»Gießen kocht«: Am Tisch kommt die Stadt zusammen

Gießen (fd). Das vegane Curry köchelt im Topf, in der Küche sind es gefühlte 100 Grad und eine der wichtigsten Fragen des Abends ist noch immer unbeantwortet: Wie kommen wir denn nun zu Manishs Hochzeit nach Indien? Man könnte sagen: Wer sich ein Bild von seiner Stadt machen will, der sollte mit ihr essen.
01. Juni 2012, 18:08 Uhr
Anne testet das vegane Curry, das sie mit ihrer Kochpartnerin zubereitet hat, bevor die anderen vier Teilnehmer in ihrer WG einfallen. (Foto: fd)

Zwei Mal im Jahr ist genau das im Rahmen von »Gießen kocht!« möglich. Das Konzept: Wild zusammengewürfelte Kochpaare kümmern sich entweder um Vorspeise, Hauptgericht oder Nachtisch. Die anderen Gänge nehmen sie in fremden WGs ein. Drei Mal lernen die Hobbyköche an diesem Abend so neue Leute kennen. Am Mittwoch war es wieder soweit.

Anne steht leicht gebückt auf der Arbeitsplatte neben dem Herd und klettert in Richtung des Fensters, wo eine weitere Weinflasche stehen sein soll. Anders ist gerade kein Durchkommen in der Küche. Zwei andere Kochpaare sitzen bereits am gedeckten Tisch. Anne und ihre Kochpartnerin, so hat es das Organisationsteam per Los entschieden, bereiten an diesem Abend ein Hauptgericht vor.

324 Teilnehmer, 220 Frauen und 104 Männer, waren am Mittwoch dabei. »Wir sind begeistert, dass wir die Teilnehmerzahlen der letzten Runde damit sogar noch steigern konnten«, sagt Monika Fielder vom Organisationsteam. Bei der letzten Runde von »Gießen kocht!« im November waren noch 298 Hobbyköche dabei. Zusammen mit drei anderen Mitstreitern kümmert sich Fiedler unter anderem um die Einteilung der Kochpaare.

Anne hat es nicht ganz leicht an diesem Abend: Zusammen mit ihrer Kochpartnerin möchte die angehende Ärztin ein veganes Curry zubereiten. Auf dem Herd durftet es bereits ganz köstlich. Eigentlich alles kein Problem also, wäre da nicht die Sache mit den Mojitos: Vier Cocktails hatten zwei andere Hobbyköche nämlich kurz zuvor in einer anderen WG als zentrale Bestandteile ihrer Vorspeise serviert.

Trotzdem hat Anne prinzipiell alles im Griff. Ohnehin geht es bei »Gießen kocht!« weniger um Perfektion als ums Kennenlernen, Gedanken austauschen und Spaß haben. Das Kochen ist eher ein angenehmer Randaspekt, damit am Ende bei niemandem der Magen knurrt. Anders als etwa bei »Das Perfekte Dinner«, einer Koch- und Krawallshow auf Vox, werden am Ende auch weder Mahlzeit noch Gastgeberqualitäten bewertet.

Die meisten der Hobbyköche kennen sich an diesem Abend nicht, und dennoch gibt es stets ein verbindendes Gesprächsthema: WG-Horror. Uni-Horror. Gießen-Horror. Beziehungs-Horror. Manish lädt direkt zu seiner Hochzeit nach Indien ein. Für ein halbes Jahr arbeitet er in Bad Nauheim. Eine Wohnung hat sich der junge Naturwissenschaftler trotzdem in Gießen genommen – weil in der Kurstadt nur alte Menschen leben.

Insgesamt sind bei »Gießen kocht!« Hobbyköche aus 26 Ländern dabei. »Die meisten von ihnen waren wohl Erasmusstudenten«, sagt Monika Fielder. Mit dabei sind aber auch Teilnehmer aus Vietnam, Gabun, Ecuador, Litauen oder Sierra Leone. Der Schnitt liegt bei 24 Jahren, doch inzwischen hat sich die Spanne geweitet: Während die ursprüngliche Idee darin bestand, ausländische Studenten oder auch Erstsemestler, die gerade erst nach Gießen gezogen sind, schneller mit ihren Kommilitonen in Kontakt zu bringen, machen nun auch immer mehr Teilnehmer mit, die den Seminarraum schon lange gegen das Büro eingetauscht haben. Fiedler verrät: »Der älteste Teilnehmer in dieser Runde war 43 Jahre alt.«

Die Zeit vergeht wie im Flug, wenn man sie mit netten Leuten teilt. Und so geht es dann auch schon wieder weiter. In zehn Minuten wird in einer fremden WG von einem fremden Kochpaar bereits der Nachtisch serviert. Kreuz und quer radeln an diesem Abend unzählige Teilnehmer jeweils als Pärchen durch die Stadt zur nächsten Station. Carsten, im wahren Leben studiert er Agrarökonomie, hat ein wenig Angst vor der Fahrt in die vermeintlich so wilde Weststadt. Man hofft, dass man sich am Ende des Abends wiedersieht bei der traditionellen Abschlussparty mit allen Teilnehmern im Ulenspiegel. Spätestens aber dann bei der Hochzeit von Manish in Indien.

Wenn wirklich gilt, dass jeder, der sich ein Bild von seiner Stadt machen will, mit ihr essen sollte, dann ist die Erkenntnis von »Gießen kocht!« am Mittwoch: Die Stadt ist eine bunte, offene und liebenswerte.

Für November ist die nächste Runde geplant. Unter www.giessen-kocht.de gibt es rechtzeitig einen genauen Termin und ein Anmeldeformular.

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