13. September 2018, 11:00 Uhr

Kiwis in Allendorf

Herr Müller aus Allendorf und seine Kiwis

Pflaumen, Kirschen und Äpfel hängen in vielen Gießener Gärten. Aber Kiwis? Die grüne Frucht ist in heimischen Gefilden eine Rarität. Burkhard Müller aus Allendorf baut sie erfolgreich an.
13. September 2018, 11:00 Uhr
Burkhard Müller schätzt, dass er im Herbst bis zu 2000 Kiwis von seiner Hauswand ernten kann. (Foto: Schepp)

Das Haus in der Hüttenberger Straße ist schon von weitem ein Blickfang. Die Backsteinfassade ist fast vollständig von grünen Ranken bewachsen. Wein? Efeu? Nein. Erst bei einem genaueren Blick fallen die braunen stacheligen Früchte auf, die unter dem Blätterdach hängen.

»Es kommt häufiger vor, dass mich Passanten fragen, was das für eine Frucht ist«, sagt Burkhard Müller schmunzelnd. Im Supermarkt würden sie die Frage vermutlich nicht stellen. Die Ungläubigkeit hängt weniger mit dem Aussehen, sondern vielmehr mit dem Standort der Frucht zusammen. Wer rechnet schon damit, ein mit Kiwis bewachsenes Haus mitten in Allendorf zu sehen?

Für die Dorfbewohner gehören die grünen Früchte hingegen schon lange zum Alltag. Müller hat sie bereits vor 22 Jahren hier gepflanzt. »Ich war damals auf der Suche nach einer geeigneten Pflanze, um das Haus zu begrünen. Efeu wollte ich nicht, da er in den Putz geht. Ein Bekannter hat mir dann die Kiwis empfohlen.« Und so habe er die drei Bäume – zwei weibliche und einen männlichen – angepflanzt und zum Halt Drahtseile um die Fassade gespannt.

Die exotische Wahl sollte sich als Glücksgriff erweisen: In Windeseile kletterten die Ranken die Mauer hinauf, im dritten Jahr konnte Müller erstmals ernten. »Anfangs habe ich die Triebe im Winter noch abgedeckt. Inzwischen mache ich das nicht mehr. Es klappt auch prima ohne.«

Ich gehe oft durchs Dorf und verschenke die Früchte

Burkhard Müller

Es ist nicht so, dass Müller der einzige Gießener wäre, der zu Hause Kiwis anbaut. Aber oftmals bleibt es beim Versuch, die Früchte bilden sich einfach nicht aus. »Viele Leute fragen mich daher, was mein Erfolgsrezept ist«, sagt Müller und fügt achselzuckend hinzu: »Ich weiß es ehrlich gesagt selber nicht.« Womöglich liegt es daran, dass er im Gegensatz zu vielen anderen Hobbygärtnern nicht auf selbstfruchtende Sorten setzt, also auf Pflanzen, deren eigene Blüten sich gegenseitig befruchten. Der Allendorfer wählt den klassischen Weg: Männlein, Weiblein, den Rest macht die Natur.

Der Fruchterfolg erfreut nicht nur Müller, der aus den bis zu 2000 Kiwis vorwiegend Marmelade macht, sondern auch viele seiner Nachbarn. »Ich gehe oft durchs Dorf und verschenke die Früchte, vor allem an die älteren Menschen.« Aber auch Kinder würden auf dem Schulweg hin und wieder eine Kiwi pflücken. »Derzeit spucken sie sie aber noch aus«, sagt Müller und lacht. »So sieht dann auch der Bürgersteig aus.« Denn bis die Kiwis genießbar sind, dauert es noch eine Weile. Zum Beweis zupft Müller eine Frucht und zerteilt sie mit dem Kneipchen. »Die ist fest wie eine Kartoffel, sie hat auch noch keinen Geschmack.« Geerntet werde daher erst im Oktober, anschließend müssten die Kiwis noch einige Monate im Keller reifen. »Zwischen Januar und Mai kann man sie dann essen.«

Auch wenn die Ernte mit rund 2000 Früchten durchaus beachtlich ausfällt, ist der Kiwi-Anbau für Müller lediglich ein Hobby. Oder besser gesagt: ein Ausgleich. »Ich arbeite als Krankenpfleger im Uniklinikum. Das ist ein stressiger Job.« Das Gärtnern sei perfekt zum Abschalten. Das wusste übrigens auch schon der Lyriker und Orchideenzüchter Mark Balkens-Knurre: »Pflege deinen Garten, und der Garten pflegt deine Seele.«

Zusatzinfo

Wussten Sie, dass ...

- die Neuseeländer ihren Spitznamen nicht der Frucht, sondern dem gleichnamigem Vogel zu verdanken haben? Tatsächlich stammt die Frucht aus Asien. Vor 100 Jahren brachte eine Neuseeländerin uhre Samen von einer China-Reise mit. Man nennt sie daher auch Chinesische Stachelbeere. - 2016 weltweit 4,3 Millionen Tonnen Kiwifrüchte erzeugt wurden? Auf die Volksrepublik China entfiel dabei mehr als die Hälfte der weltweiten Gesamternte. Europa produzierte im gleichen Zeitraum 816 795 Tonnen. Die größten Produzenten waren Italien, Griechenland und Frankreich. - In Baden-Württemberg eine Kiwi-Koalition das Sagen hat? Diese Bezeichnung wird für schwarz-grüne Koalitionen gewählt, die unter grüner Führung sind. - Kiwis in Deutschland in den späten 70er und frühen 80er Jahren als Trend-Frucht galten? Von 1972 bis 1981 stieg der Konsum von 900 000 auf 85 Millionen Stück an. - 100 Gramm Kiwi 45 Milligramm Vitamin C enthalten? Somit decken zwei verspeiste Kiwis den täglichen Vitamin-C-Bedarf. Außerdem enthält die Frucht Ballaststoffe sowie Kalzium, Magnesium und Kalium.

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