18. März 2018, 14:00 Uhr

Adipositas

Gemeinsam im Kampf gegen die Kilos

Sandra Rühl und Christiane Busch haben sich in der Gießener Selbsthilfegruppe für adipöse Menschen kennengelernt. Sie haben mit Hilfe einer OP etliche Kilos verloren.
18. März 2018, 14:00 Uhr

Durch die Kate weht ein verführerischer Duft. Vermutlich stammt er von einem saftigen Schnitzel, garniert mit Bratkartoffeln, Petersilie und Speck. Auch Sandra Rühl und Christiane Busch sitzen an diesem Nachmittag in dem Gießener Restaurant. Doch die Leckerei aus der Küche ist nicht für sie bestimmt. Die beiden Frauen begnügen sich mit Tee und Kaffee. Für die Süße sorgt Busch durch einen Griff in ihre Handtasche. »Ich habe immer einen Süßstoffspender dabei«, sagt die 54-Jährige. Zucker könnte bei ihr ein sogenanntes Dumping auslösen, das zu Schwindel, Zittern, Herzklopfen und sogar zu einem Kollaps führen könnte. Rühl und Busch haben eine Magen-OP hinter sich. Sie war ihre letzte Waffe im Kampf gegen die Kilos.

 

Body-Mass-Index von über 50

Übergewicht ist ein Problem, das immer mehr Menschen betrifft. Vor allem Bewohner der reichen Industrienationen sind betroffen. Laut einem Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ist in den Mitgliedsländern durchschnittlich jeder zweite Erwachsene übergewichtig und jeder fünfte fettleibig, also adipös. Als übergewichtig gelten laut Weltgesundheitsorganisation Erwachsene mit einem Body-Mass-Index zwischen 25 und 30. Bei über 30 ist man adipös. Der Wert von Christiane Busch lag bei über 50.

Die gebürtige Heuchelheimerin war jedoch nicht immer dick. Im Gegenteil: »In meiner Jugend war ich Schwimmerin. Ich habe dann aber aufgehört, weil ich nicht ins Leistungsinternat nach Frankfurt ziehen wollte.« 20 Kilo in nur einem halben Jahr waren die Folge. Und es wurden immer mehr. Die drei Schwangerschaften zollten ihren Tribut, mit dem Rauchen aufzuhören sorgte für weitere Fettpolster. Natürlich habe sie zwischendrin immer wieder versucht abzunehmen, sagt die 54-Jährige, doch der Jojo-Effekt habe die Erfolge stets zunichte gemacht. Irgendwann wog Busch 140 Kilogramm. Und dann wurde sie Oma. »Ich habe mir gedacht: Wenn mir das Kind vor ein Auto rennt, weil ich nicht hinterher komme, würde ich das nicht überleben. Das war der Punkt, an dem ich gesagt habe: Jetzt muss richtig was passieren.«

 

100 Magen-OPs pro Jahr

Ein einschneidener Schritt – den immer mehr Menschen wagen. Alleine an der Gießener Uniklinik unterziehen sich jedes Jahr rund 100 Menschen einer Magen-OP. Oftmals ist es für die Patienten die letzte Chance gegen bestehende oder drohende Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck. Bei Busch und Rühl wurde ein Magen-Bypass durchgeführt. Dabei wird ein kleiner Teil des Magens abgetrennt und zwischen Speiseröhre und Darm angeschlossen. Der Rest des Magens wird quasi stillgelegt. »Normalerweise hat man ein Magenvolumen zwischen eineinhalb und zwei Litern. Bei uns sind es 150 Milliliter«, sagt Rühl. Bildlich gesprochen: Ihr Magen hat sich von einem Fußball in einen Tennisball verwandelt.

 

Suchtcharakter

Für Rühl war es nach der OP ein vollkommen neues Gefühl, keinen Hunger zu haben. Ihr Essverhalten hatte in den Jahren zuvor teils erschreckende Züge angenommen. Wenn sie für die Familie Pizza holte, hielt sie auf dem Rückweg noch schnell an einem Imbiss und aß einen Döner. Oder sie wartete abends, bis Ehemann und Kinder im Bett waren, und stopfte sich mit Süßigkeiten voll. »Ich kannte kein Maß. Das hatte Suchtcharakter.«

Heute fühlen sich die beiden Frauen besser denn je. Busch hat ihr Gewicht in einem Jahr halbiert, Rühl hat in acht Monaten knapp 50 Kilo abgenommen. Auch psychisch haben die beiden Frauen Ballast abgeworfen. »Als dicker Mensch hat man das Gefühl, sich immer beweisen zu müssen«, sagt Rühl. Busch nickt, sie kennt das nur zu gut: »Wenn man dick ist, kriegt man immer einen Stempel aufgedrückt: dick gleich faul.« Durch den Gewichtsverlust habe sich das geändert. Rühl: »Die Leute treten mir heute ganz anders gegenüber auf.«

 

Selbsthilfegruppe im Uniklinikum

Doch die beiden Frauen wollen nichts beschönigen: Die OP und die Zeit danach waren hart. Sehr hart. Wochenlang konnten sie nur Flüssignahrung und Breikost zu sich nehmen. Ihr Leben lang sind sie auf Nahrungsergänzungsmittel und Kontrolluntersuchungen angewiesen. Viele Lebensmittel und auch Alkohol sind Tabu. Busch und Rühl müssen genau darauf achten, wie oft und was sie essen. Ein Biss zu viel könnte stundenlange Schmerzen nach sich ziehen. Für viele Operierte sei es aber auch vom Kopf her nicht einfach, von heute auf morgen mit dem übermäßigen Essen aufzuhören, sagt Rühl. Anders als bei anderen Süchten könne man das Suchtmittel schließlich nicht meiden. Klar: Essen muss jeder.

Doch Rühl und Busch haben das Schlimmste hinter sich. Sie lachen viel und laut, das nebenan servierte Schnitzel stört sie nicht. Nicht mehr. Sie haben sich arrangiert. Die Vorteile überwiegen die Nachteile. In der Selbsthilfegruppe sind sie zudem echte Freundinnen geworden. Ihr Leben wird auch zukünftig kein Zuckerschlecken sein. Süße Momente wird es trotzdem geben. Auch ohne Süßstoffspender.

Christiane Busch und Sandra Rühl sind Mitglieder einer Selbsthilfegruppe für adipöse Menschen. Sie besteht aus Informationswilligen, aus frisch Operierten und aus Langzeitoperierten. Jeden ersten Mittwoch im Monat treffen sich die Teilnehmer um 19 Uhr in der Uniklinik Gießen. Jeder ist willkommen, Anhang ebenfalls. Eine genaue Wegbeschreibung ist in der Klinik ausgeschildert.

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