Gruß an die Toten

Kann es Gedichte oder Kunst zu Auschwitz geben? Immer wieder wird Theodor Adornos Diktum zitiert, das sei zu barbarisch und nicht darstellbar. Dass Maler dennoch Auschwitz in ihrer Kunst reflektierten, wundert nicht bei denen der Erlebnisgeneration. Es erstaunt jedoch bei Künstlern, die nach 1960 geboren wurden. So wie bei Jan Schüler.
31. Januar 2018, 20:28 Uhr
Allen Porträtierten zur Seite richtet sich eine große schwarz-violette Blüte auf – ein symbolischer Gruß an die Toten. (Foto/Repro: dkl)

Jan Schüler ist in Gießen geboren und aufgewachsen, er lebt seit der Studienzeit in Düsseldorf. Für sein Projekt »Schwarze Blumen« hat er sich fast ein Jahr aus dem Kunstgeschehen herausgenommen und einzig auf das Thema Auschwitz konzentriert. Daraus wurde 2017 eine Ausstellung samt Begleitbuch unter dem Titel »Schwarze Blumen«, unterstützt von seiner Düsseldorfer Galerie Peter Tedden.

In seinem Textbeitrag zum Katalog beschreibt Schüler, wie er zum Thema kam und sich vorangearbeitet hat. Das Thema Vernichtung der Juden sei in seiner Familie unterschwellig immer präsent gewesen. Als 1979 die amerikanische Serie »Holocaust« im deutschen Fernsehen lief, schaute man sie gemeinsam an. Später am Abend hörten er und seine Schwester einen Streit zwischen den Eltern, in dem die Mutter dem Vater den Vorwurf machte, an den Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. Er habe es nicht besser gewusst, der Vater weinte. Doch nie wurde konkret darüber gesprochen. Erst nach dem Tod des Vaters konnte für Jan die Auseinandersetzung damit beginnen. So las er etwa die Kriegserinnerungen von Dieter Wellershoff: »Der Ernstfall. Innenansichten des Krieges« (1995). Das Buch ist Gideon Schüler und einem weiteren Kriegskameraden, Gerhard Bauer, gewidmet, die diese Hölle als Jugendliche durchmachen mussten.

Jan Schüler weiß nun, dass das Engagement seines Verlegervaters (Edition Literarischer Salon) für die Texte jüdischer Emigranten (Siegfried Einstein, Hans Keilson) mit dessen Kriegserlebnissen zu tun hat. Gideon Schüler wurde 1942 als 17-Jähriger eingezogen, er kam in die Division Hermann Göring und wurde beim Russlandfeldzug in Litauen eingesetzt, wo die Auslöschung des Judentums begonnen hatte. Wie viel er davon mitbekam, was er selbst getan hat – er sprach nie darüber. Als er aus der Kriegsgefangenschaft kam, trat er aus der Kirche aus und versuchte – auch mithilfe von Alkohol – zu vergessen. Später begann er, seine Erinnerungen zu verarbeiten. In der 1989 herausgegebenen Anthologie »Zwischen Unruhe und Ordnung« schreibt er über das Aufwachsen im Dritten Reich.

Mutter Renate hatte als Kind die andere Seite des Krieges erlebt: die Vertreibung der Familie mit einer schwangeren Mutter und einer kleinen Schwester. Renate Schüler-Lamert wurde Malerin, sie hat in den 80er Jahren einige Kriegs- und Fluchtbilder gemalt. Insofern hatte Jan Schüler dies immer auch bildlich vor Augen. »Die Themen habe ich von meinen Eltern geerbt«, sagt er. So wie beide deutsche Staaten die Themen und Personen in ihre neuen Strukturen mitnahmen und immer wieder daran erinnert werden.

Die künstlerische Bearbeitungsform sind Porträts von Gefangenen des Lagers Auschwitz, die Jan Schüler nach Fotografien des Lagerfotografen malte. Es handelt sich um eine kleine Auswahl aus den mehr als 35 000 erhalten gebliebenen Fotos. Von manchen Personen sind die Namen bekannt, von anderen nicht. Jan Schüler will mit seinen Porträtgemälden den geschundenen und getöteten Menschen ein würdiges Erinnerungsmal setzen. Und das in seinem eigenen, hoch ästhetischen Malstil. Bei aller Typisierung behalten die Porträtierten individuelle Züge. Die meisten tragen die längsgestreifte Häftlingskleidung und haben die Augen geschlossen. Die Gesichter sind ernst und schön, sie wirken wie schlafend oder in Nachdenken versunken, nur wenige haben leicht angespannte Züge. Bei zwei der Frauen sind die abrasierten Haare auffällig. Und allen zur Seite richtet sich eine große schwarz-violette Blüte auf, ein symbolischer Gruß an die Toten.

Der Katalog stellt darüber hinaus einige der wenigen Künstler vor, die in der Nachkriegszeit ihre Lagererlebnisse zeichneten und malten. Das sind Lea und Hans Grundig, Horst Strempel, der im Krieg geborene Wolf Vostell und der kurz nach Kriegsende geborene Felix Droese. Und ein bewegender Erlebensbericht von Rissa, der späteren Ehefrau des Malers K. O. Götz, die als Kind Zeugin der Todesmärsche wurde.

In den Texten verschiedener Autoren wird auch ein vergessener Teil der Kunstgeschichte vorgestellt. Auch die Kunstwelt wollte mit der grauenvollen Vergangenheit nicht konfrontiert werden, weder in Ost- noch in West-Deutschland. Man wollte nach vorn blicken, die Zukunft bauen. Dieser Katalog stellt unter den Künstlerkatalogen eine große Seltenheit dar. Das Schüler’sche Projekt verdient großen Respekt und weitere Beachtung.

Jan Schüler: »Schwarze Blumen«, 22 Euro, ISBN 978-3-940985-52-1, bestellbar im Buchhandel oder unter www.galerie-tedden.de.

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