07. September 2018, 14:00 Uhr

Mensch, Gießen

Jeppe, der Brückenphilosoph von Gießen

Hans-Werner »Jeppe« Wesemann hat sich an der Gießener Ludwigstraße ein Denkmal gesetzt. Seit 35 Jahren bemalt er die Brückenpfeiler der Bahnunterführung mit Bildern und Botschaften.
07. September 2018, 14:00 Uhr
Hans-Werner »Jeppe« Wesemann vor seinem neuesten Werk. In den vergangenen 35 Jahren hat er unzählige Bilder und Sprüche auf die Brücke gemalt. (Foto: Schepp)

Mensch Gießen

Jeden Tag begegnen wir Gießenern, die uns zwar vertraut sind, die wir aber nicht kennen. Das wollen wir ändern: In unserer Serie »Mensch, Gießen« wollen wir einige dieser Gießener vorstellen.

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Jeppe trägt eine Hose. Das ist eine gute Nachricht. Zwei Tage zuvor bei der telefonischen Vereinbarung des Termins hatte er noch gesagt: »Nicht erschrecken, ich komme nackt.« Er lachte danach, kleiner Scherz, so ganz sicher konnte man sich der Sache aber nicht sein. Im Kneipen-Viereck Apfelbaum, Zwibbel, Ritzis und Klimbim kennt man Jeppe auch, wie Gott ihn schuf. Doch die Zeiten, in denen er nackt durch die Biergärten flitzte, sind schon lange vorbei. »Ich mag das Kuriose. Aber dafür bin ich inzwischen zu alt. Ich bin jetzt 75. Das will doch keiner mehr sehen.« Seine Bilder hingegen, die sind auch heute noch ein Blickfang. Jeppe hat in den vergangenen 35 Jahren dafür gesorgt, dass die Bahnunterführung in der Ludwigstraße nicht trist und grau, sondern bunt, unterhaltsam und anregend daherkommt. »Ein tolles Panorama, oder?« sagt Jeppe, der im verwaisten Biergarten der Zwibbel Platz genommen hat. »Das ist mein Lebenswerk.«

Eigentlich heißt Jeppe Hans-Werner Wesemann. Er ist 1943 im westfälischen Soest geboren. Doch dort blieb er nicht lange. Wie so viele andere Kinder wurde er während des Zweiten Weltkriegs aus der Stadt in Sicherheit gebracht. Die Mutter vermisst, der Vater unbekannt, landete Jeppe in Sankt-Peter-Ording. Nach drei Jahren im Kinderheim fand er bei Pflegeeltern in Tönning an der Eider eine neues Zuhause. Die Verlegung an die Nordsee sollte sich als Glücksfall erweisen. »Wir wohnten direkt am Deich. Die Eider war unser Mississippi. Im Sommer sind wir schwimmen gegangen, im Winter, wenn der Ostwind für ausreichend Kälte sorgte, fuhren wir Schlittschuh auf den Gräben.« Man merkt Jeppe an, wie gern er sich an diese Zeit erinnert. Sein nordischer Dialekt wird ein wenig sanfter, wenn er in Erinnerungen schwelt. »Keine Autos, sondern nur Kiebitze und Lerchen, die am Himmel im Kreise zogen. Ich hatte eine Kindheit ohne Lärm, Natur pur. Das hat mich geprägt.«

Ich bin genau in die APO-Zeit reingeraten. Das hat mich politisiert

Jeppe

Nach seiner Zeit auf einer dänischen Schule arbeitete Jeppe zunächst ein halbes Jahr in der Landwirtschaft, bevor er eine dreijährige Lehre als Maler absolvierte. Im Anschluss ging er zur Bundeswehr nach Hamburg. Nach seiner Wehrzeit wollte er den Osten entdecken, und so reiste er im Frühjahr 1968 in die DDR. Doch lange blieb er nicht. »Ich hatte in meiner Plastiktüte eine Biografie über Walter Ulbricht dabei. Allerdings aus westdeutscher Sicht. Das hat den DDR-Beamten nicht gefallen.« Jeppe wurde ausgewiesen, hinter der Grenze drückte man ihm eine Fahrkarte in die Hand. Endstation: Meisenbornweg, Gießen. Notaufnahmelager.

»Ich bin genau in die APO-Zeit reingeraten. Das hat mich politisiert. In den folgenden Jahren habe ich alternativ gelebt. Ich habe alle Facetten ausprobiert. Ich war Hippie-Nonkonformist, mal Christ, mal Atheist, Anarchist, Gegner des Vietnamkrieges und des betonierten Spießertums.« Literatur, Philosophie, Religion, die Geschichte der Menschheit: All das habe ihn geprägt. Kein Wunder, dass er bei der Rückschau ins Schwärmen gerät: »Es war eine bewegende und verrückte Zeit voller Hoffnungen und Illusionen von einer Welt, die besser sein sollte als die unserer Eltern.«

Während Jeppe erzählt, blickt er immer wieder zur bunten Bahnbrücke hinüber. Hier hat er über die Jahre viele seiner Ansichten verewigt. Er kritisierte Kirche und Staat, prangerte fehlenden Wohnraum an, sprach sich entschieden gegen Fremdenhass aus und erinnerte an bedeutsame Ereignisse der Geschichte, sei es der Dreißigjährige Krieg, die französische Revolution oder den deutschen Mauerfall. Auch freche Sponti-Sprüche malte er auf den Beton, Ironie und Satire prägten sein Werk. Mitunter waren seine Sprüche jedoch mehr als provokant, sie glitten ins Beleidigende ab. Jeppe begrüßte aber auch die neuen Erstsemester und regte die Passanten mit philosophischen Lebensweisheiten zum Nachdenken an. Cogito ergo sum – Ich denke, also bin ich – ist für ihn ein bedeutsamer Satz. Auch sein persönliches Leben teilte er mit seinen Mitmenschen. Er solidarisierte sich mit der dänischen Minderheit in seiner Heimat Schleswig-Holstein, verkündete die Hochzeit mit seiner inzwischen Ex-Frau Ina und verewigte seine Töchter Clara und Paulina an der Wand.

Begrabt mein Herz an die Biegung der Mauer

Jeppe

Wie das alles begann? Jeppe schmunzelt. »In einer einsamen Nacht im Jahre 1982. Damals überkam es mich ganz spontan. Ich war christlich orientiert, in mit formierte sich aber Widerstand.« Und so schlich er zur Brücke und malte mit weißer Farbe »Weihnachten, Nein Danke!« auf den Beton. Es war der Moment, in dem das Bauwerk zu Jeppes persönlicher Leinwand wurde. Die Deutschen Bahn als Eigentümerin der Brücke war von der Aktionsmalerei weniger begeistert. Sie verklagte Jeppe daher wegen Sachbeschädigung. Doch der vorsitzende Amtsrichter bewies Fingerspitzengefühl und setzte sich mit dem zuständigen Mitarbeiter der Bahn in Verbindung. Der schaute sich die Unterführung selber an und kam zu dem Schluss, dass die triste Brücke durchaus ein wenig Farbe vertragen könnte. Die Bahn und Jeppe schlossen daraufhin einen Gestattungsvertrag. Das war 1986, seitdem sind Jeppes Wandmalereien legal.

Die Brückenkunst war für Jeppe immer Idealismus, etwas Sinnstiftendes. Er wollte seine Mitmenschen zum Nachdenken anregen. Geld verdiente er damit nicht. Stattdessen hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. »Dafür war ich mir nie zu schade. Ich habe gerne gearbeitet«, sagt Jeppe. Um sich künstlerisch ausleben zu können, bekam er von Unterstützern immer wieder mal Pinsel und Farben finanziert. Auch heute noch wird er bedacht. Kürzlich erst haben ihm Chris und Volker 50 Euro für neue Materialien geschenkt. Die Namensnennung ist ihm wichtig, er ist dankbar für die Zuwendungen.

 

Altersmilde geworden

Jeppes wilden Zeiten liegen inzwischen eine ganze Weile zurück. Aufgegeben hat er das Malen aber noch lange nicht. »Ich komme häufig hier vorbei und bessere die Bilder aus. Im Frühjahr habe ich aber auch ein neues gemalt. Das da vorne mit den Insekten.« Aber die Schärfe, das Laute und Anprangernde sucht man heute vergebens. Zum einen, weil er seine Meinung zu vielen Themen bereits kundgetan hat. Was heute in Chemnitz passiert, hat Jeppe schon 1991 bei den rassistisch motivierten Übergriffen in Hoyerswerda angeprangert. Kurdenproblematik? USA-Kritik? Forderung nach mehr Umweltschutz? Bei Jeppe alles schon mal dagewesen.

Zum anderen will er die Betrachter seiner Werke aber auch nicht überfrachten. Schließlich sei die Welt heute voll von Problemen, an jeder Ecke werde man damit konfrontiert. »Die Mauer soll neutral sein, ich lasse mich nicht mehr vereinnahmen«, betont Jeppe. Die Wand sei ein Ort der Harmonie geworden. Der Betrachter solle schmunzeln und nachdenken, wenn er sie passiere.

Jeppe ist also milder geworden. Aber noch lange nicht müde. »Ich male hier so lange, bis ich sterbe«, betont der 75-Jährige. Und danach? Jeppe wünscht sich, dass seine Tochter Clara die Brückenmalerei nach seinem Tod fortsetzt. »Natürlich in ihrem eigenen Stil. Sie ist künstlerisch sehr talentiert.« Am liebsten wäre es ihm, wenn er für immer an der Brücke bleiben könnte. Nicht nur in Form seiner Kunst. Frei nach dem amerikanischen Autor Dee Brown, der sein Herz an der Biegung des Flusses begraben haben wollte, sagt Jeppe: »Begrabt mein Herz an der Biegung der Mauer.« Die passende Inschrift hat er schon vor Jahren an die Brücke gemalt. Sie ist dort heute noch zu lesen: »Vielen Danks fürs Gucken.«

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