15. März 2018, 21:13 Uhr

»Ich bin ein Gießener Jung«

Omar El-Saeidi kennt man im Fernsehen als indischen Prinzen, aber auch als Folteropfer einer Bürgerwehr aus dem Kölner »Tatort«. Und demnächst steht er im Schauspiel Frankfurt auf der Bühne. Der Schauspieler mit ägyptischen Wurzeln und längerem Theaterengagement in Bielefeld überzeugt in vielen Genres und Rollen. »Ich bin dankbar für diese Vielfältigkeit«, erzählt er beim Interview und freut sich, dass er endlich mal als Gießener erkannt wird.
15. März 2018, 21:13 Uhr
Omar El-Saeidi hat ägyptische Wurzeln. Er wurde 1980 in Gießen geboren und hat an der Ostschule seine Leidenschaft für das Schauspielen entdeckt. (Foto: Agentur)

Viele halten Sie für einen Bielefelder, weil Sie dort lange Theater gespielt haben, doch in Wirklichkeit sind Sie Gießener.

Omar El-Saeidi: Ich bin in Gießen geboren und mit meinen sechs Geschwistern aufgewachsen. Meine Familie hat in der Dürerstraße, später am Reichelsberg gewohnt. Meine Eltern und zwei meiner Brüder leben noch in der Stadt. Ich bin zunächst in Wieseck in den Kindergarten gegangen, war dann auf der Friedrich-Ebert-Schule und später auf der Ostschule.

Und an der Ostschule hat auch Ihre Schauspielerlaufbahn begonnen?

El-Saeidi: Da hat tatsächlich alles angefangen. Waltraut Montag, eine sehr engagierte Lehrerin, die nun auch andere Lehrer im Darstellenden Spiel ausbildet, hat mich entdeckt. Mein Auftritt in »Grease« an der Schule war mein erster Kontakt mit der Schauspielerei.

Aber um ein Haar wären Sie Immobilienmakler geworden.

El-Saeidi: Schauspielerei fand ich cool. Aber meine Eltern haben sich Sorgen gemacht. Allerdings waren sie auch gegen dieses Bank-Ding, schließlich finden sie als Muslime das Geldscheffeln nicht toll. Staatliche Schauspielschulen hatten eine Altersbeschränkung und ich habe geglaubt, nach meinem Immobilienstudiengang dort vorsprechen zu können. Als ich das getan habe, bekam ich aber kein BAföG mehr und musste mir alles selbst finanzieren. Ich bin an die Hochschule in Rostock gegangen, weil dort die Lebenshaltungskosten niedriger waren und ich dort die Eignungsprüfung überstanden habe.

Sie haben als Kind auch in Saudi-Arabien gelebt, und sind als Grundschüler wieder nach Gießen gekommen. Wie haben Sie diesen Kultursprung empfunden?

El-Saeidi: Meine Eltern sind in den Achtzigerjahren aus beruflichen Gründen mit der Familie nach Dschiddah umgezogen, wo sie an der Universität gearbeitet haben. Wir Kinder durften kaum raus, wurden mit dem Bus zur Privatschule gebracht und abgeholt und konnten nur im Hof spielen. In den Schulferien war ich regelmäßig in Gießen. Das fand ich toll. Endlich konnte ich einfach losziehen und Süßigkeiten kaufen, mich mit Freunden verabreden. All das war in Saudi-Arabien nicht möglich, weil diese rigide Gesellschaft solche Freiheiten nicht zulässt. Meine Eltern hatten auch Angst vor sexuellen Übergriffen. Weil die Trennung zwischen Mann und Frau so streng ist, werden manche in die Homosexualität getrieben. Meine Eltern hatten fast weniger Angst um meine Schwestern, die durch die Religion geschützt waren, als um uns kleine Jungs. Deshalb wurden wir eingesperrt. Ich selbst habe aber kaum etwas davon mitbekommen. Erst als ich Jahre später ein Buch über jene Zeit mit Auspeitschungen und sexuellen Übergriffen in Dschiddah gelesen habe, habe ich meinen Vater gefragt. Er hat alles bestätigt. Er wollte nicht, dass wir Kinder sehen, wie der Islam in seiner schlimmsten Form ausgenutzt wird. Die Religionspolizei sind einfach organisierte Klugscheißer, die glauben anderen vorschreiben zu können, wie sie zu leben haben. Mit der Religion Islam hat das nichts zu tun.

Und wie war es, als Sie als Grundschüler wieder nach Gießen gekommen sind?

El-Saeidi: Gießen war für uns Urlaub und zugleich war Deutschland unsere Heimat. Mit unseren Eltern haben wir zwar Arabisch gesprochen, aber wir Kinder untereinander immer Deutsch. Als wir zurückkamen, war es für uns eher ein Kulturschock, als Familie mit sieben Kindern plötzlich als asozial abgestempelt zu werden.

Aber Sie haben Ihren Weg gemacht...

El-Saeidi: Wir hatten nach unserer Rückkehr nicht viel Geld. Meinen Eltern war es wichtig, dass wir alle Abitur machen. Das wäre meinen Schwestern in Saudi-Arabien nicht möglich gewesen und daher haben meine Eltern ihren eigenen beruflichen Erfolg hintenangestellt. Die Bildung ihrer Kinder war ihnen immer wichtig. Meine Geschwister sind Ärzte, studieren Lehramt, ein Bruder arbeitet beim Auswärtigen Amt. Aus uns allen ist etwas geworden.

Ich habe den Eindruck, dass es manchen Migrantenfamilien heute nicht mehr so wichtig ist, dass die Kinder von Klein auf Deutsch lernen.

El-Saeidi: Vor zwanzig Jahren wurde Eltern gesagt, dass sie mit ihren Kindern Deutsch reden sollen. Heute heißt es: Deutsch lernen sie von alleine in der Schule, wichtig ist, dass sie in ihrer Familie die Muttersprache sprechen. Bei mir kam hinzu, dass damals die ägyptische Community in Gießen nicht groß war. Es gab rund 20 ägyptische Familien. In einer großen Gemeinschaft ist der Druck, sich in einem fremden Land zu integrieren, natürlich nicht so groß.

Haben Sie bei Ihren Besuchen in Gießen eine Veränderung in der Stadt bemerkt?

El-Saeidi: Die Dürerstraße oder der Reichelsberg in den Achtzigerjahren war früher ein richtiges Mischgebiet. Hier haben unterschiedlichste Familien zusammengelebt. Heute erscheint es so, dass in den Sozialsiedlungen nur noch Ausländer leben.

Das Migrationsthema hat Sie auch bei Ihrer Abschlussarbeit an der Hochschule in Rostock beschäftigt. Das Thema lautete »Schauspieler mit Migrationshintergrund«. Worum ging es da?

El-Saeidi: Mich hat interessiert, welche Berufschancen ich habe. Ich hatte großes Glück, schon in meinem dritten Jahr von Karin Beier am Schauspiel Köln genommen zu werden. Sie hat ein Ensemble zusammengestellt, in dem ein Drittel der Mitglieder einen sichtbaren Migrationshintergrund hat. Ich habe in meiner Arbeit auch untersucht, ob Ensembles von Theatern die Bevölkerungsstruktur widerspiegeln. So hat beispielsweise in München jeder Vierte einen Migrationshintergrund, aber am »Resi« arbeitete damals kein einziger solcher Schauspieler. Manche Intendanten sagen, sie können einen zwar für eine bestimmte Rolle besetzen, aber nicht ins Ensemble nehmen. Weniger Mutige winken gleich ab, weil Sie keinen Platz hätten. Hier muss etwas geschehen: Wenn sich Migranten nicht im Theater wiederfinden, brechen die Zuschauerzahlen weg.

Aber es ist doch gar nicht mehr wichtig, dass Rollen passgenau besetzt werden?

El-Saeidi: Im Theater nicht, aber im Film schon. Doch solange es keine gemischten Ensembles gibt, wird es immer eine Bedeutung haben, dass ein Migrant mitspielt.

Ist es leichter für einen Schauspieler mit Migrationshintergrund im Film unterzukommen, als im Theater?

El-Saeidi: Ich hoffe, im Film auch mal der nette Mann sein zu können, der einen Heiratsantrag macht, ohne dass es gleich um das Thema Ehrenmorde oder Ausländer geht. Diese Rollen gibt es eher weniger, aber ich selbst bekomme immer mehr Angebote, die so strukturiert sind.

Demnächst sind Sie am Schauspiel Frankfurt in »invisible hands« zu sehen, spielen dort die rechte Hand eines Imans.

El-Saeidi: Ich spiele einen Pakistani, der einen Banker entführt, allerdings den falschen erwischt hat. Und der Banker bringt den Entführern bei, wie man handelt.

Fühlt es sich nicht komisch an, als Ägypter einen Pakistani oder Inder zu spielen. Frei nach dem Motto: Die sehen für Europäer alle gleich aus?

El-Saeidi: Es kommt bei mir immer auf die Rollen an. Ich bin natürlich vom Aussehen ganz nah an diesen internationalen Rollen. Mich interessiert es als Schauspieler aber, ob ich mit dieser Figur eine Geschichte erzählen kann, die schwer zu spielen ist und anhand derer ich mich als Schauspieler verbessern kann. Rollenangebote, bei denen es um das Abziehbild eines Terroristen oder eines Dönerverkäufers geht, nehme ich nicht an. Aber wenn ich über 90 Minuten Zeit bekomme, einen homosexuellen Araber zu spielen, der sich nicht traut, sich vor seiner Familie zu outen, dann interessiert mich das sehr.

Ihnen ist es gelungen, sehr unterschiedliche Rollen zu spielen. Nach dem ZDF-Zweiteiler »Das Mädchen mit den indischen Smaragden« war es sicher eine Herausforderung, nicht in der Schublade exotischer Liebhaber zu landen?

El-Saeidi: Mein fremdländisches Aussehen öffnet mir auch Türen, weil blonde, blauäugige Kollegen einfach eine viel größere Konkurrenz haben.

Wie wichtig ist gutes Aussehen beim Film?

El-Saeidi: Ich bin immer wieder erstaunt, dass man mich in diese attraktive Ecke steckt. Mit zunehmendem Alter ist das eine Herausforderung. Ich habe mir auch schon mal für ein Casting, als ich definitiv keinen Sixpack hatte, mit Edding die Worte Sixpack auf meinen Bauch geschrieben. Die Rolle habe ich natürlich nicht bekommen. Wir leben in einer Welt der Oberflächlichkeiten, in der man schöne Menschen im Fernsehen sehen will. Ich freue mich aber eher über jeden Typen im Fernsehen.

Sie spielen manchmal in Serien, etwa bei »In aller Freundschaft«. Läuft man da nicht auch Gefahr, nur noch als Seriendarsteller wahrgenommen zu werden?

El-Saeidi: Das habe ich früher auch gedacht. Aber bei einer Episodenrolle in einer gut produzierten Serie ist das nicht der Fall. Ich bin aktuell in der achtteiligen Comedyserie »Das Institut« dabei. Das ist etwas ganz Besonderes. Eine Mischung aus düsterem schwarzen deutschen Humor, was an sich schon politisch unkorrekt ist, mit guten Drehbüchern, tollen Kollegen.

Sie werden auch im Amsterdam-Krimi »Das Labyrinth des Todes« zu sehen sein.

El-Saeidi: Das haben wir Anfang des Jahres gedreht. Es war körperlich sehr anstrengend. Ich weiß nicht, wann es gezeigt wird. Neue Sachen kommen oft im Herbst raus, weil dann die Wahrscheinlichkeit, dass die Leute vor dem Fernseher sitzen, größer ist.

Wie ist es für Sie, wenn Sie sich selbst im Fernsehen sehen?

El-Saeidi: Ich gucke es mir mittlerweile schon an. Ein Regisseur hat mir mal geraten, das zu tun, damit ich weiß, was ich verbessern kann. Beim Theater kriegt man ja direkt Feedback des Publikums. Film ist viel technischer. Es kommt auch immer darauf an, wie etwas geschnitten wird. Ein Stück weit ist man da als Schauspieler machtlos.

Was war bisher Ihre schönste Rolle?

El-Saeidi: »Das Institut« war eine tolle Serie für mich. Gerne mehr davon. In den ersten Folgen hat der Regisseur meine Figur auch wertvoller gemacht. Aber man ist als Schauspieler immer nur so gut wie die Kollegen das auch zulassen. Ich bin sehr dankbar, für die Vielfältigkeit meiner Rollen. Dass man mich nicht in eine Schublade steckt.

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