17. März 2013, 20:03 Uhr

Gedenkstunde für deportierte Gießener Sinti

Gießen (csk). »Tot ist nur, wer vergessen wird.« Mit diesem Satz von Immanuel Kant begann Dietlind Grabe-Bolz am Samstag ihre Ansprache bei der Gedenkstunde des Magistrats zum 70. Jahrestag der Deportation von 14 Gießener Sinti.
17. März 2013, 20:03 Uhr
Oberbürgermeisterin Grabe-Bolz (2.v.r.) und Stadtverordnetenvorsteher Fritz legten Blumengebinde am Mahnmal für die Opfer des Naziterrors nieder. (Foto: csk)

Die Oberbürgermeisterin spielte darauf an, dass es lange keinen solchen Gedenktag gab – zum zweiten Mal erst fand er in Gießen statt. Wie eine angemessene Erinnerung an die Opfer des Naziregimes gelingen kann, zeigte Jana Müller rund 50 Bürgern im Konzertsaal des Rathauses: Mit Jugendlichen aus Dessau hat sie den Film »Was mit Unku geschah« gedreht, der das Leben der Sinteza Erna Lauenburger dokumentiert.

37 Jahre mussten die Sinti und Roma warten – erst seit 1982 sind sie in Deutschland offiziell als Opfer des Holocaust anerkannt. »Ein unglaublicher Skandal«, hob Grabe-Bolz hervor. Kaum jemand habe sich nach Kriegsende für Sinti und Roma eingesetzt, stattdessen habe man über ihr Schicksal den Mantel des Schweigens gehüllt.

»Dieses lange und grausame Schweigen wollen wir endlich brechen.« Deshalb hat der Magistrat vor einem Jahr zum ersten Mal an die Verfolgung erinnert – mit einer Gedenkstunde auf dem Kirchenplatz. Niemand weiß Genaueres über das Schicksal der 14 Gießener, deren Deportation am 16. April 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau eine im Stadtarchiv erhaltene Liste bezeugt. Niemand weiß, ob – und falls ja: wann – weitere Sinti aus Gießen weggeschleppt wurden.

Der Grund für diese Unkenntnis sei klar, so die Oberbürgermeisterin: »Es gibt keine Tradition der Erinnerung an die Sinti.« Ausdrücklich würdigte sie die Verdienste von Anna Mettbach. Die 85-jährige Gießener Sinteza, die den Holocaust überlebt hat, verarbeitete ihre Erinnerungen in dem Buch »Wer wird die Nächste sein?«. Gleichwohl sei laut Grabe-Bolz viel zu tun, um den Völkermord im öffentlichen Bewusstsein zu verankern: »Wir möchten zeigen, dass wir die Deportierten nicht vergessen – sie waren, sind und bleiben ein Teil von uns.«

Das bestätigte auch Jana Müller, eine Mitarbeiterin des Alternativen Jugendzentrums Dessau-Roßlau. 2008 begann sie mit einigen Jugendlichen, das Schicksal der Sinteza Erna Lauenburger zu recherchieren. Über Magdeburg führte die Spur der 1920 geborenen Frau (Sinti-Name: »Unku«) bis ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Müller und ihre Mitstreiter beschlossen, die Recherche-Ergebnisse in einem Film zu dokumentieren. Die Idee für »Was mit Unku geschah. Das kurze Leben der Erna Lauenburger« war geboren. Seit seiner Premiere im März 2009 lasse der Film viele Jugendliche nicht mehr los, berichtete Müller. Inzwischen pflegt das Alternative Jugendzentrum ein Archiv mit 125 Zeitzeugen-Interviews. In Berlin gibt es heute eine »Ede-und-Unku-Straße«, die an Erna Lauenburger und einen Freund erinnert; die Stadt Magdeburg hat eine ebensolche erst kürzlich beschlossen.

Mucksmäuschenstill folgten die Besucher dem Film. Anhand von Fotos, Namenslisten und vor allem Zeitzeugen-Interviews wurde der Völkermord für 35 Minuten sichtbar. Oder besser: Er bekam ein Gesicht. Ein SS-Arzt ermordete die 24-jährige Lauenburger 1944 in Auschwitz – weil sie nach dem Tod ihres zweiten Kindes vor Schmerz schrie.

Im Anschluss an die offizielle Gedenkstunde legten die Teilnehmer, unter ihnen Stadtverordnetenvorsteher Egon Fritz und SPD-Chef Gerhard Merz, Blumengebinde am Mahnmal für die Opfer des Naziterrors nieder. Grabe-Bolz las die Namen der deportierten Gießener Sinti vor; Pfarrer Hermann Heil und Dekan Frank-Tilo Becher sprachen die Gebete.

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