15. Februar 2018, 20:56 Uhr

Handschriftlich auf Bierdeckel oder Zellentür

Der letzte Wille ist kein Thema, das man auf den letzten Drücker erledigen sollte. Der Gießener Rechtsanwalt Joachim Mohr hat schon so manche kuriose Geschichte erlebt, wenn es um das Erben und Vererben geht. Er sagt: Manchmal hätte nur ein einziger Satz eine Menge Probleme lösen können.
15. Februar 2018, 20:56 Uhr
Joachim Mohr rät als Fachanwalt für Erbrecht jedem Menschen zu einem Testament. (Foto: mac)

Herr Mohr, haben Sie ein Testament?

Joachim Mohr: Klar. Ich bin zwar ledig und habe keine Kinder, dennoch macht es Sinn, Vermögenswerte bestimmten Menschen zuzuordnen, die etwas damit anfangen können. Man sollte sich als Erblasser überlegen, welche Funktion der Nachlass erfüllen soll. Bei mir macht es Sinn, die Kanzlei als Ganzes zu vererben. Mit der gesetzlichen Erbfolge wäre das nicht der Fall.

Welche Tipps haben Sie für Menschen, die über ein Testament nachdenken?

Mohr: Eine ganze Menge. Ich rate dazu, einzelne Gegenstände einzelnen Personen zuzuwenden. So kann man Streit vermeiden.

Mit familieninternen Streitigkeiten haben Sie sicher öfter zu tun?

Mohr: Ja. Gerade wieder. Zwei Töchter streiten sich um eine Immobilie. Eigentlich kamen die beiden immer gut aus, aber das ist vorbei. Der Vater hat das Haus beiden Kindern vererbt. Eine Tochter wohnt nicht hier in der Region, und sie will jetzt, dass die andere Tochter den Anteil abkauft. Das Problem: Zu welchem Preis?

Und?

Mohr: Der Preis sollte im Testament geregelt sein, zumindest, wie er ermittelt wird und ob es Familienabschlag gibt oder der Marktpreis gilt. Hier kam hinzu, dass die eine Tochter ins Haus investiert hat. Sie muss jetzt die eigene Investition noch einmal bezahlen, um dort wohnen bleiben zu können. Das ist sicher nicht, was der Vater wollte.

Sollte man den Preis festsetzen?

Mohr: Nein. Das kann ungünstig sein, weil wir Inflation haben. Man sollte abstrakt beschreiben, wie der Wert zu ermitteln ist. Ich finde, ein Familienpreis ist das Normalste der Welt.

Warum tun sich manche Menschen mit dem Testieren schwer?

Mohr: Weil sie oft vom falschen Standpunkt ausgehen. Man sollte sich nicht die Frage stellen, was vererbe ich wem, sondern was schenke ich wem? Es ist das Vermögen der Testierenden, und deren Wünsche sind maßgeblich. Wenn das den Erben nicht gefällt, ist das deren Problem. Aus meiner Sicht wirkt der Perspektivwechsel befreiend. Ich hatte Leute hier, die wollten etwas vererben und haben sich gequält. Das ist nicht nötig. Ich würde mich fragen, wer würde sich am meisten über ein bestimmtes Geschenk freuen. So kommt man leichter zum Ergebnis. Wichtig ist die Freude, die man gibt, nicht der Wert.

Sollte jeder Mensch ein Testament haben?

Mohr: Wenn er etwas zu vererben hat, ja. Absolut. Und zwar vor allem auch junge Leute. Stellen Sie sich vor: Der Mann stirbt, die Frau will mit dem Kind zurück in ihre Heimat, weil Oma und Opa dort auf die Kleine aufpassen könnten. Sie hat aber hier das Haus am Bein. Da sie mit dem minderjährigen Kind eine Erbengemeinschaft bildet, muss sie einen Weg finden, das Haus zu verkaufen oder weiterzuführen. Dazu muss sie das Betreuungsgericht einschalten und denen klarmachen, dass es wichtig ist, das Haus zu verkaufen und nach Kassel zu gehen. Das ist nicht unmöglich, aber auch nicht einfach. Es ist auch fraglich, ob der Mann wollte, dass die Hälfte schon jetzt an das Kind geht. Sollte nicht zuerst die wirtschaftliche Situation der Frau abgesichert werden und sie Entscheidungsfreiheit haben? Das erreicht man bei einem normalen Vermögen am besten, indem man sich gegenseitig als Alleinerben einsetzt.

Was ist eine Testamentsvollstreckung?

Mohr: Wenn am Nachlass Minderjährige beteiligt sind, kann man darüber nachdenken. Nicht jedes Kind ist mit 18 Jahren schon befähigt, plötzlich über 50 000 Euro zu verfügen. Es ist gar nicht so selten, dass Kinder mit 18 Jahren spinnen. Wenn man das nicht riskieren will, kann man die Vollstreckung anordnen. Das kann über den 18. Geburtstag hinaus oder bis nach der Ausbildung sein.

Wie hoch ist der Prozentsatz von Menschen mit Testament?

Mohr: Die Umfragen sind nicht belastbar. Insgesamt ist es ein nicht so hoher Anteil, gerade bei jungen Menschen, obwohl es – wie gesagt – besonders Sinn macht. Ein Muss ist ein Testament bei Patchworkfamilien.

Mit welchen Streitfällen werden Sie häufig konfrontiert?

Mohr: Wenn Kinder mit Mitte 30 plötzlich Miteigentümer von Wohnimmobilien der Eltern werden, gibt es oft Ärger, weil das plötzliche Eigentum eine Veränderung im Bewusstsein der Kinder auslöst. Dann heißt es: Mutter ich verstehe dich ja, aber ich bin jetzt mit im Boot. Sie können sich nicht ausmalen, wie Eltern plötzlich bevormundet werden. Das ist teilweise unsäglich. Ich hatte gerade wieder einen Fall: Die Frau fällt tot um, das Ehepaar hatte einige Immobilien, aber kein Testament. Jetzt taucht ein unehelicher Sohn auf. Herzlichen Glückwunsch. Der eine Satz »Wir setzen uns gegenseitig als Alleinerben ein« wäre zwar keine kluge Nachlassregelung gewesen, aber er hätte alle wichtigen Probleme gelöst.

An was muss man außerdem denken?

Mohr: Das Testament muss vom ersten bis zum letzten Buchstaben handschriftlich sein. Sie können es auch selbst zu Hause aufsetzen. Es wirkt genau wie ein notariell beurkundetes Testament.

Ich habe gelesen, man kann ein Testament auch auf einen Bierdeckel schreiben?

Mohr: Im Grunde schon. Das Problem mit dem Bierdeckel ist, dass man die Ernsthaftigkeit nicht sicher feststellen kann und es daher Zweifel an der Wirksamkeit geben könnte. Wenn Sie das Testament in der Kneipe machen wollen, dann fragen Sie den Wirt zumindest nach einem Zettel. Es gab sogar mal den Fall, da hat ein Sträfling auf die Zellenwand geschrieben. Wichtig ist, das gewählte Medium muss eine gewisse Haltbarkeit haben.

Wann ist ein Testament unwirksam?

Mohr: Wenn es mit dem PC geschrieben ist. Die Eltern meines besten Freundes haben an Weihnachten ganz feierlich ein Testament auf den Tisch gelegt. Die Schwiegertochter hat es gegen das Licht gehalten – und aus der Traum. Es war mit der Schreibmaschine getippt. Unwirksam. Nicht zu retten. Unwirksam ist es auch, wenn die Person nicht mehr testierfähig ist, aber das kommt selten vor. Demente schreiben selten ein Testament.

Was ist noch wichtig?

Mohr: Es zu ändern, wenn sich im persönlichen Umfeld oder an der wirtschaftlichen Situation etwas verändert. Mein Testament ist ehrlich gesagt nicht mehr geeignet. Bei mir hat sich in den letzten Jahren einiges verändert, das nicht berücksichtigt ist.

Was kostet ein Testament?

Mohr: Wenn es sehr einfach ist und man es selbst aufschreibt, kostet es nichts. Allerdings sollte man immer 93 Euro investieren. 75 Euro für die Hinterlegung beim Amtsgericht und 18 Euro für die Registrierung beim zentralen Testamentsregister Berlin. Dann sind Sie vor Feuer und Wasser sicher, aber auch für den Fall, dass derjenige es zuerst findet, der von der gesetzlichen Erbfolge, aber nicht laut ihres Testaments als erstes an der Reihe ist. Glauben Sie mir, die Motivation es in diesem Fall abzugeben, ist nicht gerade hoch. Im Todesfall wird standardmäßig beim zentralen Register nachgefragt. Man muss sich also keine Gedanken machen, dass es auch gefunden wird.

Und wenn man das Testament beim Anwalt macht?

Mohr: Dann hängt der Preis oft mit dem Vermögenswert zusammen. Ich vereinbare eine Pauschale, die sich an der Komplexität des Nachlasses, am Umfang der Regelung und des Werts orientiert. Man liegt meist zwischen 1500 und 5000 Euro. Beim Notar kostet es ähnlich viel oder wenig, es orientiert sich auch da am Vermögenswert.

Manchmal herrscht die Meinung vor, Testament geht nicht ohne Notar?

Mohr: Ich als Erbrechtler muss das ja sagen, aber es ist auch meine Überzeugung: Notare sind nicht unbedingt Erbrechtler, in erster Linie sind sie Juristen und Urkundungsbeamte. Ich habe oft erlebt, dass Testierende beim Notar nicht gut und nicht individuell genug beraten werden. Das ist aber auch nicht deren Kerngeschäft.

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie solche Testamente in die Finger kriegen?

Mohr: Oft fehlt die Öffnungsklausel, obwohl sie gewollt war. Des Deutschen liebstes Testament ist das Berliner Testament. Dabei setzen sich Ehegatten wechselseitig zu Alleinerben ein, Schlusserben werden die Kinder zu gleichen Teilen. Jetzt stirbt der Ehemann, die Mutter zerstreitet sich mit einem Sohn und schreibt ein neues Testament. Das ist aber unwirksam, weil das erste Testament wie ein Vertrag wirkt. Ich hatte eine Frau, die hat 20 neue Testamente aufgesetzt, die alle unwirksam waren, weil es das bindende Berliner Testament gab – ohne Öffnungsklausel. Darüber hinaus sind sicher in einem Drittel aller Testamente die diesbezüglich relevanten Formulierungen missverständlich oder ungenau. Man sollte wissen, dass es gerade über kleine Dinge großen Streit geben kann. Neulich habe ich 500 000 Euro verteilt, alles gut, doch dann kam eine alte Standuhr ins Spiel. Glauben Sie mir, ich hätte sie am liebsten in Stücke gehauen. Bei mir aus der Beratung ist jedenfalls noch keiner mit einem einfachen Berliner Testament herausgegangen.

Fällt Ihnen noch eine Anekdote ein?

Mohr: Hunderte. Wenn ein Kind nach dem Tod des Vaters von der Mutter den Pflichtteil abverlangt, das andere Kind aber verzichtet. Was passiert, wenn die Mutter stirbt?

Die Kinder erben wieder.

Mohr: Genau. Die Hälfte für jedes Kind.

Mit dem Ergebnis, dass das Kind, das die Mutter unter Druck gesetzt hat, am Ende mehr bekommt als das andere Kind.

Mohr: Das ist Mist. In dem Fall hätte eine Pflichtteilstrafklausel geholfen. Was auch oft vergessen wird, ist, den oder die Erben tatsächlich zu benennen. Es ist auch ein Unterschied, ob Sie vererben oder vermachen. Ein Testament, in dem steht ›Uli bekommt das Haus, Steffi die Gartenhütte und Mama das Geld‹ reicht nicht aus, um Klarheit zu haben. Ganz davon abgesehen, dass man nicht weiß, ob die Aktien auch zum Geld gehören. Und wer bekommt das Auto?

Da stoßen dann auch Erbrechtler an ihre Grenzen?

Mohr: Ich weiß auch mal nicht weiter, wenn ich erahnen muss, was sich der Testierende gedacht haben könnte. Bei Erbengemeinschaften von Mietshäusern oder Betrieben ist es oft besser, wenn einer das Sagen hat. Ich habe erlebt, dass Firmen pleite gegangen sind, weil die Erbengemeinschaft verhindert hat, dass Investitionen vorgenommen wurden.

Wann ist die richtige Zeit zum Vererben?

Mohr: Sie meinten, wann ist der richtige Zeitpunkt, Kindern das Haus zu überschreiben. Wenn man tot ist. Vermögen herzugeben, schwächt die Position. Trotzdem werden Immobilien oft übertragen, wegen der Steuer und so. Zwei Jahre später sind sie zerstritten. Ich rate davon ab. Die Eltern haben 50 Jahre gespart, damit sie es später besser haben. Dann sollen sie sich arm schenken? Sie können nichts machen, nicht umbauen, nicht mal das Altenheim aussuchen, wenn sie das Haus abgeben. Dafür habe ich kein Verständnis.

Herr Mohr, wenn das meine Eltern lesen.

Mohr (lacht): Ich habe viele Eltern von Freunden beraten, keine haben das Haus überschrieben. Sie glauben nicht, wie Eltern von ihren Kindern gedemütigt werden. Das geht bei der Gartenhütte los, die abgerissen wird. Meine Meinung hat hier nichts mit Jura zu tun, aber ich finde das schlimm.

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