01. März 2018, 12:00 Uhr

Gehörlose Autorin

Gehörlose Schauspielerin und Model zu Gast in Gießen: Leben in absoluter Stille

Corinne Parrat, Miss Handicap der Schweiz, lebt seit mehr als 35 Jahren in totaler Stille. Aus ihrem Leben als gehörlose Schauspielerin und als Model erzählt sie an diesem Donnerstag in Gießen.
01. März 2018, 12:00 Uhr
Corinne Parrat ist gehörlos. Die ehemalige Miss Handicap der Schweiz hat ihre Erfahrungen damit in ihrem Buch »Meine Augen hören« niedergeschrieben. (Foto: Silvano De Metteis)

Im Alter von zwei Jahren erkrankte Corinne Parrat an einer Hirnhautentzündung und bekam Antibiotika. Der Arzt versicherte den Eltern zwar immer wieder, alles sei in Ordnung. Doch eines Tages bemerkte die Mutter, wie Corinne zum Radio krabbelte, die Lautstärke maximal aufdrehte und – keine Reaktion zeigte. Da war ihr klar, dass ihre Tochter nicht mehr hören kann. Von ihrer Behinderung will sich die heute 37-Jährige aber nicht einschränken lassen.

Man sieht Ihnen Ihr Handicap nicht an: Macht das die Sache noch schwieriger, weil Menschen gar nicht auf die Idee kommen, deutlich zu sprechen, damit Sie von deren Lippen ablesen können?

Corinne Parrat : Richtig, das ist ein Problem. Doch sobald mich Personen ansprechen, informiere ich sie, dass ich nicht höre anstelle zu zeigen, dass ich gehörlos bin. Im Laufe der Zeit habe ich viele Erfahrungen gesammelt und musste feststellen, dass Menschen teilweise zurückschrecken, wenn ich das Wort ›gehörlos‹ verwende. Das hat mich schon irritiert. Darum sage ich lieber, dass ich nicht höre. Die Reaktionen der Menschen sind sehr unterschiedlich: Einige waren verwirrt und wussten nicht, wie sie mit mir kommunizieren sollten und haben sich von mir abgewandt. Am Anfang hat es mich sehr verletzt und traurig gemacht. Mit der Zeit verstehe ich, dass sie nichts dafür konnten, sie wussten einfach nicht wie sie sich verhalten sollten. Einige reagieren aber sofort, wenn ich sage, sie möchten doch bitte Hochdeutsch und deutlich mit mir sprechen. Dann ist das Ablesen von den Lippen für mich kein Problem.

Wo liegen ihre Schwierigkeiten im Alltag?

Parrat: Die Hindernisse sind situationsabhängig. Es ist ein Unterschied, ob ich mit Freunden zusammen bin, im Büro oder eine Reise antreten muss. In einer großen Gruppe habe ich es nicht immer leicht. Es passiert, dass ich mich ausgeschlossen fühle, da ich die Themen, über die gesprochen werden, nicht richtig mitbekomme. Es ist gut, wenn jemand da ist, der mich kennt und für mich in Gebärdensprache übersetzt oder mir noch einmal die Thematik von Anfang an erklärt. Ich schätze es sehr, wenn man die Geduld aufbringt, mir zu erklären, über was gesprochen wurde. Leider kommt es nicht so häufig vor. Ich muss öfters nachfragen, über was gesprochen wurde. Doch das ist mir manchmal auch unangenehm, da ich das Gespräch nicht unterbrechen möchte.

Es wird einiges für mehr Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer getan, für Gehörlose gibt es in Deutschland aber meiner Meinung nach weniger Hilfen im Alltag. Woran liegt das?

Parrat: Meines Wissens kämpft die gehörlose Gesellschaft schon lange um die Barrierefreiheit, auch in Deutschland. Das Problem sind oft die damit verbundenen Kosten, die dem Staat entstünden. Meiner Meinung nach, sollten alle Schüler im Umgang mit gehörlosen Menschen geschult werden, vor allem auch, wie man mit Gehörlosen kommuniziert. Ich halte regelmäßig Referate zu dem Thema.

 

Corinne Parrat kämpft für eine bessere Integration von Behinderten in der Schweiz und setzt sich für mehr behindertengerechte Arbeitsplätze ein. Als »Miss Handicap« agierte sie bei zahlreichen öffentlichen Auftritten als Botschafterin für Menschen mit Behinderung und merkte, dass die Gesellschaft viel zu wenig über Gehörlose weiß.

 

Konnten Sie nach Ihrer Wahl zur Miss Handicap die Aufmerksamkeit nutzen, um nachhaltig mehr Bewusstsein für die Bedürfnisse Gehörloser zu wecken?

Parrat: Ehrlicherweise muss ich sagen, dass es mir im ersten Amtsjahr schwer gefallen ist. Für viele in der ›hörenden‹ Gesellschaft war es auch neu, mich als gehörlose Person zu engagieren. Es herrschten teilweise Hemmungen vor, auch dazu, wie mit mir kommuniziert werden sollte. Aber mit der Zeit eigneten sich die Journalisten und Redaktionen mehr Wissen über uns Gehörlose an. Es braucht einfach etwas Zeit bis die ›hörende‹ Gesellschaft mit dem Thema zurechtkommt. Das ist der Grund, warum ich bei Miss Handicap mitgemacht habe. Mit meinem Engagement möchte ich immer noch die Botschaft übermitteln, dass wir ganz ›normale‹ Menschen wie diejenigen sind, die kein Handicap haben.

Haben moderne Kommunikationsmittel wie SMS, E-Mail oder Ähnliches das Leben Gehörloser einfacher gemacht?

Parrat: Das kann ich absolut bestätigen. Ich bin sehr dankbar für all die technischen Entwicklungen, die das Leben für uns Gehörlose einfacher machen. Dank der heutigen technischen Kommunikationsmittel, kann ich ganz selbstständig ohne Hilfe kommunizieren, mit wem ich möchte.

 

Die 36-Jährige erreicht ihre Ziele. Sie arbeitet im Nebenjob als Model, Autorin, Bloggerin und Schauspielerin. 2011 erhielt sie die Hauptrolle im Theaterstück »Gottes vergessene Kinder«, im Theater Keller der Rose in St. Gallen. Es ist das erste Gehörlosen-Theater, das ohne Dolmetscher funktioniert und spricht Hörende und Gehörlose gleichermaßen an. Außerdem ist Corinne Parrat als Web-Publisher tätig – ihre Website (www.corinneparrat.ch) sowie ihren neuen Blog hat sie selbst kreiert und programmiert.

 

Wie schaffen Sie es, das alles unter einen Hut zu bringen – etwa bei Absprachen direkt beim Shooting. Und wie funktioniert Ihr Auftreten auf der Bühne?

Parrat: Ich arbeite zu 60 Prozent im Finanz und Controlling bei der Menu and More AG in Zürich, Marktführerin für Kinder- und Jugendverpflegung in der Deutschschweiz. Aufgrund einer Jahresarbeitszeit kann ich mir meine Zeit, nach Rücksprache mit meinem Chef, einteilen. Wir haben ein super Team. Einige besuchen sogar einen vom Unternehmen finanzierten Gebärdensprachkurs. Sie haben alle richtig Freude daran.

Ihr Buch heißt »Meine Augen hören«. Was meinen Sie damit genau?

Parrat: Der Titel ist ein stückweit ironisch zu verstehen. Die ›normale‹ Gesellschaft hört mit den Ohren, ich ›höre‹ mit den Augen und von daher habe ich den Titel »Meine Augen hören« gewählt. Auf den ersten Eindruck mag es vielleicht etwas irritierend sein, aber genau das wollte ich. Ich wollte zum Nachdenken anregen. Vielleicht muss man den Titel zweimal lesen bis man ihn versteht.

Info

Buchvorstellung im LZG

Ihr Buch »Meine Augen hören« stellt die Gehörlose Corinne Parrat am Donnerstag, 1. März, um 19 Uhr im KiZ (Kongresshalle) vor. Der Eintritt ist frei. Es moderiert Daniel Schneider (LZG). Begleitet wird sie dabei nicht nur von der Gebärdensprachdolmetscherin Theresia Möbius, sondern dank der zahlreichen Spenden, die das LZG über die Plattform www.betterplace.org dafür gesammelt hat – auch von der Schriftdolmetscherin Anja Rau.

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