18. Oktober 2018, 14:51 Uhr

Bahnhof

Historische Treppe am Bahnhof Gießen wiedereröffnet

Die historische Treppe am Bahnhof Gießen ist wieder offen. Angesichts der Vorgeschichte grenzt das an ein Wunder.
18. Oktober 2018, 14:51 Uhr
(Foto: Friedrich)

Man muss schon genau hinschauen, um zu erkennen, dass die Treppenstufen gebraucht sind. Etwas ausgetreten sind die Kanten an der Seite. Die drei neuen Stufen im Nordaufgang erkennt man dagegen schnell an der hellgrauen Farbe. »Die brauchen noch etwas Patina«, sagt Bezirksdenkmalpflegerin Dr. Katharina Benak. Die Mitarbeiterin der Landesdenkmalpflege war noch Teenager, als ihre Vorgänger den Stadtvätern 1993 in der Gießener Denkmaltopographie »eine sorgfältige Restaurierung mit behutsamen Ergänzungen im Zuge der Neugestaltung des Bahnhofsplatzes« ans Herz gelegt gaben. Fünf Stadtregierungen später ist der Wunsch doch noch in Erfüllung gegangen. »Wir sollten achtsam, sorgsam und respektvoll mit unseren Kulturdenkmälern umgehen«, sagt Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz am Donnerstagmittag bei der Freigabe des sanierten Treppenaufgangs.

Im vergangenen Dezember hatten die Restauratoren der namhaften Fachfirma Nüthen aus Erfurt die marode Treppe in sämtliche Einzelteile zerlegt, die abtransportiert und in den Räumen der Firma saniert wurden. Seit dem Sommer wurde das über 120 Jahre alte Kulturdenkmal dann an Ort und Stelle wieder zusammengebaut. »Es waren etwa 100 Einzelteile«, erklärt Nüthen-Bauleiter Dennis Schindler. Aufgabe sei es gewesen, »möglichts viele Teile im Original zu erhalten«. Und das ist den Fachleuten auf beeindruckende Art und Weise gelungen, loben alle, die an der Freigabe teilnehmen oder zufällig vorbeikommen. »Sehr schön«, sagt ein Bekannter von Baudezernent Peter Neidel.

Der Stadtrat weist darauf hin, dass die Treppe für Fußgänger und Radfahrer auch eine ganz wichtige Verbindung zum Bahnhof ist. »Diese Sanierung ist beispielgebend für den Umgang mit Baudenkmälern, die auch eine wichtige Funktion erfüllen können«, sagt Neidel. Um die Funktionalität des Aufgangs noch zu erhöhen, soll neben Gleis 11 noch ein Aufzug angedockt werden; der Baubeginn ist noch nicht terminiert.

OB Grabe-Bolz erinnert an die wechselvolle Geschichte der Treppe, die Bestandteil des denkmalgeschützten Gesamtensembles Bahnhof ist. »Sie hat zwei Weltkriege überstanden. Sie hat den Menschen im Bombenkrieg den Weg in die Luftschutzkeller gewiesen und den Menschen aus der DDR, die in Gießen ankamen, den Weg in die Freiheit«, sagt Grabe-Bolz. Einen Seitenhieb auf die Jamaika-Koalition, die vor acht Jahren – gegen ihren Widerstand – die Treppe abreißen wollte, um eine »monströse Planung« am Bahnhofsvorplatz umzusetzen, konnte sich die SPD-OB nicht verkneifen.

Damals stand eine Nachbildung zur Debatte, an die ein moderner Kopfbau mit Touri-Info und Fahrradwerkstatt angedockt werden sollte. Haushaltsauflagen des Regierungspräsidiums zwangen den damaligen Magistrat dann aber, das Vorhaben, zu dem auch ein unterirdisches Fahrradparkhaus gehörte, einzudampfen.

Die Leistung der Restauratoren ist auch deshalb bemerkenswert, weil es in den letzten Jahrzehnten mehrere Gutachten gab, die die Treppe als nicht sanierungsfähig einstuften. Außer den drei besagten Granitstufen sind beim Wiederaufbau nur restaurierte Originalteile verwendet worden.

Stadtrat Neidel hofft nun, dass das Ergebnis 100 Meter entfernt ähnlich ansehnlich sein wird. »Ich bin guter Dinge, dass wir jetzt auch bei der Alten Post vorankommen. Der neue Eigentümer steht für einen sorgsamen Umgang mit Denkmälern.«

Die Kosten der Sanierung belaufen sich auf 400 000 Euro, davon kommen 100 000 als Zuschuss vom Landesdenkmalamt. So viel sollte die Sanierung übrigens auch vor rund 30 Jahren kosten – in Mark.

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