06. Oktober 2011, 17:08 Uhr

Johannes Spehr stellt in der Kunsthalle aus

Wieder einmal überrascht Dr. Ute Riese, Kuratorin der Kunsthalle im Rathaus, mit einer Ausstellung, die im Kontrast zur vorherigen steht.
06. Oktober 2011, 17:08 Uhr
Blick in die Ausstellung »Windeinschlag/Siedeln in den Lüften« in der Kunsthalle. (Fotos: dkl)

Ihr Anliegen ist es, das Gießener Publikum mit verschiedenen Positionen der zeitgenössischen Kunst bekannt zu machen. Ähnlichkeiten zwischen dem Fotografiemaler Masuyama und dem aktuell präsentierten Künstler Johannes Spehr lassen sich am ehesten in deren Arbeitsstil ausmachen: Beide arbeiten akribisch und detailversessen, ihre Werke entstehen in einem lang andauernden, geradezu meditativen Prozess. Und die Ergebnisse stehen konträr zur Dynamik und Schnelllebigkeit unserer Zeit, sie zeigen eine verlangsamte, aber dem Menschen wohl eher entsprechende Welt.

Der 1965 in Schotten im Vogelsberg geborene Johannes Spehr ist Zeichner, vielleicht einer der größten Zeichner unter den zeitgenössischen Künstlern in Deutschland, so Dr. Riese. Er kombiniert seine klein- bis mittelformatigen Blätter mit raumgreifenden Installationen. Die Installation für Gießen trägt den Namen »Windeinschlag / Siedeln in den Lüften«, was eine gute Umschreibung dessen ist, was man beim Betreten der Kunsthalle vor sich sieht. Er hat tatsächlich Bruchholz aus dem Wald geholt und diese Stücke vor Ort in der Kunsthalle miteinander verschraubt, so dass große Astwerke entstanden sind, die über den Raum verteilt wie ein große Zeichnung wirken. Darüber sind an der Decke blaue Planen – übrigens die einzigen Farbakzente dieser Ausstellung – mit Seilen an der Decke befestigt, sie muten an wie Hängematten. Einzelne Säckchen hängen herab, wie es im Wald übernachtende Wanderer tun, um ihr Gepäck vor den Tieren zu schützen.

Auf einen ersten flüchtigen Blick hin, könnte man die vielfigurigen Zeichnungen rundum an den Wänden für freundliche Menschenansammlungen im Wald halten. Doch bei genauem Hinsehen entpuppen sich die Bilder als erschreckende Endzeitpanoramen. Da ist der Aufstand der Alten, die sich hinter Mobiliar verschanzen, der Protest der Jungen, die Anzugträger mit Waffen umrunden, oder Landstreicher, die mit ihrem Lebensstil alles überziehen und an Räuberbanden früherer Jahrhunderte erinnern.

Ebenso sind Kunstzitate in die monochromen Werke eingeflossen. Bei einigen sind es Comics, bei anderen scheinen die Figuren einem Breughel-Gemälde entsprungen zu sein oder zitiert der Bildaufbau »Das Floß der Medusa« von Delacroix. Es sind unruhige Bilder, die immer eine Situation kurz vor dem Umsturz zeigen. Die agierenden, zumeist männlichen Personen wirken verunsichert, scheinen sich mit grimmigem Gesicht selbst Mut zuzusprechen. Das setzt bei Betrachtenden eine Gegenbewegung in Gang und damit zeigt sich Spehr quasi als Enkel von Josef Beuys, so Dr. Riese, der mit seinen Arbeiten auch »Gegenbilder« evozieren wollte.

Bei der Pressevorbesichtigung am Mittwoch konnte der Künstler nicht anwesend sein, weil er kurzfristig die Zusage für die Professur an der Akademie Kassel erhalten hatte und mit seinem Seminar (aus der Zeit als Lehrbeauftragter) eine Ausstellung vorbereiten muss. Was wiederum Dr. Riese mit gewissem Stolz erfüllt, bestätigt die Ernennung in Kassel doch ihre Einschätzung von Spehr als einem besonderen Künstler, der mit seiner gesellschaftskritischen Kunst keinem Mainstream hinterher läuft.

Die Vernissage ist am Samstag, 8. Oktober, um 18 Uhr in Anwesenheit des Künstlers. Die Ausstellung ist zu sehen bis zum 23. Dezember. Auch dieses Mal hat der Künstler ein Plakat gestaltet und es wird einen Katalog geben. Die üblichen Führungen zur Ausstellung wurden erweitert um den Sondertermin »Prominent geführt« durch den Soziologen Prof. Claus Leggewie (11. Dezember um 16 Uhr). Dagmar Klein

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