12. Mai 2016, 18:13 Uhr

JLU-Professor Miklós Zilahy erzählt persönliche Fluchtgeschichte

Nach dem Scheitern der ungarischen Revolution im Jahre 1956 flohen Tausende Menschen in den Westen. Auch Miklós Zilahy war unter den Flüchtlingen. Mit 35 weiteren Studenten landete der spätere JLU-Professor vor knapp 60 Jahren am Gießener Otto-Eger-Heim. Hier erzählt er seine Geschichte.
12. Mai 2016, 18:13 Uhr
1956 lehnten sich viele Ungarn gegen das kommunistische Regime auf. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen. (Foto: Red)

Dezember 1956. Noch zwei Tage bis Weihnachten. Wir sind müde, hungrig und durstig. Wir haben keine Winterkleidung, und wir sprechen kein Deutsch. Trotzdem müssen wir den kargen US-Militärbus im Morgengrauen vor dem Otto-Eger-Heim verlassen. Wir, das sind 35 ungarische Studenten – eine kleine Gruppe von Flüchtlingen, die nach der Niederwerfung der ungarischen Revolution über Österreich in den Westen geflüchtet ist. Unser Ziel ist es, in Gießen zu studieren oder unser begonnenes Studium zu beenden. Gießen haben wir uns nicht ausgesucht. Man hat uns aus dem Sammellager in Piding an die Lahn transportiert. Wir hatten nie zuvor von dieser Stadt gehört.

Im Gebäude empfängt uns der Leiter des Studentenwerks. Er erklärt uns, dass wir in verschiedenen Gebäuden innerhalb der Stadt untergebracht werden. Und er sagt, dass wir hier nichts geschenkt bekommen. Wir sollten das wahre Leben kennenlernen.

Es war hart, so empfangen zu werden. Es war unangemessen. Ich sollte das wahre Leben kennenlernen? Ich? Ich hatte über zehn Jahre kommunistische Unterdrückung erfahren und war ohne Vater aufgewachsen, weil er im Zweiten Weltkrieg gefallen war. Meiner Familie wurde alles weggenommen, verstaatlicht. Wir mussten plötzlich im eigenen Haus Miete zahlen – natürlich an den Staat.

Barfuß auf der Flucht

Um uns drei Kinder am Leben zu halten, trug meine Mutter Mist von den Stallungen der Bauern in die Weinberge der Winzer. Man gab ihr keine Arbeit, weil meine Familie Klassenfeind war. Ich habe vor Hunger Salz geleckt. Mir wurde die Nutzung meines Familiennamens untersagt. Ich musste einen staatlich verordneten Namen fast 60 Jahre lang tragen. Ich sollte das wahre Leben kennenlernen? Ich hatte als Kind weder einen Ball noch Spielzeug oder Turnschuhe, nicht mal eine Schultasche besessen. Ich bekam mit 18 Jahren zum ersten Mal eine lange Hose. Ich habe in den Ferien als Wasserträger auf Baustellen gearbeitet. Ich war als Kind Anfang der 50er Jahre im berüchtigten Arbeitslager in Recsk. Ich ging auf der Flucht barfuß durch den Schnee. Und ich sollte das wahre Leben kennenlernen?

Ich kam mit drei anderen Studenten in einem Assistenzzimmer der Veterinärklinik unter. Vier Betten, kein Tisch, kein Stuhl, ein Schrank auf dem Flur. Durch ein kleines Fenster fiel Licht von der Frankfurter Straße hinein. Den Heiligen Abend haben wir weinend mit dem Hausmeister verbracht.

Die CIA hat uns ausgefragt, nahm Fingerabdrücke. Wir wurden in den Holzbaracken hinter dem Zeughaus in der Ausländerbehörde registriert, irgendwann erhielten wir den Status eines heimatlosen Ausländers nach der Genfer Konvention. Wir mussten uns halbjährlich in der Ausländerbehörde melden, bei einem Kriegsversehrten, der nie gelächelt, nur gedroht hat. Man hat geprüft, ob Straftaten von uns begangen wurden. Nach zwei oder drei Jahren genügte es, die Aufenthaltsgenehmigung jährlich zu verlängern. Wir mussten allerdings nachweisen, dass wir studierten, berechtigt waren, uns in der Stadt aufzuhalten.

Jeden Abend trafen wir uns in den Kellerräumen der Jesuiten in der Liebigstraße. Einer der Gießener Ungarn unterrichtete uns in Deutsch – ohne Buch und Hilfsmittel. Wir wurden vom Rektor der Universität empfangen, immatrikuliert. Nach einem Monat besuchten wir die ersten Lehrveranstaltungen ohne Sprachkenntnisse. So schrieben wir die Wörter von der Tafel ab und lernten sie zu Hause aus einem kleinen Wörterbuch. Wir waren völlig überrascht, dass es so viele Semesterferien gab. Wir kannten von den ungarischen Universitäten ein Schulsystem mit 48 Wochenstunden und einer Sommerferienzeit mit militärischer Ausbildung.

Ab dem Sommersemester 1957 erhielten wir ein monatliches Stipendium in Höhe von 150 DM, dessen Hälfte ein zinsloses Darlehen war. Ich bezog eine Studentenbude in der Dammstraße, zahlte eine Miete von 35 DM. Im Zimmer gab es ein Bett, einen Schrank, einen Tisch, einen Stuhl – und auf dem Flur eine Toilette. Dort konnte ich mir wenigstens das Gesicht waschen. Zum Duschen musste ich ins Stadtbad. Gegessen haben wir im Otto-Eger-Heim. 90 Pfennig kostete ein Mittagessen. Wenn wir Blut spendeten, bekamen wir 20 DM, gingen anschließend in ein Gasthaus in der Westanlage und leisteten uns ein Bauernfrühstück mit Eiern und Speck.

Aus dem Stipendium bezahlten wir unseren Unterhalt, unsere Kleidung, unsere Bücher, ich schickte sogar Pakete an meine Mutter und an meine beiden Schwestern mit Nylonstrümpfen und Schokolade. Einmal durften wir uns beim Roten Kreuz Kleidungsstücke aussuchen, einmal bei Karstadt. Ich habe einen Pullover gewählt.

Wir suchten nach Gelegenheitsarbeiten. Ich habe im Keller der Firma Häuser am Oswaldsgarten Papier gepresst, und gelegentlich bin ich mit dem Lastwagen mitgefahren, um Waren in die umliegenden Dörfer auszuliefern. So habe ich die ersten Eindrücke von der Umgebung der Stadt gesammelt. Über meine Rechte als staatenloser Flüchtling war ich nie informiert worden. Ich wusste nur, dass ich nunmehr über keine Staatsbürgerschaft verfügte und ein Bleiberecht hatte. Und dies hat mir gereicht, weil ich so mein Studium beenden konnte. Ich kannte nur Pflichten, die bereits am ersten Tag der Leiter des Studentenwerkes erklärte und später die Ausländerbehörde immer wieder erneuerte. Fragen der Integration oder Ähnliches war kein Thema bei uns. Wir haben die Sprache sukzessive erlernt, wir haben unsere eigenen Studentenbuden gehabt, wir haben bald deutsche Freunde und Freundinnen gehabt, besuchten die Vorlesungen, Seminare und Übungen, bildeten keine eigene Kolonie, niemand fragte uns, ob uns was fehlt, wir waren einfach da, verhielten uns wie normale Bürger, hielten alle Gesetze ein. Für uns war es eine Selbstverständlichkeit, alles, was um uns herum war, als gegeben anzunehmen und uns danach zu richten. So haben wir es als Jugendliche in unserer Heimat kennengelernt, auch ohne familiäre Ratschläge, taten einfach stets das Richtige.

Im Inneren immer Ungar

Um ehrlich zu sein: All dies hat uns nicht besonders beschäftigt. Wir wussten, was wir wollten, wir hatten ein Ziel, das Studium zu beenden und im Leben zu bestehen. Man musste uns nicht erklären, was wichtig und unwichtig sei, was man darf und nicht darf. Wir kamen aus dem gleichen Kulturkreis, es war uns alles vertraut. Es war alles in uns, nur die sprachliche Hürde bedeutete am Anfang gewisse Ängste. Diese legten sich dann sehr schnell, bald hatten wir Freunde, legten die ersten Prüfungen ab und hatten einen guten Ruf als fleißige, begabte Studenten erlangt. Nach unserem Examen überboten sich die Professoren, uns als Doktoranden zu gewinnen. Fast ausnahmslos haben wir promoviert, ich an meinem 25. Geburtstag.

Im Laufe der folgenden Jahre kamen einige Landsleute aus anderen Städten nach Gießen, einige von uns gingen in andere Städte. Wir haben alle unser Studium mit gutem oder sehr gutem Ergebnis abgeschlossen, wurden Ärzte, Tierärzte, Chemiker, Physiker. Einige von uns blieben in der Wissenschaft und wurden Universitätsprofessoren. Die Freundschaft unter uns Ungarn ist geblieben. Aber jeder hatte einen eigenen Freundes- und Bekanntenkreis mit Studium- oder Arbeitskollegen oder Nachbarn gebildet. Unser Leben gestaltete sich genauso, wie das Leben der Menschen, die hier geboren wurden, man erkannte uns höchstens an unserem ungarischen Akzent. In unserem Berufsleben konkurrierten wir mit allen Bewerbern, keiner von uns hat je daran gedacht, einen Vorteil aus unserer Vergangenheit zu ziehen, oder fühlte sich benachteiligt, wenn anderen der Vorzug gegeben wurde.

Wir alle gründeten Familien. Bis auf einen Fall heirateten wir Deutsche.

Die Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe war nie ein Thema, obwohl wir in unserem Innern stets Ungarn geblieben sind. Frühestens nach 10, eher nach 15 Jahren erhielten wir die deutsche Staatsangehörigkeit und zahlten dafür ein bis drei Brutto-Monatsgehälter. Wir wurden fest etablierte Mitglieder einer Gesellschaft, die uns 1956 aufnahm.

Inzwischen sind wir im Rentenalter und blicken mit Dankbarkeit zurück, dass uns das Schicksal eine längere politische Unterdrückung erspart hat und dass wir Mitglieder einer fremden Gesellschaft werden durften, die gar nicht mehr so fremd ist.

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