie triumphierend einer Inkonsequenz zu überführen. Oder sie belächeln sie als vermeintlich freudlose Hungerhaken, die unempfänglich sind für die schönen Seiten des Lebens. Daran hat sich Sina Hahn gewöhnt. »Das interessiert mich überhaupt nicht mehr«, sagt sie.

Doch wie konsequent ist sie selbst? »Ziemlich«, sagt sie und lacht. »Ich habe einen festen Willen«. Aber es gibt auch Ausnahmen – bei notwendigen Medikamenten beispielsweise. Auch ihre Katze wird nicht vegan ernährt. Und wie sähe es bei Kindern aus? Würde sie ihr Baby vegan ernähren? Eine schwierige Frage, auf die sie noch keine eindeutige Antwort weiß. Aber eines ist klar: Ein Schwein in der Tiefkühltruhe wird es nicht geben.

 

Veganismus

Warum Milchprodukte tabu sind

Milchprodukte sind für Veganer tabu, die moderne Milchwirtschaft inakzeptabel: Die Kühe werden jedes Jahr künstlich besamt, damit sie Milch geben. Normalerweise würden sie bis zu acht Liter produzieren, um ihr Kalb zu säugen. Heutige »Hochleistungskühe« geben 50 bis 100 Liter am Tag – eine extreme körperliche Belastung. Nach der Geburt werden die Kälber von den Müttern getrennt, manchmal rufen sie wochenlang nach ihren Kälbern. Diese bekommen ein Ersatzprodukt aus Wasser und Milchpulver, die Milch nutzt der Mensch für sich. Infos rund um Veganismus: www.vegane.org. und www.vebu.de

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