03. Oktober 2018, 18:00 Uhr

Feierstunde

Gorbatschows Not, Kohls Chance

Warum ließ sich Michail Gorbatschow von der Wiedervereinigung überzeugen? Geld spielte eine Rolle. »Erkauft« sei die Einheit aber nicht, hieß es bei der Feierstunde zum Tag der deutschen Einheit.
03. Oktober 2018, 18:00 Uhr
Feierstunde des Magistrats zum Tag der Deutschen Einheit: Filmemacher Uli Weidenbach gibt Auskunft, Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz appelliert für ein offenes Deutschland, Pianistin Gabriela Tasnadi stimmt die Nationalhymne an. (Foto: Friedrich)

Die Pressekonferenz hatte noch nicht begonnen, aber die Mikrofone waren versehentlich schon angeschaltet. Deshalb blieb der Nachwelt ein Satz erhalten, den Bundeskanzler Helmut Kohl seinem Außenminister Hans-Dietrich Genscher zuraunte: »Eigentlich müssten wir uns jetzt besaufen.« Und zwar vor Freude.

Filmemacher zu Gast

Unerwartet hatte der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow gerade grundsätzlich der Wiedervereinigung Deutschlands zugestimmt. Die Beweggründe für diesen Machtverzicht Russlands und die Folgen, die bis heute nachwirken, waren am »Tag der deutschen Einheit« Thema der offiziellen Feierstunde des Magistrats im Rathaus. Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz begrüßte an diesem »Tag der Freude« etwa 100 Gäste im Hermann-Levi-Saal.

Mittelpunkt war die Vorführung des Dokumentarfilms »Geheimakte Deutsche Einheit«, 2015 erstmals bei »ZDF History« ausgestrahlt und nun in Gießen präsentiert und erläutert vom Autor Uli Weidenbach. Zeitzeugen und Historiker aus Deutschland, Russland und den USA geben Einblicke in einen alles andere als selbstverständlichen Prozess. Innerhalb eines knappen Jahres nach dem überraschenden Mauerfall 1989 war das geteilte und von den Siegermächten besetzte Deutschland zum souveränen und geeinten Staat unter dem Dach der Nato geworden.

Lebensmittel und Geld für Moskau

Und das, obwohl der Druck von der Straße (»Wir sind ein Volk«) zunächst bei der Bundesregierung in Bonn und erst recht bei den internationalen Partnern auf wenig Begeisterung stieß. Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterand prägte den Ausspruch: »Ich liebe Deutschland so sehr, dass ich froh bin, dass es zwei davon gibt.« Am meisten zu verlieren hatte die Sowjetunion, nämlich ihren Einfluss auf die DDR und, wie sich zeigen würde, den Großteil Osteuropas.

Warum ließ sich Gorbatschow nach anfänglichem Protest dennoch auf die Wiedervereinigung und dann sogar auf die Nato-Bindung Deutschlands ein? Die Antwort des Films: Seinem Land drohte der Staatsbankrott und ein Militärputsch. Vor allem in Moskau gab es leere Supermarktregale und Massendemonstrationen.

In dieser Notsituation bat Gorbatschow die Bundesrepublik um Hilfe. Und er bekam sie: Erst in Form von Lebensmitteln, später eines Kredits über 15 Milliarden D-Mark. Daran wurden offiziell keine Bedingungen geknüpft, doch diese Unterstützung habe – neben dem Willen zum Frieden – bei den Verhandlungen sicher geholfen.

Dennoch könne man nicht von der »erkauften« Einheit oder von Bestechung sprechen, betonte Weidenbach. »Es ging nicht nur ums Geld.« Die Wiedervereinigung bleibe ein »emotional großartiger Moment«. Ebenso wenig könne von »Betrug« die Rede sein, was die Nato-Grenzen betraf. Das Versprechen, es werde keine Osterweiterung geben, sei zwar mündlich geäußert, aber nie bindend oder schriftlich festgehalten worden.

Machtverlust wurmt Putin

Der Film schlägt den Bogen zu Wladimir Putin und der Besetzung der Krim-Halbinsel durch Russland 2014: Dieses Verhalten lasse sich besser begreifen, wenn man sich den Bedeutungsverlust der einstigen Supermacht 1990 vor Augen führe. Etliche Russen hätten Gorbatschows Nachgeben als Versagen und »Demütigung« empfunden.

Im Jahr 28 nach der Wiedervereinigung wirke die Historie nach: Das sagte auch Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz in ihrer Rede. Sie erinnerte daran, dass es damals in Chemnitz Demonstrationen »gegen Mauern« gab und heute fremdenfeindliche Hetze: »Wie ist das möglich?« Offenbar fühlten sich viele Ostdeutsche »abgehängt«, nach wie vor seien die Unterschiede bei Löhnen, Vermögen und Wirtschaftskraft zu groß.

Grabe-Bolz: Zukunftsängste ernst nehmen

Es gelte Mauern einzureißen, »die sichtbaren und die in unseren Köpfen«, erklärte die SPD-Politikerin. »Wir müssen Zukunftsängste ernst nehmen, uns aber gleichzeitig unnachgiebig für eine vielfältige Gesellschaft einsetzen, für ein menschliches und offenes Deutschland.«

Grabe-Bolz wies hin auf Gießens besondere Rolle für DDR-Bürger. Die Stadt mit ihrem Notaufnahmelager sei ein »Sehnsuchtsort« gewesen, an dem man auf dem Weg in die Freiheit erstmals habe aufatmen können.

Im Publikum saß der langjährige Leiter des Lagers, Heinz Dörr (90). Auch der heimische CDU-Bundestagsabgeordnete und Staatsminister Helge Braun sowie der SPD-Landtagsabgeordnete Gerhard Merz waren unter den Gästen. Die gemeinsam gesungene Nationalhymne beschloss die Feierstunde.

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