06. September 2018, 22:01 Uhr

Im Liebesrausch getäuscht

06. September 2018, 22:01 Uhr
Die Larven des Seidenbienen-Ölkäfers bilden Ansammlungen, um Männchen der Efeu-Seidenbiene anzulocken. (Foto: hsb)

Wer in diesen Tagen aufmerksam durch den Botanischen Garten geht, kann Zeuge eines raren und kuriosen Naturschauspiels werden. Selten, weil der Hauptdarsteller, der Seidenbienen-Ölkäfer (Stenoria analis), eigentlich als ausgestorben oder zumindest als verschollen gilt. Wunderlich dagegen macht das Kerbtier sein ungewöhnlicher Entwicklungszyklus. Die Entwicklungsstadien, die im Augenblick zu beobachten sind, vereinen sich zu braunen, tropfenförmigen Gebilden, die an einem fast unsichtbaren weißen Faden in der Vegetation hängen. Das Ganze erinnert an einen Bienenschwarm aus dem Liliputland. Bei genauerer Betrachtung erkennt man eine Ansammlung winziger Tiere, die sich alle aneinanderklammern, ihre Köpfchen nach außen strecken und gleichzeitig alle durcheinanderwuseln. Es sind die Larven des Seidenbienen-Ölkäfers.

Erst vor Kurzem sind sie aus den an den Pflanzen abgelegten Eiern ausgeschlüpft. Die über 100 aus einem Gelege hervorgegangenen Larven seilen sich in einer gemeinsamen Aktion an einem vielleicht aus den leeren Eihüllen geformten Faden auf eine noch weitgehend unbekannte Weise ein Stück ab und baumeln je nach Wind mehr oder weniger stark im freien Luftraum. Ziel dieser Larven-Rotte ist es, liebeshungrige Männchen der Efeu-Seidenbienen anzulocken, denn der Käfer gilt als ein Brutparasit dieser Wildbienenart. Unter den vielen zurzeit im Botanischen Garten herumschwirrenden Männchen der Efeu-Seidenbiene, gibt es genügend Freier, die im Liebesrausch einen solchen im Luftraum pendelnden Larven-Haufen mit einer echten Wildbienenfrau verwechseln. Zur Täuschung des Bienenmannes sollen die Käferlarven sowohl optische als auch chemische Signale einsetzen. Beim Anflug erlebt der Liebhaber natürlich kein erfüllendes Schäferstündchen, sondern es kommt für ihn lediglich zu einer herben Enttäuschung. In Windeseile klammern sich nämlich zahlreiche der Larven-Winzlinge an den Körper des getäuschten Lovers, wo auch immer sie sich festhalten können. Anschließend krabbeln sie meistens auf die Oberseite der Bienenbrust, beißen sich mit ihren kräftigen Kiefern dort fest und können von der Biene wohl kaum noch entfernt werden. Erst bei der Paarung des Bienenmannes mit einer Bienenfrau wechseln die Larven (Triungulinen) auf diese über und gelangen so in das unterirdische Bienennest, wo sie sich auf Kosten des Bienennachwuchses zu neuen Seidenbienen-Ölkäfern entwickeln. Übrigens ziemlich erfolgreich, denn in dieser Saison sind um die 20 Gelege im Botanischen Garten gefunden worden. Zumindest in Gießen entwickelt sich der Käfer prächtig.

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