Relikte der Nazizeit

Gießen ist die Hauptstadt der Spitzbunker

In keiner anderen Stadt stehen so viele alte »Winkel«-Bunker wie in Gießen. Eigentlich sind die »Betonzigarren« nutzlos. Käufer finden sich trotzdem.
14. Dezember 2017, 11:00 Uhr
Dieser 23 Meter hohe Bunker ist versteigert worden. (Foto: Schepp)

Nein, diesmal hat Daniel Beitlich nicht zugeschlagen, als am vergangenen Freitag in Köln wieder einmal so ein Sammlerstück bei einer Versteigerung angeboten wurde. »Ich habe ja schon einen«, sagt der Geschäftsführer der Gießener Revikon GmbH und lacht. Sein Spitzbunker war sozusagen ein Beifang, als er vor über zehn Jahren die Restflächen der Rivers Barracks kaufte und später an den Landkreis vermietete. Aus dem Beifang wurde bald ein Hobby – und Beitlich durch Presse, Funk und Fernsehen bundesweit als »Bunker-Sammler« bekannt. Einen zweiten der Bauart »Winkel«, benannt nach dem Konstrukteur Leo Winkel, braucht der Geschäftsmann also nicht.

Für 32000 Euro versteigert

Aber auch so fand sich ein Käufer für das 23 Meter hohe Exemplar, das in der früheren Bergkaserne direkt neben der Kita von St. Thomas Morus steht. Dies hat die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) auf GAZ-Anfrage bestätigt, den Käufer aus Datenschutzgründen aber nicht genannt. Für 32 000 Euro sei er ersteigert worden, das Mindestgebot lag bei 30 000 Euro. Laut BIMA-Sprecherin Kirsten Hoben besitzt der Bund in Gießen noch zwei weitere Spitzbunker, aber die stehen nicht zum Verkauf. Das versteigerte Exemplar hat neun Geschosse, Heizungs- und Sanitäranlagen gibt es nicht. Der um 1936 errichtete Bunker sei noch im »Originalzustand« erhalten und befindet sich laut BIMA »vermutlich in einem renovierungsbedürftigen Zustand«.

Platz für bis zu 600 Menschen

Gießen ist so etwas wie die Hauptstadt der Spitzbunker. Acht Stück stehen noch in der früheren Berg-, Wald- und Bleidornkaserne – und einige unter Denkmalschutz. In der Liste der »Hochbunker der Bauart Winkel« stehen zwar viele deutsche Städte, aber in keiner gibt es so viele »Betonzigarren« oder »Zuckerhüte«, wie sie nach ihrem Bau vor rund 80 Jahren von der Bevölkerung genannt wurden. Die Spitzbunker in der Bergkaserne wurden in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre gebaut, sie boten etwa 1500 Personen Schutz, was der Mannschaftsstärke der damaligen Garnison entsprach. Je nach Bautyp konnten in den offiziell »Luftschutztürmen« genannten Anlagen zwischen 150 und 600 Personen Unterschlupf finden. Das spitze und steil abfallende Dach sollte die Trefferfläche verkleinern und Bomben, ohne das sie explodieren, abgleiten lassen. Das scheint funktioniert zu haben, denn es ist nur ein Fall aus Bremen überliefert, wo ein Spitzbunker durch eine Bombe zerstört wurde.

Ansturm beim Tag der Offenen Tür

Nutzen kann man die Teile »nur theoretisch«, sagt Beitlich. Zumal man sich im Fall des nunmehr versteigerten Exemplars auf einer Grundstücksgröße von nur 240 Quadratmetern bewege. Seinen in der Rivers Barracks öffnet der Immobilienunternehmer nur am Tag des Offenen Denkmals im September oder wenn der Landkreis einen Tag der Offenen Tür veranstaltet. »Ich dachte, da kommen vielleicht 20, 30 Personen und wir machen eine Führung. Es waren dann so um die 350«, erinnert sich der Bunker-Sammler an das große Interesse der Besucher.

Der in der vergangenen Woche versteigerte Bunker war vor einigen Monaten schon einmal angeboten worden, auch damals gab es einen Zuschlag für 33 000 Euro, aber der Bieter kaufte die »Betonzigarre« dann doch nicht. Insofern bleibt abzuwarten, ob es jetzt tatsächlich einen neuen Eigentümer gibt. Vielleicht hatte der designierte Käufer, der dann abgesprungen ist, ja erst hinterher erfahren, was der Leiter des städtischen Vermessungsamts, Horst-Friedhelm Skib, weiß: »Dieser Bunker ist der einzige, der im Krieg einen Bombentreffer abbekommen hat.«

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