20. April 2018, 06:00 Uhr

Horst-Eberhard-Richter-Institut

»Kein Platz für Geist der AfD«

Die Psychiater des Horst-Eberhard-Richter-Instituts haben über das umstrittene AfD-Engagement ihres Kollegen Heinrich Schimpf diskutiert. Ausschließen wollen sie Schimpf aber nicht.
20. April 2018, 06:00 Uhr

Von Burkhard Möller , 2 Kommentare
Dieses Foto sorgt für Aufregung bei den heimischen Psychiatern: Therapeut Heinrich Schimpf (2.v. r.) im Kreise seiner AfD-Vorstandskollegen. (Foto: pm/AfD-Kreisverband)

Die Mitgliedschaft im Horst-Eberhard-Richter-Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie ist unvereinbar mit einem Engagement in der AfD. Dies hat der Verein am Dienstagabend in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung beschlossen. Am Institut sei »kein Platz für den Geist und die Ideen der AfD«, heißt es in einer vom Vorsitzenden Bernd Keuerleber und Geschäftsführer Thomas Pehl unterzeichneten Erklärung. Die Mitgliederversammlung war einberufen worden, nachdem durch eine Zeitungsmeldung bekannt geworden war, dass der Gießener Psychotherapeut Heinrich Schimpf im Stadtverband der Gießener AfD den Posten des Schatzmeisters übernommen hatte. Ein Vereinsausschluss von Schimpf gemäß Satzung ist nicht geplant.

 

Unmenschliche Sprache

Wie es in der Resolution des nach dem früheren Gießener Ehrenbürger und Psychotherapeuten Horst-Eberhard Richter benannten Vereins heißt, betrachte man die politischen Aktivitäten der AfD »mit Sorge und Ablehnung«. Führende Vertreter der Partei seien durch Stellungnahmen hervorgetreten, die viele Mitglieder und auch der Vorstand des Instituts als »diametral den eigenen Wertvorstellungen entgegengesetzt sehen«.

Verwiesen wird unter anderem auf die Aussage zum Gebrauch von Schusswaffen, um Flüchtlingen den Grenzübertritt nach Deutschland zu verwehren, auf die Aussage von Bundestags-Fraktionschef Alexander Gauland, man möge die frühere Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, die türkischstämmige SPD-Politikerin Aydan Özoguz, »nach Anatolien entsorgen«. Die AfD spreche über Menschen »wie über Abfall«. Zudem werde die Erinnerung an das Verbrechen des Holocausts als übertriebene Obsession dargestellt, das dafür in Berlin stehende Mahnmal »als Denkmal der Schande« (Björn Höcke) bezeichnet. »Wir sollten nicht völlig vergessen, dass auch viele Psychoanalytiker Opfer des nationalsozialistischen Terrors wurden«, wird in der Resolution betont.

 

Schimpf will in AfD bleiben

Der Gießener AfD wirft der Verein vor, sie habe »wahrheitswidrig« behauptet, es gebe ein Ausschlussverfahren gegen Schimpf. Zudem seien Institutsmitglieder in »durchaus diffamierender Weise« beschrieben worden. Dieser Ton in einer Verlautbarung der AfD sei keine Grundlage für eine Diskussion, sondern es seien »Worte der Verleumdung«.

Schimpf indes bekräftigte gegenüber der GAZ, dass er sich politisch »nicht deutlich rechts von der Mitte« verortet. Seinen Standpunkt, wonach die »massive Zuwanderung« der letzten Jahre Probleme verursache und Grenzsicherungsmaßnahmen erforderlich mache, würde von vielen Bürgern geteilt, parteipolitisch könne man ihn aber nur in der AfD vertreten.

»Ich habe nicht das Gefühl, dass ich dumpf argumentiere, was mir von meinen Kollegen vorgehalten wurde«, sagte Schimpf. So lange es so sei, dass er mit seiner Meinung allein gegen 100 andere stehe, »so lange muss es eine Partei wie die AfD wohl geben«. Schimpf kündigte an, sowohl im Verein als auch in der AfD zu bleiben. Auch an Filmprojekten des Horst-Eberhard-Richter-Instituts wolle er wie bisher mitarbeiten. Kritik übte Schimpf am Moderator der Versammlung, der extra aus Bremen gekommen sei. »Es ist vernünftig, einen Externen mit der Gesprächsführung zu betrauen, aber ich habe die Moderation nicht als neutral empfunden.«

 

Riesiges Interesse

Wie die GAZ erfuhr, waren über 100 Psychiater aus ganz Mittelhessen zu der Versammlung ins Institutsgebäude in der Ludwigstraße gekommen. »So etwas habe ich noch nicht erlebt. Das hat die Kollegen unglaublich beschäftigt«, sagte ein Teilnehmer. Dem Verein gehören in der Region insgesamt 160 Ärzte an, die als Dozenten Aus- und Fortbildungsmaßnahmen durchführen.

Offenbar habe Schimpf nicht verstanden, warum ein Engagement in der AfD und in einer Vereinigung von Psychiatern nicht zusammenpasse, sagte einer der Ärzte und fügte hinzu: »Wir sind dazu da, damit Menschen ihren inneren Frieden finden. Dazu passt schon dieser aggressive Stil der AfD nicht. Hetzen ist unanalytisch«.

Der AfD-Kreisverband hatte sich, nachdem durch einen GAZ-Bericht bekannt geworden war, dass Schimpf in zwei offenen Briefen von Kollegen der Austritt aus dem Verein und der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung nahegelegt worden war, hinter ihn gestellt. Er sei vor allem wegen der »verheerenden Flüchtlingsproblematik« in die AfD eingetreten, nun liefen seine sonst »so toleranztrunkenen Kollegen Amok«, heißt in einer Erklärung des Kreisverbands.

Info

Stellungnahme des Horst-Eberhard-Richter-Instituts im Wortlaut

Das Horst-Eberhard-Richter-Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie besteht seit über 50 Jahren als psychoanalytisches und psychotherapeutisches Institut in Gießen. Seine Aufgabe ist die Förderung der Ideen der Psychoanalyse und insbesondere die Ausbildung in psychoanalytischer Psychotherapie und angewandten Formen der Psychoanalyse, wie psychoanalytische Familientherapie und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie mit Erwachsenen und Kindern. Am Dienstag, dem 17.4.2018 fand eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Instituts statt. Anlass war die Tatsache, dass ein Institutsmitglied sich in den AfD Kreisverband Gießen als Schatzmeister hat wählen lassen und diese Wahl in der Giessener Presse öffentlich bekannt gemacht wurde.

In einer gut besuchten Mitgliederversammlung, auf der auch der Betreffende selbst anwesend war und sich zu Wort meldete, wurde festgestellt, dass das Giessener Institut in seiner Geschichte und gegenwärtigen Verfassung nicht nur eine professionelle Vereinigung darstellt sondern auch eine Wertegemeinschaft bildet. Grundlage dieser Werte ist der Respekt vor der einzelnen Person, auch und gerade dann wenn ein Mensch sich in einer besonderen Notlage oder einer Position der Ausgrenzung oder drohender Ausgrenzung befindet. Deshalb gehört es etwa zur guten Tradition unseres Institutes sich um Patienten der Psychiatrie zu sorgen. Gerade in diesem Bereich hat es, nicht zuletzt durch Diskussionen und Anregungen aus den Kreisen des Institutes bedeutende gesellschaftliche Verbesserungen in Form der Psychiatriereform und gemeindepsychiatrischer Angebote gegeben. Personen die gesellschaftlich randständig waren, sei es aus sozialen Ursachen, sei es weil sie als Geflüchtete traumatisiert sind und um eine neue Stabilität ringen, lagen in den Bestrebungen des Institutes um seelische Gesundheit im Fokus der Aktivität. Es ging grundsätzlich immer um den Respekt vor der jeweiligen Person.

Mit Sorge und Ablehnung betrachten wir daher die politischen Aktivitäten der Partei der AfD. Diese Partei ist in der politischen Auseinandersetzung der letzten Jahre durch Stellungnahmen hervorgetreten, die viele Mitglieder und auch der Vorstand des Institutes als diametral den eigenen Wertvorstellungen entgegen gesetzt sehen. Es wird von dieser Partei nicht nur bezweifelt, ob viele der nach Deutschland geflohenen Personen wirklich Schutz suchen, es herrscht gegen diese Menschen eine massive Ablehnung vor, deren Abweisung an den Grenzen Deutschlands nach Aussagen eines führenden AfD Mitgliedes zur Not durch Schusswaffengebrauch durchgesetzt werden müsse. Eine Politikerin der SPD, die Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Begriffes der deutschen „Leitkultur“ äußerte, soll in die Heimat ihrer Vorfahren, polemisch formuliert, „nach Anatolien“ zurück geschickt werden, dies formuliert in einer Sprachwahl, die sonst für Abfall verwendet wird. Die Erinnerung an das Verbrechen des Holocausts wird als übertriebene Obsession, das dafür in Berlin stehende Denkmal als „Schande“ bezeichnet. Wir sollten nicht völlig vergessen, dass auch viele Psychoanalytiker Opfer des nationalsozialistischen Terrors geworden waren. In diesen politischen Positionen drückt sich nicht nur eine Meinung zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen aus, sondern eine Haltung der Ablehnung, die direkt in die Abwertung einzelner Personen führt.

Die AfD hatte auch in Gießen bereits vorab, bevor sich das Institut zu einer Diskussion zusammen gefunden hatte, reagiert und wahrheitswidrig behauptet es gäbe ein Ausschlußverfahren und die Institutsmitglieder in durchaus diffamierender Weise beschrieben. Der Ton einer solchen Äußerung in der öffentlichen Verlautbarung der AfD ist keine Grundlage für Diskussion und Auseinandersetzung sondern es sind Worte der Verleumdung.

Die Mitgliederversammlung stellte deshalb in einem eindeutigen Votum fest, dass es für den Geist der AfD am Horst-Eberhard-Richter-Institut in Gießen keinen Platz gibt.

Das Institut wird sich weiterhin an den politischen Debatten der Stadt und des Landes beteiligen und die Stimme der Psychoanalyse als eine Stimme der Humanität und der Nachdenklichkeit, auch des Respekts erheben. Dabei geht es um eine gemeinsame Anstrengung der Erhaltung ethischer Werte und der Umgangsformen eines produktiven Diskurses.

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