15. August 2018, 22:05 Uhr

Katastrophe im Kindermund

Karies als »Staatsfeind« Nummer eins wird überholt von Kreidezähnen. Innerhalb der letzten zwölf Jahre hat das Phänomen der porösen Zähne um 60 Prozent zugenommen. Prof. Norbert Krämer, Direktor der Klinik für Kinderzahnheilkunde, spricht sogar von einer neuen Volkskrankheit. Die Ursachen sind noch unbekannt, im Verdacht stehen Weichmacher in Plastik. Der Experte erklärt, was man tun kann.
15. August 2018, 22:05 Uhr
N. Krämer

Herr Professor Krämer, seit den 60er Jahren lernen Kinder in Deutschland, dass sie ihre Zähne ordentlich putzen und wenig Zucker essen sollen, damit »Karies und Baktus« keine Chance haben. Jetzt gibt es einen anderen Feind, sozusagen eine neue Katastrophe im Kindermund. Was versteht man unter Kreidezähnen?

Prof. Norbert Krämer: Der Fachbegriff lautet Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH). Darunter versteht man eine erworbene Strukturanomalie des Zahnschmelzes, die auf eine Mineralisationsstörung zurückzuführen ist.

Die Häufigkeit nimmt in erschreckendem Ausmaß zu. Die neuen Zahlen sind alarmierend.

Krämer: Ja, so ist es. MIH hat eine rasante Entwicklung durchlaufen. 1987 wurde die Krankheit erstmals wissenschaftlich beschrieben. Im Durchschnitt leiden 10 bis 15 Prozent der Kinder an MIH, bei den Zwölfjährigen liegt die Quote bei knapp 30 Prozent. Aufgrund der Häufigkeit der Erkrankung und der Zunahme ist es nicht übertrieben, von einer neuen Volkskrankheit zu sprechen. Allein im Lahn-Dill-Kreis konnten wir bei einer repräsentativen Erhebung eine Zunahme der MIH um 60 Prozent in den letzten zwölf Jahren feststellen.

Wie sieht das Krankheitsbild genau aus?

Krämer: Häufig weisen bei MIH die bleibenden Backenzähne und die Frontzähne und zunehmend auch die zweiten Milchbackenzähne Fehlstrukturierungen auf. Klinisch fällt die unterschiedliche Ausprägung der Erkrankung auf. Die Mineralisationsstörung kann sich dabei auf einen einzelnen Höcker beschränken oder aber die gesamte Oberfläche der Zähne betreffen. Die milde Form der MIH zeigt eher weiß-gelbliche oder gelb-braune unregelmäßige Verfärbungen im Bereich der Kauflächen und/oder der Höcker. Bei der schweren Form der MIH hat man es mit abgesplitterten oder brüchigen Zähnen zu tun, die unter Umständen starke Schmerzen verursachen.

Also ist es nicht nur ein optisches Problem. Unter welchen Beschwerden leiden die Patienten?

Krämer: Solche »Kreidezähne« können äußerst schmerzempfindlich sein und sehr sensibel auf Hitze, Kälte und Zähneputzen reagieren. Die Patienten klagen über Schmerzen beim Trinken und Essen, ihre Lebensqualität ist stark beeinträchtigt.

Was weiß man heute über die Ursachen?

Krämer: Eine wesentliche Rolle bei der Entstehung scheinen Kunststoffe in Weichmachern zu spielen, die mit der Nahrung aufgenommen werden.

Aber es gibt noch weitere Verdächtige…

Krämer: Ja, das stimmt. Als weitere potenzielle Ursachen für MIH kommen Infektionskrankheiten, Antibiotikagaben, Windpocken, Einflüsse durch Dioxine sowie Erkrankungen der oberen Luftwege im ersten Lebensjahr in Betracht. Diskutiert wird ein multifaktorielles Geschehen. Dennoch gilt die präzise Ursache wissenschaftlich weiterhin als ungeklärt. Da die Schmelzentwicklung der ersten Molaren (Backenzähne) und der Inzisivi (Schneidezähne) zwischen dem achten Schwangerschaftsmonat und dem vierten Lebensjahr stattfindet, muss die Störung auch in dieser Zeitspanne auftreten. Jüngste Untersuchungen deuten darauf hin, dass aufgenommenes Bisphenol A bei der Entstehung eine große Rolle spielt.

Ist des denn möglich, diese Kunststoffe zu meiden? Können beispielsweise schwangere Frauen etwas tun, um das ungeborene Kind zu schützen?

Krämer: Der Schaden wird nicht während der Schwangerschaft verursacht, das wissen wir heute und wurde durch Tierversuche bestätigt. Nach der Geburt sollte im Rahmen der Ernährung Plastik gemieden werden, wo immer es geht. Eltern sollten darauf achten, dass Spielzeug möglichst frei von Kunst-stoffen ist, da gerade im ersten Lebensjahr alles in den Mund genommen wird.

Hat sich die Problematik verändert, seitdem Weichmacher in Babyflaschen nicht mehr verwendet werden dürfen? Oder hat sich die Situation durch die Allgegenwart von Plastik verschärft?

Krämer: Die Situation hat sich insgesamt verändert. Glasflaschen spielen als Babyflasche praktisch keine Rolle mehr. Bisphenol A findet sich nicht mehr in diesen Plastikflaschen. Dennoch werden wir im Alltag immer mehr mit Kunststoffen, die wir aufnehmen, konfrontiert. Für Babys relativ neu sind beispielsweise sogenannte »Quetschies«, die Fruchtmus in Weichplastik enthalten. Ich kenne weder die Zusammensetzung des Plastiks noch ist das Nuckeln des Fruchtpürees unkritisch für die Zähne (Zucker und Säure). Am Ende wissen wir viel zu wenig über die Auswirkungen der diversen Kunststoffe (nicht nur Bisphenol A) auf die Zahnentwicklung. Also wäre es besser, darauf zu verzichten.

Wie sehen Vorbeugung und Therapie aus?

Krämer: Weil die Veränderungen sich schon während der Zahnentwicklung ereignen und die genauen Ursachen noch nicht geklärt sind, ist eine wirksame Prävention gegen MIH schwierig. Es gibt aber Ansätze zur »Nachreifung« der Zähne über Kalzium-phosphatspender. Im Rahmen des Masterstudiengangs Kinderzahnheilkunde läuft dazu eine klinische Studie an unserem Zentrum.

Kreidezähne haben eine raue Oberfläche und in der Substanz eine schlechtere Qualität. Sie sind daher besonders kariesanfällig. Das bedeutet, die Kinder müssen ihre Zähne besonders sorgfältig putzen?

Krämer: Ja, auf jeden Fall. Aber das alleine reicht nicht. Über das Zähneputzen hinaus muss eine besonders intensive Prophylaxe betrieben werden, um die Zähne vor Karies zu schützen. Hierfür stehen Fluoridierungsmaßnahmen zur Verfügung. Regelmäßige Untersuchungen beim Zahnarzt, die Behandlung mit Fluoridlack und der Aufbau der Zähne mit verschiedenen Techniken können dazu beitragen, auch von MIH befallene Zähne ein Leben lang zu erhalten.

Wie sollte die Kinderzahnheilkunde auf diese neue Volkskrankheit reagieren?

Krämer: Die Anforderungen an die Kinderzahnheilkunde sind vielschichtig. Bei der Ursachenforschung haben wir festgestellt, dass die Mineralisation der betreffenden Zähne beim ersten Lebensjahr beginnt. Der Schaden wird aber erst nach dem Durchbruch der Zähne erkannt. Vor diesem Hintergrund haben wir bisher die besten Beweise für Ursachen in Tierversuchen gefunden. Ich denke, dass auf diesem Weg fortgefahren werden muss.

MIH ist einer der Forschungsschwerpunkte der Gießener Poliklinik für Kinderzahnheilkunde. Was tut sich dort neben der Forschung aktuell?

Krämer: Eine ganze Menge. Zum Beispiel beim Thema Versorgung. Die Zähne sind weich (ein Zehntel der Härte eines gesunden Schmelzes). Sie müssen versiegelt und geschützt werden. Dafür eignen sich klebend befestigte Materialien. Wir konnten dazu mit unserer Arbeitsgruppe Anfang des Jahres wichtige Forschungsergebnisse publizieren. Wir suchen aber noch nach der optimalen Klebetechnik, um die Zähne wieder zu stabilisieren. Schwierig ist bei Kindern die Schmerzausschaltung: Dies ist bei Kindern, die schon viel Schmerzerfahrung hatten, eine Herausforderung. Daher ist viel Erfahrung bei der Betreuung (Verhaltenssteuerung, Hypnose, Sedierung) nötig. Auch über die Verabreichung von Schmerzmitteln vor der Behandlung wird diskutiert.

Kann man davon ausgehen, dass sich die niedergelassenen Kollegen mit Diagnose und Therapie auskennen?

Krämer: Nicht unbedingt. Da es die Krankheit noch nicht so lange gibt, konnte sie auch im Studium nicht vorkommen. Aber viele Zahnärzte bilden sich zum Glück auf dem Gebiet fort. MIH ist heute in Gießen mit dem Schwerpunkt Kinderzahnheilkunde ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung zum Zahnarzt. Das ist aber leider lange nicht an jedem Standort so.

Familien in der Region haben also einen Standortvorteil. Was raten Sie Eltern?

Krämer: Wir raten dazu, dass in jedem Fall mit etwa 2,5 bis drei Jahren das Milchgebiss kontrolliert wird. Häufig sieht man bereits erste Zeichen der Erkrankung an den zweiten Milchbackenzähnen als Milchmolarenhypomineralisation (MMH). Leider ist die Wahrscheinlichkeit dann groß, dass auch die ersten bleibenden Backenzähne und die Frontzähne betroffen sind. In jedem Fall sollten die Zähne von einem Experten, der sich mit der schonenden Behandlung der Erkrankung auskennt, also mit etwa sechs Jahren, angeschaut werden, da dann die ersten bleibenden Backenzähne hinter den Milchzähnen durchbrechen.

Wie finde ich einen solchen Experten?

Krämer: Auf der Homepage unserer Fachgesellschaft (www.dgkiz.de) findet sich ein Patientensuchdienst. Dort sind die zertifizierten Kollegen und Kolleginnen der Deutschen Gesellschaft für Zahnheilkunde verzeichnet. Natürlich kann man sich auch gerne in unserer Poliklinik für Kinderzahnheilkunde vorstellen.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Experten
  • Gießen
  • Karies
  • Kunststoffe und Kunststoffprodukte
  • Phänomene
  • Polikliniken
  • Staatsfeinde
  • Volkskrankheiten
  • Christine Steines
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 43 - 10: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.