06. November 2018, 13:55 Uhr

Leihräder

Gießener Leihrad-Flotte ständig im Blick

Seit einem halben Jahr rollen Mieträder durch Gießen. Und das sozusagen geräuschlos. Weder gibt es Parkchaos noch verwaiste oder überquellende Stationen. Zu verdanken ist das dem Serviceteam.
06. November 2018, 13:55 Uhr
Lässt sich die Gangschaltung an Nummer 91255 vor Ort reparieren? Die Nextbike-Servicmitarbeiter Patrice Broisch (r.) und Ralf Schling kümmern sich am Leihgesterner Weg um gemeldete Defekte und transportieren Räder zu anderen Standorten. (Foto: Schepp)

9 Uhr morgens. Der Arbeitstag beginnt mit einem Blick auf das Handy. Der Stadtplan ploppt auf. Am Philosophikum klemmt ein Schloss, an der Gutfleischstraße ist ein Akku leer. Um die einsamen Einsen auf dem Display, die gestrandete Fahrräder markieren, müssen sich Patrice Broisch und Ralf Schling später ebenfalls kümmern. Zunächst aber gilt es mit dem Kleinbus Nachschub zum Bahnhof zu bringen – denn dort werden um diese Tageszeit dutzendweise Räder gebraucht. Das sechs Monate alte Leihradsystem »brummt« zum Start des Wintersemesters. Viel zu tun hat das vierköpfige Serviceteam, das die 360 Fahrräder wartet und je nach Bedarf hin- und hertransportiert.

In etlichen Großstädten sind Mieträder zur Plage geworden. Kreuz und quer stehen sie überall herum, blockieren Gehwege und Einfahrten. In Gießen setzten die Hochschulen mit Bedacht auf einen seriösen Anbieter, als sie das Angebot im April starteten. Tatsächlich erfüllt der Branchenriese Nextbike mit Sitz in Leipzig die Erwartungen. Die Gießener Broisch und Schling, beide fest angestellt, betreuen die Flotte täglich. Unterstützt werden sie von zwei Studenten als Teilzeitkräfte.

 

Jedes gestrandete Rad wird geortet

Zwar erfahren die Mitarbeiter über ihre Mobiltelefone alles Wichtige: Nämlich wo wie viele Räder stehen und wo Defekte gemeldet wurden. Doch darauf allein verlassen sie sich nicht. »Wir versuchen jeden Tag alle 14 Standorte abzufahren«, und zwar in Nextbike-Dienstwagen mit Leipziger Kennzeichen. Schließlich machen sich erfahrungsgemäß nicht alle Nutzer die Mühe, ein Problem weiterzugeben. Manche Reparaturen können vor Ort erledigt werden, andere in den eigens angemieteten Werkstatträumen in Staufenberg.

Täglich aufgeräumt wird vor allem dort, wo nicht jedes Rad in einen speziellen Extra-Ständer einrastet, etwa am Bahnhof. Vor allem jedoch werden Räder transportiert. Bis zu 22 passen in den Kleinbus. Wenn die Nutzer morgens in Scharen vom Bahnhof in die Campusbereiche wollen und abends zurück – kann man die Räder dazwischen nicht einfach jeweils stehen lassen? Nein, erklären die Experten: Den ganzen Tag sorgen sie dafür, dass keine Anlage überquillt oder verwaist.

Eigentlich müssen die Räder an einer Station abgegeben werden. Daran hält sich nicht jeder, obwohl für Verstöße eine Extra-Gebühr fällig wird. Dank Ortung – die Technik ist nicht während der Fahrt aktiv, erst nach dem Abschließen – haben die Mitarbeiter Überblick über vereinzelte Exemplare. Wenn sie länger als ein paar Stunden in WG-Hinterhöfen oder vor Kneipen stehen, sammeln sie sie ein. Wer das Rad am Abstellort wieder vorfinden will, kann die Parkfunktion aktivieren und muss für diese Zeit zahlen.

 

Bald Räder am Uni-Hauptgebäude

Grundsätzlich steht das Mietrad-Netz jedem offen. Bisher sind laut Uni zwei Drittel der Kunden Studierende, zudem viele Bedienstete von JLU und THM. Für sie alle ist die erste halbe Stunde einer Fahrt kostenfrei. Sie radeln indes nicht nur von und zur Hochschule. Das zeigt sich an der Station Bismarckstraße, die überdurchschnittlich stark frequentiert wird – offenbar wegen der Nähe zur Innenstadt. Weil die Stadt sich am System noch nicht beteiligt, gibt es innerhalb des Anlagenrings keinen Standort. Voraussichtlich bis Ende dieses Jahres will die Uni eine Station an ihrem Hauptgebäude an der Ludwigstraße einrichten.

»Der Job macht Spaß«: Das findet der gelernte Landschaftsgärtner und Rad-Enthusiast Ralf Schling ebenso wie Patrice Broisch, der aus dem Metallbau-Handwerk kommt und früher nach Hanau zur Arbeit pendelte. Stöhnten sie im Sommer mitunter bei Gluthitze, so kommt mit der Herbstkälte jetzt allerdings eine Bewährungsprobe – auch für die Nutzer. Bei diesem Wetter hat nicht jeder Lust zum Radfahren.

Die Vorteile wiegen freilich schwer. Schling: »Wir sehen immer wieder, dass die Radler schneller am Ziel sind als wir mit dem Auto.« Sie rollen an Staus vorbei, haben keine Parkplatzprobleme und quetschen sich nicht in überfüllte Busse. Diese Argumente gewinnen weiter an Überzeugungskraft, seit die Rathenaustraße gesperrt ist.

Info

Zufriedene Initiatoren: Stadt prüft Einstieg nächstes Jahr

300 Räder im Blau der Justus-Liebig-Universität und 60 grüne der Technischen Hochschule Mittelhessen rollen durch Gießen. Betreiber Nextbike äußert sich nach dem ersten halben Jahr ebenso zufrieden wie die Initiatoren. »Mit unserem Modell, als Hochschulen gemeinsam mit dem AStA ein Leihradsystem anzubieten, sind wir Vorreiter. Das System hat an anderen hessischen Hochschulstandorten bereits Interesse geweckt«, erklärt Uni-Sprecherin Lisa Dittrich. »Es läuft alles ohne Probleme«, ergänzt Armin Eikenberg für die THM. »Vor allem zwischen Bahnhof und Campus Wiesenstraße ist das Leihfahrrad als Verkehrsmittel konkurrenzlos.« Die Stadt will »im nächsten Jahr über eine Beteiligung entscheiden«, sagt Sprecherin Claudia Boje. Dass Flächen für größere Fahrradständer knapp sind, solle kein Hindernis sein. »Für den Einstieg können wir uns vorstellen, vorhandene Abstellanlagen der Stadt zu nutzen. Das ist technisch ganz einfach.«

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