22. November 2011, 18:43 Uhr

Gießen war kleine Hochburg der DDR-Spionage

Gießen (mö). Einige Enthüllungen der letzten Jahre legten diesen Schluss bereits nahe, aber jetzt gibt es dafür eine amtliche Bestätigung: Gießen war während der Zeit der deutschen Teilung eine kleine Hochburg der DDR-Auslandsspionage.
22. November 2011, 18:43 Uhr
DDR-Flüchtlinge kommen im Herbst 1989 am Gießener Bahnhof an. Vor der Wende war die Zentrale Aufnahmestelle im Meisenbornweg für den DDR-Geheimdienst doppelt interessant: Als Weg, Spione einzuschleusen, und Ort, Flüchtlinge zu observieren. (Foto: Archiv)

Wie aus einer neuen Studie der Berliner Stasiunterlagenbehörde hervorgeht, haben sich im Jahr 1988 in Gießen schätzungsweise noch neun Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit getummelt. Die, gemessen an der Größe der Stadt Gießen, relativ hohe Konzentration an Spionen dürfte in erster Linie mit dem zentralen Aufnahmelager für DDR-Flüchtlinge am Meisenbornweg zu tun haben.

In Gießen waren demnach im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit zum Beispiel mehr DDR-Spione aktiv als in Großstädten wie Bochum, Gelsenkirchen, Mainz oder Saarbrücken. In Hessen war die DDR-Staatssicherheit nur in Frankfurt, der grenznahen Großstadt Kassel und der Landeshauptstadt Wiesbaden aktiver. Gießen dürfte auch wegen seiner Universität und der damals noch starken Präsenz von Militär interessant gewesen sein. Insgesamt seien gegen Ende der DDR noch 1500 sogenannte »Inoffizielle Mitarbeiter« (IM) in der Bundesrepublik aktiv gewesen, die meisten in West-Berlin und der Hauptstadt Bonn.

Über die Aktivitäten der DDR-Staatssicherheit hatte die Gießener Allgemeine in den vergangenen Jahren wiederholt berichtet. Zuletzt 2009 im Zusammenhang mit Berichten über die Stasi-Vergangenheit eines Großsponsors des Fußball-Zweitligisten Union Berlin. Der Unternehmer soll in den 80er Jahren als Führungsoffizier der Staatssicherheit mehrere IM betreut haben, darunter eine »Christine«, die in Gießen spioniert haben soll. Der Klarname von »Christine« wurde in den entsprechenden Medienberichten nicht genannt.

IM »Swantje« war an Uni aktiv

Den Anfang in einer ganzen Reihe von Stasi-Enthüllungen, die im Zusammenhang mit Gießen stehen, machte im November 2006 die Hamburgerin Christine Kanyarukiga. Die promovierte Pädagogin und Absolventin der Leipziger Journalisten-Kaderschmiede war zu Beginn der 80er Jahre als DDR-Flüchtling über die Zentrale Aufnahmestelle am Meisenbornweg in die Bundesrepublik eingereist. Seit 1974 hatte sie Kontakt zum Ministerium für Staatssicherheit. Im Westen sollte sie später den Journalismus ausforschen und arbeitete unter anderem als wissenschaftliche Hilfskraft bei den Fachjournalisten der Justus-Liebig-Universität und später als Volontärin bei der »Wetzlarer Neuen Zeitung«. Ihr Vorname war aber nicht ihr Deckname. Diese IM wurde in Ost-Berlin als »Swantje« geführt.

Als im Oktober 2008 im Rahmen einer Abfrage des Hessischen Landtags bei der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin unter anderem herauskam, dass der spätere Innenminister Volker Bouffier seit 1985 ein Beobachtungssubjekt der Stasi war, fragte die GAZ bei der Birthler-Behörde nach. Dort ist man zur Auffassung gelangt, dass Gießen vor allem wegen des Zentralen Aufnahmelagers verstärkt ins Blickfeld der Stasi geriet. Im Fall Bouffier ist aber unklar, ob das über ihn gesammelte Material in Gießen selbst von einem Spion oder zentral in Ost-Berlin zusammengetragen wurde. Wie seinerzeit berichtet, fanden sich in der Stasi-Akte des CDU-Politikers Zeitungsausschnitte aus der Gießener Allgemeinen. In den Fällen der beiden anderen Gießener Landtagsabgeordneten Gerhard Merz (SPD) und Wolfgang Greilich (FDP), über die es kleine Aktenvermerke der Stasi gibt, ist eher davon auszugehen, dass Reisen in die DDR der Ausgangspunkt für die Beobachtung waren.

Der Fall Lutz Eigendorf

Belegt ist ferner, dass einer der spektakulärsten Einsätze der Stasi auf westdeutschem Boden in mehrfacher Hinsicht mit Gießen zu tun hatte. Die Rede ist vom Schicksal des früheren DDR-Fußball-Nationalspielers Lutz Eigendorf, der sich vor 32 Jahren bei einem Einkaufsbummel in Gießen von seiner Mannschaft FC Dynamo Berlin absetzte. 1983 starb er – unter nach wie vor nicht völlig geklärten Umständen – bei einem Verkehrsunfall. Einer seiner Stasi-Verfolger, die Eigendorf in der Bundesrepublik rund um die Uhr beschatteten, erhielt später den Auftrag, sich in Gießen niederzulassen, um dort die Aufnahmestelle im Meisenbornweg zu beobachten. IM »Kroll«, wie der Deckname des Eigendorf-Beschatters hieß, lebt noch heute in Gießen, über das er 1980 auch eingereist war.

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