21. November 2011, 19:33 Uhr

Im Wingolf-Haus waren die Pfeifenraucher unter sich

Gießen (dd). Lecker! Der Duft von Schokolade, Nüssen, Kirschen, Mango und anderen exotischen Früchten zieht durch den Saal des Verbindungshauses des Gießener Wingolf. In dem Gemäuer haben sich Studenten und alte Herren zu einem lehrreichen und vergnüglichen »Akademischen Pfeifen- und Tabakkollegium« eingefunden.
21. November 2011, 19:33 Uhr
Nicht zu fest und nicht zu locker darf der Tabak gestopft sein: Wie man den Mittelweg findet, probieren die Seminarteilnehmer in der Praxis aus. (Foto: dd)

Kein unumstrittenes Thema, schließlich sind die gesundheitlich schädigenden Folgen des Rauchens gemeinhin bekannt. Aber Klaus Hölters, der Referent des Abends, sitzt für den »Genussverbund« vor dem Auditorium. Damit vertritt er einen Zusammenschluss von Pfeifen-, Tabak- und Zubehör-Herstellern.

So ist es das oberste Ziel des Abends, den Zuhörern nahe zu bringen, dass die Pfeife eben nicht in dem Maße zu den Suchtmitteln gehöre wie etwa die Zigarette. Zwar sei, so Hölters, der Pfeifentabak durchaus reich an Nikotin. Da aber der Tabakrauch nicht inhaliert werde, sondern seine Geschmacks- und Inhaltsstoffe über Zunge, Gaumen und Mundschleimhaut abgebe, sei er eben »weniger« schädlich. Zugleich will Hölters mit der 119. Veranstaltungen dieser Art vor einer Studentenverbindung das legendäre Tabakkollegium von König Friedrich-Wilhelm I. von Preußen ein Stück weit wieder aufleben lassen.

Von Einstein bis zum Eifel-Ermittler

»Die Pfeife war immer eher akademisch«, führt er aus und zählt bekannte Pfeifenraucher auf. Albert Einstein, Immanuel Kant oder Jean-Paul Sartre waren Pfeifenraucher, Politiker wie Herbert Wehner, Helmut Kohl und Norbert Blüm gehören zu den Pfeifenjüngern, ebenso wie der Komponist Johann Sebastian Bach, der Maler Vincent Van Gogh oder die Schriftsteller Max Frisch, Günter Grass oder Jacques Berndorf (Michael Preute), der in seinen Eifelkrimis auch seinen Protagonisten Siggi Baumeister zur Pfeife greifen lässt. In der Liste der »Pfeifenraucher des Jahres« ist auch schon Fernseh-Koch Horst Lichter aufgetaucht, den ein Nürnberger Hersteller in Form von zwei Tabaken mit Espresso- und Rotwein-Aroma vermarktet.

Nach einer kurzen Einführung haben die Studiosi schnell Gelegenheit, zur qualmenden Tat zu schreiten. Wie man den Tabak richtig in den Kopf der Pfeife stopft, haben sie zuvor gelernt: nicht zu fest, nicht zu locker. Dass aber ein klein wenig Erfahrung in diesem Unterfangen nicht schaden kann, zeigt ein Blick in die 20-köpfige Runde. Manche saugen mit Inbrunst (zu fest gestopft), bei anderen bilden sich schnell rote Glutherde im Kopf der Pfeife (zu locker). Vereinzelt stieben Funken durch die Luft. Gelegentlich kracht ein Rauchgerät auf den hölzernen Fußboden. Auch das Festhalten der Pfeifen zwischen den Zähnen will gelernt werden.

All das nehmen die Rauchgeräte nicht weiter übel. Schließlich ist das Bruyere-Holz – der Stoff, aus dem die Pfeifen üblicherweise gefertigt werden – recht widerstandsfähig. Weder lässt es sich von kurzzeitigen Temperaturen von 400 bis 500 Grad beeindrucken, noch nimmt es die beobachteten Stürze übel. Dabei, lernen die genießenden Zuhörer von Hölters, gibt es durchaus einige andere Materialien, aus denen eine Pfeife bestehen kann: Ton, Porzellan, Meerschaum (Magnesiumhydrocarbonat), Maiskolben und die mehrere tausend Jahre alte Mooreiche.

Zahl der Pfeifenraucher sinkt stetig

Heute gehöre der Tabak zur Pfeife zwingend dazu. Doch die Rauchgeräte habe es schon lange vor der Entdeckung des Tabaks gegeben, blickt Hölters zurück in die Geschichte. Allerlei Kräuter fanden zuvor ihren Weg in die Brennkammern. Vier verschiedene Grundsorten beherrschen heute die angebotenen Tabakmischungen: Virginia, Burley, Kentucky und Perique. Größter Tabakproduzent sei China, allerdings werde dort nur für den eignen Markt angebaut, erläuterte Hölters. In Deutschland wurden im Jahr 2010 etwa 585 Tonnen klassischer Pfeifentabak abgesetzt. Die Tendenz ist dabei seit Jahren eher rückläufig. Die geschätzt rund 600 000 bis 800 000 Pfeifenraucher in Deutschland könnten sich unter rund 3000 verschiedenen Tabakmischungen entscheiden, sagt Hölters. Dabei umfasse die Geschmackspalette fast alle denkbaren Aromen und Mischen, es gebe kräftige und weniger nikotinhaltige Sorten.

Um die Vielfalt des Tabaks zu unterstreichen, hat Hölters zuvor 13 mitgebrachte verschiedene Tabake durch die Reihen der versammelten Pfeifennovizen (übrigens mehrheitlich zuvor schon Raucher) gereicht. Pfeife, Stopfer, Feuerzeug, Filter und Reiniger als Grundausstattung hat er zu Beginn der Veranstaltung verteilt. Nach rund vier Stunden pfeifentechnischem Grundkurs präsentiert sich der Vortragssaal recht vernebelt.

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