06. Dezember 2018, 22:08 Uhr

Hendrix und der Heyerweg

Hans Röth hat Musik im Blut und trägt den Eulenkopf im Herzen. Als Musiker und Sozialarbeiter hat er Gießen mitgeprägt. Und das tut er immer noch, zum Beispiel als Mitglied von »Fluss mit Flair«. Mit »Hey Tschabo« hat er seiner Heimat auch ein musikalisches Denkmal gesetzt.
06. Dezember 2018, 22:08 Uhr
Die Gitarre ist aus dem Leben von Hans Röth nicht wegzudenken. (Foto: Schepp)

Hans Röth kommt in Jeans und Lederjacke. An den Fingern trägt er schwere silberne Ringe, und seinen rechten Arm ziert ein Tattoo. Ein Notenschlüssel, was sonst. Kein Zweifel: Unter seinen Altersgenossen sticht Röth heraus. Der Gießener ist 70 Jahre alt. Und dafür, dass er sein Leben lang dem Rock’ n’ Roll verbunden war, sieht er erstaunlich frisch aus. Der Gießener könnte problemlos als Ende 50 durchgehen. »Das macht die Frisur«, sagt der Glatzkopf und kann das Lachen nicht zurückhalten. Dabei gab es in seinem Leben genügend Gründe, die ihn Falten ins Gesicht hätten treiben können.

Eigentlich wollte Röth Lufthansa-Pilot werden. Doch seine Noten waren zu schlecht, als dass eine Bewerbung Sinn gemacht hätte. »Also habe ich es auf anderem Wege versucht«, sagt Röth. Er ging zur Bundeswehr. Die Idee: Nach der Ausbildung zum Kampfpilot könnte er als Zeitsoldat zur Lufthansa wechseln. Lediglich ein kleiner Crashkurs sei dafür vonnöten gewesen, sagt Röth, »damit man die Boing nicht wie einen Starfighter fliegt«. Doch ausgerechnet in seinem Jahrgang wurde diese Möglichkeit abgeschafft. Also brach Röth seine Zelte bei der Bundeswehr in München ab, kehrte nach Gießen zurück und studierte. Englisch und Kunst auf Lehramt. Aber nicht lange. »Das war so zäh, so langweilig, nichts für mich.«

Das Plakat, das er eines Tages entdeckte, kam da wie gerufen. Die Initiativgruppe Eulenkopf suchte studentische Mitarbeiter. »Ich kannte den Eulenkopp noch von meiner Zeit als Pestalozzischüler. Das waren ganz gefährliche Jungs.« Die Aussicht, im sozialen Brennpunkt zu arbeiten, reizte ihn, also ging er zur Info-Veranstaltung. Röth erinnert sich noch genau an das mulmige Gefühl, als er das erste Mal den Heyerweg hinunterschritt – und direkt dem Muskelprotz und späteren Gerüst-König Heinrich Velten über den Weg lief. Röth ließ sich nicht einschüchtern und ging zur Info-Veranstaltung. Danach war er so angefixt, dass er sein Studium schmiss, sich in Frankfurt für Sozialarbeit einschrieb, das neue Studium in Rekordzeit absolvierte und schließlich Sozialarbeiter am Eulenkopf wurde. »Heute ist das ja ein ganz normales Viertel, aber damals, in den 70er, 80er Jahren, war das Ghetto«, sagt Röth. Zum Beweis zückt er einen Stapel Schwarz-Weiß-Fotos. Sie zeigen Kinder mit verdreckten Gesichtern und zerrissenen Kleidern vor heruntergekommenen Baracken. Auf einem der Fotos ist auch der alte R4 von Röth zu sehen. »Die Kids haben schnell herausgefunden, wie man die Fenster von außen öffnet. Dann saßen sie immer im Auto und haben Musik gehört.« Man merkt dem 70-Jährigen an, dass er gerne an die Zeit zurückdenkt. Vor allem an den Jugendclub, den er seinerzeit gegründet hat. Zugegeben, manchmal hatte er Schweißflecken unter den Armen, wenn die Jugendlichen in den Club einfielen, anmerken ließ er sich seine Nervosität aber nie. Vielmehr versuchte er, die Jungs und Mädchen mit der Gitarre zu zähmen. »Wir haben eine Band gegründet. Die Underdogs.« Einige fanden den Namen diskriminierend, erinnert sich Röth, dabei passte er wie die Faust aufs Auge. Denn »sozial Benachteiligte, die anderen unterlegen sind«, wie es im Duden heißt, gab es am Eulenkopf zuhauf. »Wer als Wohnadresse den Heyerweg angab, hatte auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance.« Arbeitslosigkeit sei aber nur eines von vielen Problemen gewesen. Alkohol, Gewalt, Drogen und Prostitution: Röth hat das volle Programm mitbekommen.

Nach acht Jahren suchte Röth eine neue Herausforderung – und fand sie beim Jugendamt in Friedberg. Aus dem R4 war mit der Zeit ein roter Toyota Celica Supra geworden. Röth muss lachen, als er erzählt, den Sportwagen anfangs ein paar Straßen entfernt geparkt zu haben. »Ich wollte keinen falschen Eindruck erwecken. Am Eulenkopp haben sie immer gesagt: Ich fahre einen Ferrari für Arme. Sie hatten Recht.« Im Jugendamt war der Gießener für die Bereiche Trennung und Scheidung zuständig. Er war gut in seinem Job. Vermutlich, weil er die Probleme am eigenen Leib erfahren hatte. Die Scheidung von seiner Frau ging nicht spurlos an ihm vorüber. Oder, wie Röth es formuliert: »Damals bin ich nicht cool wie James Bond durch Gießen gelaufen.« Klar, wenn Kinder im Spiel sind, haben Trennungen eine andere Dimension. »Ich habe dann knallhart versucht, meine Kinder regelmäßig zu sehen. Mit Erfolg.« Heute hat er ein gutes Verhältnis zu seinen Kindern, betont Röth. Der Sohn arbeitet in der IT-Branche, die Tochter verdient ihr Geld als Innenarchitektin. Es ist nicht nur stolz, den Röth ausstrahlt, wenn er über seine Kinder spricht. Es ist auch Anerkennung für ihren gemeisterten Lebensweg. Seit 20 Jahren ist der Gießener in zweiter Ehe verheiratet. Glücklich, wie er betont. Er weiß aber auch, dass Scheidungen Narben hinterlassen können, die nicht heilen wollen. »Sowohl Eltern als auch Kinder sind oft sehr verletzt. Das sind persönliche Notlagen, die schwer zu lösen sind.« Vielen Menschen fällt es schwer, solche beruflichen Erfahrungen nicht mit nach Hause zu nehmen. Röth half dabei die lange Zugfahrt von Friedberg nach Gießen. »Spätestens auf der Höhe Butzbach waren die meisten Sorgen abgeschüttelt.« Manchmal hätten sie ihn aber auch in die eigenen vier Wände begleitet. Doch dieses Kapitel ist abgeschlossen. Röth ist seit einigen Jahren Rentner. Langweilig ist ihm aber nicht. Das liegt vor allem an der Musik. »Sie begleitet mich schon seit meiner Jugend.« Er kann sich an keine längere Phase erinnern, in der er nicht in einer Band gespielt hätte. Die Angry Ones zum Beispiel, seine allererste, die er als 15-Jähriger mit Freunden gegründet hat. »Wir waren die erste Punkband Oberhessens, lange bevor es den Begriff überhaupt gab.« Röth schwärmt von jener Zeit, in der auch die Misfits und Black Shadows durch die heimischen Clubs tingelten. Zusammen mit Bundeswehrkameraden trat er später als Silver Lines in Offiziersclubs auf und verdiente sich so den einen oder anderen Tag Sonderurlaub. Heute ist Röth Teil der Johnny Deville Blues Gang, in der auch seine Frau Birgit Ebershäuser mitspielt.

Wer eines von Röths Konzerten besucht, hat gute Chancen, jenes Lied zu hören, das den Gießener zuletzt besonders viel Aufmerksamkeit beschert hat. Den Jimi-Hendrix-Klassiker »Hey Joe« hatte er schon vor längerer Zeit in »Hey Karl« eingedeutscht. Vor einigen Monaten schlug dann ein Freund vor, er solle es doch mal auf manisch versuchen. Da die wenigen Worte, die Röth kannte, nicht ausreichten, setzte er sich mit dem Wörterbuch hin und kreierte »Hey Tschabo«. »Bei den Aufnahmen mussten wir so lachen, dass wir immer wieder von Neuem anfangen mussten«, erinnert sich der Musiker. Doch am Ende war das Stück im Kasten. Röth schuf somit nicht nur eine Gießen-Hymne, er setzte auch seiner alten Wirkungsstätte ein Denkmal. Schließlich wird am Heyerweg manisch gepukkt. Vielleicht spielt er den Song ja auch bald bei »Fluss mit Flair«. Seit einigen Jahren gehört er zum Festival-Team.

Röth hat in seinem Leben viel Not gesehen, sei es auf dem Eulenkopf oder im Jugendamt. Er hat aber auch dabei geholfen, das Leid ein wenig zu lindern. Vielleicht ist das der wirkliche Grund für sein jugendliches Aussehen. »Good Karma«, wie Jimi Hendrix sagen würde.

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