26. Dezember 2012, 18:03 Uhr

Kapelle im Stadtkirchenturm vor 60 Jahren eingeweiht

Gießen (dkl). Die Bombardierung im Zweiten Weltkrieg 1944/45 hat gut Zweidrittel der Gießener Innenstadt zerstört, dazu gehörten auch der Kernbereich am Marktplatz und die Stadtkirche.
26. Dezember 2012, 18:03 Uhr
Ein Blick ins Kircheninnere mit Taufbecken und Orgel. (Foto: dkl)

Schon im Oktober 1949 wurde die Pankratiuskapelle als erster neuer Kirchenbau Gießens eingeweiht. Es war eine der Notzeit-Kirchen aus dem Programm des Hilfswerks der evangelischen Kirche in Deutschland, das mit Stützung evangelischer Christen aus den USA umgesetzt werden konnte. Die Pläne für die Strebpfeilerbauweise kamen von dem Architekten Otto Bartning (Darmstadt). Von 1947 bis 1951 wurden 43 Notkirchen in ganz Deutschland erbaut. Sie haben alle den gleichen Aufbau, dennoch ist die Gesamtwirkung je nach benutztem Steinmaterial und Lage in der Stadt unterschiedlich.

In Gießen wurde die Pankratiuskapelle nicht am ursprünglichen Standort der Kirche errichtet, weil die Gemeinde nicht das Geld hatte, um die Trümmer abräumen zu lassen. Auch hatte man anfangs noch die Hoffnung, dass die alte Stadtkirche irgendwann rekonstruiert würde. Daher auch die Namensgebung »Pankratiuskapelle«, die an die urkundlich erwähnte Kapelle der St. Marien geweihten Stadtkirche erinnert. In Gießen liegt also die Notzeit-Kirche abseits von ihrem Campanile, was vor allem auswärtigen Besuchern Gießens sofort auffällt. Im Glockenturm, dessen Haube bis in die 1970er Jahre die Spuren der Kriegszerstörung aufwies, sollte auf Anregung von Dekan Karl Schmidt eine Gedenkkapelle eingerichtet werden.

Den Auftrag erhielt ein bedeutender Architekt aus Hamburg: Gerhard Langmaack, der um 1950 schon in Marburg und Wetzlar mit Bauten kirchlicher und profaner Natur betraut war. Seine Aufgaben in Gießen begannen mit dem Umbau zur Gedächtniskapelle im Stadtkirchenturm (1952), dann folgten als Neubauten das Gemeindehaus (1954), der Kinderhort (1955) und die Kirche (1958) für die Kirchengemeinde im Sandfeld.

Der Umbau des Erdgeschoss» im Stadtkirchenturm bedeutete (nach Sattler/Klehn) die Abtragung der dicken Mauern unter beiden Fenstern für Nischen, in denen auf der einen Seite die Orgel untergebracht wurde, auf der anderen die vier Gedenkbücher mit den Namen aller durch Bombardierung getöteten Menschen in Gießen (inklusive Soldaten und Fremdarbeiter) ausgelegt wurden.

Die Altarwand – die Stelle, wo einst der Durchgang zur Stadtkirche gewesen war – wurde mit einem überlebensgroßen Wandgemälde ausgestattet, das den Erzengel Michael, den Bezwinger des Bösen (Satan) darstellt. Geschaffen hat es der Kirchenmaler R. Fuchs aus Diez, der auch die Vorlagen für die später eingesetzten Glasfenster schuf. Diese zeigen Verkündigungs-, also Hoffnungsszenen: Rechts verkündet ein Engel die Auferstehung Christi (1955), links die Geburt Christi (1956). Letzteres Fenster stiftete die Familie Rumpf-Gail zum Andenken an den im Krieg verstorbenen Georg Gail (1942) wie die Signatur zeigt.

Das mächtigste Einrichtungsstück ist der romanische Taufstein aus dem heimischen Basalt (Lungstein), der lange im Pfarrgarten stand, ursprünglich womöglich aus der Peterskirche im wüst gewordenen Dorf Selters stammt. Die liturgischen Geräte und Paramente wurden neu angeschafft, die Eingangstür erneuert (siehe AZ-Bericht vom 14. Dezember). Im Eingangsbereich wurden seitlich zwei mächtige Dekorsteine aufgestellt, die einst zum umlaufenden Fries unterhalb des Dachs der klassizistischen Kirche gehörten. Das sind wohl die einzigen materiellen Erinnerungsstücke von der zerstörten Stadtkirche.

Die Einweihung der Gedenkkapelle im Stadtkirchenturm fand am 6. Dezember 1952 statt – am Nikolaustag, der in Gießen für die stärksten Bombenangriffe 1944 steht und bis heute Tag der Mahnung gegen den Krieg ist. Die Gedenkfeier findet jeweils außen statt, am Gedenkstein für die »Opfer der Bombardierung«. Seit der Eröffnung des benachbarten Kirchenladens Ende August 2004 ist die Kapelle täglich geöffnet (Dienstag bis Freitag von 11 bis 18 Uhr, Samstag 10 bis 14 Uhr), um allen Besuchern die stille Einkehr im Trubel des Alltags zu ermöglichen. Die Gedenkbücher wurden aus Sicherheitsgründen in den Kirchenladen gebracht, dort sind sie einzusehen. In der Kapelle liegen abgetippte Listen mit den Namen der Bombardierungsopfer. Aus der Gedenkkapelle ist längst eine Andachtskapelle geworden, die auch nach ihrem Schutzpatron Michaelskapelle genannt wird.

Literatur: P.W.Sattler/H.Klehn: Der Stadtkirchenturm – Das Wahrzeichen Gießens, 1992; Olaf Bartels: Die Architekten Langmaack, 1998; Dagmar Klein: Die Pankratiuskapelle in Gießen – Von der Burgkapelle zur Bartning-Kirche, 2009.

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