25. Oktober 2018, 14:00 Uhr

Galgengeschichten

Hinrichtungen als Volksbelustigung in Gießen

Es ist gar nicht allzu lange her, dass in Gießen Henker ihr grausiges Geschäft vollzogen haben. Am Sonntag stimmen die Hessen darüber ab, ob die Todesstrafe aus der Landesverfassung gestrichen wird.
25. Oktober 2018, 14:00 Uhr
(Foto: dpa)

Als in den 1920er Jahren im Gefängnishof in der Gutfleischstraße die letzten bekannten Hinrichtungen vollzogen wurden, da machten sich an die 100 Gießener frühmorgens auf den Weg, um das Spektakel zu verfolgen. Sehen konnten sie zwar nicht, wie das Fallbeil den Kopf abtrennte und dieser in den bereitgestellten Korb fiel. Doch sie konnten das Geräusch hören. Und das reizte sie offenbar. Die Zeitung berichtete ausführlich, auch vom Weinen des Verurteilten, seiner Henkersmahlzeit und seinen letzten Worten. »Der fremde Tod zog an. Leider«, kommentiert dies Stadtführerin Dr. Jutta Failing, die die Geschichte der Hinrichtungen in Gießen recherchiert und in Stadtführungen und ihrem Buch »Vielmals auf den Kopf gehackt« beschreibt.

 

Soldhenker Moritz Brand

Failing kann auch von Gießens letztem Scharfrichter, dem Soldhenker Moritz Brand berichten, der diese Hinrichtung eines verurteilten Raubmörders vollzog. Mit Frack, Zylinder und weißen Handschuhen verrichtete der Henker sein grausiges Geschäft, reiste aus Sachsen mit Sohn und Lehrling im Gefolge an und logierte regelmäßig im damaligen »Hotel Berlin« in der Brandgasse.



Von Generation zu Generation vererbte sich auch in dieser Familie das blutige Amt. Moritz Brand hatte es 1885 nach dem Tod seines Bruders übernommen und war während seiner Amtszeit in ganz Sachsen und über dessen Grenzen hinaus tätig: ein als sehr freundlich, zurückhaltend, würdig und wortkarg beschriebener Mann mit weißem Patriarchenbart. Er starb im Alter von 83 Jahren in seiner Heimatstadt Neuhohelinde. Touristen können dort noch heute eine Trinktasse mit seinem Konterfei und einer Schilderung seiner Lebensgeschichte als Andenken kaufen.

 

Hinrichtung als Volksbelustigung

Wer das makaber findet, dem dreht sich beim Blick auf die Hinrichtungsmodalitäten früherer Zeiten, auch in Gießen, womöglich der Magen um. Die letzte öffentliche Hinrichtung fand in Gießen 1845 mit einem Fallbeil auf dem Galgenberg, stadtauswärts linkerhand an der Marburger Straße in Höhe der heutigen Pizzeria Karlsruh gelegen, statt. Hingerichtet wurden Tobias Franz und Nikolaus Fehl, zwei Mörder aus Freiensteinau im Vogelsberg. An die 12 000 Schaulustige aus den umliegenden Dörfern waren angereist. Sie feierten, sangen, betranken sich. »Es war wie auf einer Kirmes, eine allgemeine Gaudi«, erzählt Failing. Es gab Galgenbier und Arme Sünder Würstchen. »Heute fände solch ein Spektakel sicher in einem großen Stadion statt.«

 

Herrenlose Leichen

Auch die sogenannten Subachmörder, Tagelöhner, die 1822 eine Postkutsche zwischen Gladenbach und Gießen überfallen und sich danach wegen ihres plötzlichen Reichtums verdächtig gemacht hatten, wurden in Gießen mit dem Schwert öffentlich enthauptet.

Zwischen 1815 und 1918 wurden in Hessen insgesamt fast 100 verurteilte Raubmörder nach Gerichtsprozessen hingerichtet: mit Schwert, Richtbeil, Guillotine oder durch Erschießen. Die meisten, nämlich 26, wurden in Gießen vollzogen. Udo Bürger schildert solche Hinrichtungen aus dem alten Gießen zwischen 1824 und 1917 in seinem Buch »Die spektakulärsten Kriminalfälle in Hessen«.

Auch im damaligen Provinzialgefängnis, dem heutigen Mathematikum, wurden im damals noch nicht gut einsehbaren Innenhof Gefangene hingerichtet. Die Getöteten wurden anschließend in die gegenüberliegende Anatomie zur Sektion gebracht, wo man sich auch schon mal über die »zögerliche Nachlieferung an herrenlosen Leichen« beklagte.

 

Kranke trinken Blut Geköpfter

Auf dem Gießener Galgenberg, wo unter anderem Angehörige der Galanto-Bande gerädert und geköpft wurden, müssen sich auch in den Jahrzehnten zuvor entsetzliche Szenen abgespielt haben. Noch im 18. Jahrhundert blieben Gehängte wochenlang auf der Galgenwiese hängen, damit Fremde beim Einzug in die Stadt »gleich mit der Hausordnung bekannt gemacht wurden«, so Failing. Tuberkulosekranke tranken bis ins 19. Jahrhundert hinein das frische Blut der am Schafott Hingerichteten, weil sie sich erhofften, durch deren gesunden Lebenssaft geheilt zu werden. In den Apotheken gab es pulverisierte Hirnschale zu kaufen. Sie galt als Mittel gegen Epilepsie.

Drei Steinsäulen waren auf dem Galgenberg zu einem Galgen aufgerichtet, ein Holzstreben lag obenauf, darauf waren Zierkugeln angebracht. Handwerker teilten sich in der Regel die Aufgabe, den Galgen zu bauen, damit die Schuld auf mehrere Schultern verteilt war. Wo sich diese Steine heute befinden ist unklar. »Vielleicht sind sie in einem Haus ganz in der Nähe verbaut«, vermutet Failing, schließlich war Baumaterial begehrt. Es geht außerdem das Gerücht um, das das von Moritz Brand benutzte »rotgestrichene, neun Stufen hohe« Schafott aus städtischem Besitz noch existiert und an einem unbekannten Ort in Gießen lagert.

 

Zum Scharfrichtsamt gezwungen

Hinrichtungen gehörten früher zur Lebenswirklichkeit. »Meister Hans«, ein Henker aus älterer Zeit, war auch als Bader im Einsatz. Mit Zähneziehen und allem, was Schmerzen bereitet, kannte er sich aus. Er war bekannt dafür, mit Hilfe pulverisierter Wurzeln »verstockte Gefangene zum Sprechen bringen zu können«, sprich zu foltern.

Der 1703 verstorbene Gießener Scharfrichter Johann Bast, der in Failings Buch »Vielmals auf den Kopf gehacket – Scharfrichter und Henker in Hessen« erwähnt wird und dessen Grabstein auf dem Alten Friedhof zu finden ist, war Sproß einer Henkersdynastie. Seinen Söhnen konnte er nur durch die Ausstellung eines sogenannten »Ehrlichkeitsbriefs« ein Medizinstudium ermöglichen. Er selbst bekam auf diese Weise seinen Grabstein, auf dem noch heute die Gerechtigkeitswaage und ein Schwert zu erkennen sind.

Henker konnten sich nicht aussuchen, ob sie das Scharfrichteramt übernehmen wollten. Es war ein Handwerksbetrieb wie andere auch, in dem Frauen, Kinder, Lehrlinge und Gesellen mitarbeiteten. Die Berufswahl war nicht frei. Erst im 19. Jahrhundert änderte sich das und es wurden Soldhenker wie besagter Moritz Brand eingesetzt. Doch zuvor wurde dieses Amt von Generation zu Generation weitergegeben. Die Gießener Henker waren auch als Abdecker tätig, sie lebten im Bereich der heutigen Wolkengasse (hergeleitet von »Walkergasse«) vor den damaligen Toren der Stadt. »Viele waren Alkoholiker und betäubten sich so. Das wissen wir von den Spesenabrechnungen«, weiß Failing.

Ob nach den 1920er Jahren noch Menschen in Gießen hingerichtet wurden, ist unbekannt. Die Nazis richteten Gießener Verurteilte – darunter auch den Maler Heinrich Will – in Frankfurt Preungesheim hin. Ob die amerikanischen Besatzer in Gießen die Todesstrafe vollzogen ist ebenfalls unklar. »Hier muss geforscht werden«, so Failing.

Info

Änderung der Verfassung als Formalität

Als letztes Bundesland führt Hessen jetzt noch die Todesstrafe in seiner Verfassung (Artikel 21, Absatz 1). Warum das so ist, verrät ein Blick in die Gründerjahre der Bundesrepublik: In der Hessischen Landesverfassung, die am 1. Dezember 1946 in Kraft trat, wurde an der geltenden Todesstrafe festgehalten. Durch die Einführung des bundesdeutschen Grundgesetzes drei Jahre später konnten jedoch keine Todesurteile mehr verhängt oder vollstreckt werden. Dort heißt es nämlich in Artikel 102: »Die Todesstrafe ist abgeschafft.« Dieser Satz soll im gleichen Wortlaut nun in der Hessischen Verfassung verankert werden. Nach fast 70 Jahren Grundgesetz scheint die Änderung nach der Abstimmung am 28. Oktober nur noch eine Formalität zu sein.

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