29. August 2018, 11:00 Uhr

Betreuung

Gießener Eltern schlagen Alarm: Werden Kinder ausgegrenzt statt integriert?

Für Mütter und Väter von Kindern mit Behinderung ist sie fast aussichtslos: Die Suche nach einer geeigneten Nachmittagsbetreuung. Jetzt schlagen Gießener Eltern Alarm.
29. August 2018, 11:00 Uhr
In der Kita-Zeit ist die Nachmittagsbetreuung meist gesichert. Gehen Kinder mit Behinderung in die Schule, beginnen für viele Eltern die Probleme. (Archivfoto: dpa)

Christin Kellmann ist Erzieherin. Sie arbeitet in einer Kita. Und Kellmann ist alleinerziehende Mutter. Ihr elfjähriger Sohn Noah geht auf die Martin-Buber-Schule. Eine Fördereinrichtung für geistige Entwicklung. Denn Noah lebt mit einer Behinderung. Das alles unter einen Hut zu bringen, gleicht einem Wunder. Denn nicht nur die Beeinträchtigungen ihres Kindes sind für Kellmann eine Herausforderung, sondern auch die daraus resultierenden Rahmenbedingungen. »Es gibt so gut wie keine Nachmittagsbetreuung für Kinder mit Behinderung«, sagt die Mutter – und erhält von ihren Sitznachbarn zustimmendes Nicken. Die Gruppe hat sich an diesem Nachmittag in der Frühförder- und Beratungsstelle der Lebenshilfe in der Grünberger Straße getroffen. Die Eltern und Interessensvertreter wollen auf ein Problem aufmerksam machen, das vielleicht nur eine Minderheit betrifft – aber nur mit der Unterstützung der Mehrheit gelöst werden kann.

Vor drei Jahren wurde der Arbeitskreis »Übergangsgestaltung« vom Sozialpädagogischen Zentrum der Kinderklinik Gießen ins Leben gerufen. Seither beschäftigt er sich mit dem Übergang vom Kindergarten in die Schule. Jungen und Mädchen mit besonderen Förderbedarf stehen dabei im Fokus.

 

»Gewaltiger Nachteil«

»Kinder mit Behinderung erleben dabei jedoch einen gewaltigen Nachteil«, betont Martina Ertel von der Lebenshilfe Gießen. Denn während die Nachmittagsbetreuung in den Kitas gut geregelt sei, sei sie an den Schulen nahezu nicht existent. Mechtild von Niebelschütz vom Sozialdienst katholischer Frauen sieht es genauso. »Seitdem auch immer mehr Horte schließen, gibt es fast gar keine Nachmittagsbetreuungen mehr für Kinder mit einem Handicap. Die Folge ist, dass immer öfters Elternteile nicht mehr arbeiten gehen können und zu Hause bleiben müssen.«

Ein Grund für die Misere ist laut Ertel der Pakt für den Nachmittag. Diese Kooperationsvereinbarung beinhaltet ganztägige Angebote für Schulkinder. »Kinder mit Behinderung sind dabei aber nicht bedacht worden.«, sagt Ertel. Der offene Ganztag sei für Kinder mit besonderem Förderbedarf nicht geeignet, da das Fachpersonal fehle. Denn die sogenannten Teilhabeassistenten, die die betroffenen Kinder während des Unterrichts begleiten, werden in der Nachmittagsbetreuung nicht eingesetzt, da er offiziell nicht als Unterricht gilt. Besonders schlimm sei die Situation in den Ferien. Dann müssten die Eltern nicht nur nachmittags, sondern von morgens bis abends eine Betreuung organisieren.

 

Weitere Hürden

Über diese und viele weitere Hürden sprachen die Teilnehmer des Treffens. Sonja Schimpf dürften die Aussagen einige Sorgenfalten auf die Stirn getrieben haben. Ihr sechsjähriger Sohn hat das Down-Syndrom und soll nächstes Jahr eingeschult werden. Schon jetzt sorge die Behinderung ihres Kindes für jede Menge bürokratische Herausforderungen. »Es kostet unfassbar viel Kraft und Energie, wenn man sein Kindern fordern und fördern möchte«, sagte sie. Doch die eigene Belastung sei zu verkraften, vielmehr bedauere sie die Nachteile für ihren Sohn. »Es gibt wesentlich weniger Angebote. Man kann nicht auswählen wie bei einem anderen Kind.«

Große Wahlmöglichkeiten hat auch Kellmann nicht. Aber sie hat die Situation dank Organisationstalent – und einer großzügigen Chefin einigermaßen geordnet. Das Schulbusunternehmen beispielsweise setzt Noah nach der Schule nicht zu Hause ab, sondern am Arbeitsplatz von Kehlmann. Und dank ihrer Chefin kann er dort bleiben, bis die Mutter mit der Arbeit fertig ist. »Aber das ist für ihn auch nicht optimal. Er ist jetzt elf Jahre alt und hat keinen Bock, immer unter kleinen Kindern zu sein«, sagt Kellmann.

Kellmann, Schimpf, Ertel und die anderen Betroffenen hoffen daher auf Maßnahmen von Land und Bund, um die Situation zu verbessern. Von Niebelschütz: »Es muss ein Aufschrei durch die Gesellschaft gehen.«

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