11. September 2018, 22:02 Uhr

Gespräch mit dem »Feind«

Für ihr neues Buch »Sweet Occupation« zahlt die israelische Autorin Lizzie Doron einen hohen Preis. Weil sie mit dem »Feind«, palästinensischen Terroristen, gesprochen hat, findet sie in Israel keinen Verleger. Und dabei sind ihre früheren Bücher über die Traumata der Holocaust-Überlebenden dort längst Schullektüre.
11. September 2018, 22:02 Uhr

Auf einer Nahost-Friedenskonferenz lernt Lizzie Doron vor einigen Jahren Nadim, einen palästinensischen Israeli, kennen. Er will einen Film über die israelische Autorin, die sich selbstironisch als »V.I.P-Holocaust-Expertin« beschreibt, drehen. Sie beschließt, im Gegenzug ein Buch über ihn zu schreiben: »Who the fuck is Kafka«. Das Buch wird zur Zäsur im Leben der 1953 in Tel Aviv geborenen Doron, die als Tochter einer Holocaust-Überlebenden bislang über die Traumata dieser Generation geschrieben hatte. »Das Schweigen meiner Mutter« oder »Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen« kennt in Israel jeder Schüler.

Doch nun schreibt Doron über das Schicksal der Palästinenser, Vertreibung und Besatzung, das gemeinsame Gefühl von Juden und Palästinensern, im »Irrenhaus Israel« zu wohnen. Sie hat das Thema gewechselt: »Nicht mehr der Holocaust, sondern die Geschichte der Palästinenser interessiert mich. Derzeit ist es in Israel aber sehr problematisch, den ›Feind‹ zu präsentieren«, sagt sie. Und mit ihrem neuen Buch »Sweet Occupation« geht sie sogar noch einen Schritt weiter.

Mehr als ein Jahr lang hat sich die Autorin mit einer Gruppe »Friedenskämpfer«, den »Combatants for peace«, getroffen: dem verurteilten ehemaligen Terroristen Mohammed, Suliman und Jamil aus den besetzten Gebieten, sowie dem israelischen »Refusenik« Chen, der als Soldat der Reserve den Dienst an der Waffe verweigert hatte. Sie alle saßen für das, was sie getan hatten, im Gefängnis und haben gemeinsam die »Combatants for peace«-Bewegung gegründet. Doron hat ihre Geschichten in »Sweet Occupation« aufgeschrieben – und macht in ihrem im Tagebuchstil geschriebenen Buch auch ihr eigenes Ringen mit den Ängsten und Vorurteilen und ihrer Sehnsucht nach Sicherheit deutlich. Wie Flashbacks tauchen eigene Wahrnehmungen in ihren Interviews mit jenen Menschen auf, die einst bereit waren zu töten und nun auf Frieden zwischen Israelis und Palästinensern hoffen, oder wie Kriegsdienstverweigerer Chen von ihren Zweifeln an der aktuellen Situation berichtet. »Die Gespräche mit ihnen zerstörten die Geschichte, die ich mir selbst erzählt hatte.«

Doron zahlt für ihre Gesprächsbereitschaft, ihr Zuhören, ihre Auseinandersetzung auch mit den eigenen Vorurteilen einen hohen Preis. Freunde wenden sich von ihr ab, in Israel findet sich für »Sweet Occupation« kein Verleger. »Die Verlage sagten mir, es sei gut geschrieben, es sei wichtig, aber momentan würde in Israel niemand dieses Buch kaufen. Und es würde meine vorherigen stark beschädigen«, sagt die Trägerin des von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem vergebenen Buchmann-Preises.

Im April dieses Jahres ist das Buch bei dtv auf Deutsch erschienen. Das Literarische Zentrum Gießen hat Lizzie Doron zu einer Lesung eingeladen. In Israel besteht daran zurzeit kein Interesse. (Foto: pm)

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