16. September 2012, 21:23 Uhr

Gedenken an Deportation der letzten Juden vor 70 Jahren

Gießen (srs). »Schana tova u’metuka«, wünschen sich am heutigen Tag Juden weltweit. »Ein gutes und süßes Jahr«. Der Gruß zum heiligen jüdischen Neujahrsfest blieb vor 70 Jahren in Gießen unausgesprochen. Am Vortag, am 16. September 1942, waren die letzten 330 verbliebenen jüdischen Bürger der Stadt und der Region deportiert wurden.
16. September 2012, 21:23 Uhr
Lebensgeschichten ehemaliger jüdischer Goetheschüler, die in Konzentrationslagern ums Leben kamen, trugen (v.l.) Kim-Laura Hube, Nicole Weiß, Mia Schulz, Simon Waldeck, Mathilda Nöcker und Lea Mootz vor, die bis letztes Jahr die Grundschule in der Westanlage besucht hatten. (Foto: srs)

»Gießen sah zu – oder half dabei«, hielt Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz am gestrigen Sonntag während einer Gedenkstunde auf dem Schulhof der Goetheschule fest – jener Ort, wo sich damals die jüdischen Mitbürger zu sammeln hatten.

»Das jüdische Leben in Gießen, im Kreis, in Oberhessen, war vollständig zerstört«, sagte die Oberbürgermeisterin in ihrer Rede vor 80 Menschen. »Nichts war geblieben.« 1933, am Tag der Machtergreifung, hatten noch 1300 Juden in der Stadt Gießen gelebt. Am 16. September 1942 verließen die letzten 150 jüdischen Bürger ihre Heimatstadt. Grabe-Bolz zitierte aus einer Erinnerung Auguste Wagners, die damals direkt neben der Goetheschule gelebt und die Deportation beobachtet hatte: »Ich kann es nie vergessen. Die kamen dann da in Vierer- oder Sechsergruppen aus dem Goetheschule-Hoftor und gingen dann bei uns vorbei… Jeder, der vorbei ging, es war grauenhaft, winkte noch einmal.«

Von den am 16. September 1942 deportierten Juden überlebten nur sieben. Sämtlicher Besitz wurde konfisziert. Die Übergabe der Wohnungen und des Eigentums hatten sie handschriftlich zu legitimieren.

Briefe, in freundlichem Ton formuliert, hatten zuvor die jüdischen Bürger aufgefordert, sich in der Goetheschule zu sammeln. Wörtlich waren sie »herzlich« gebeten worden, »bei den Vorbereitungen Ruhe zu bewahren.« Dass Deportationen bevorstanden, war jedoch längst bekannt, wie die Oberbürgermeisterin in ihrer Rede hervorhob. »Alle wussten zu dieser Zeit, was geschah. Auch die Bevölkerung, die bis zum Beginn der Nazi-Herrschaft in zumeist guter und enger Nachbarschaft mit den Menschen jüdischen Glaubens gelebt hatte, in den selben Vereinen aktiv war, deren Kinder die Schulbank gemeinsam gedrückt hatten.«

Grabe-Bolz berichtete, der damalige Oberbürgermeister habe für die Deportationen eine Akte unter dem Titel »Judenaktion« angelegt. Akribisch habe er organisiert, welche Landwirte wie viel Stroh für die Lager in der Goetheschule zur Verfügung stellen sollten und dass die Kosten genauestens zu protokollieren seien. Nach dem 16. September »hatte er sogar daran gedacht, sich bei allen Beteiligten zu bedanken. Für den reibungslosen Ablauf.«

Das Gedenken, so hob die Oberbürgermeisterin hervor, müsse »uns verpflichten, die Erinnerung wach zu halten und Verantwortung dafür zu übernehmen, dass Entrechtung, Diskriminierung und Verfolgung von Menschen jedweder Religion, Herkunft, Hautfarbe und Kultur keinen Platz in unserer Gesellschaft haben dürfen.« Die Oberbürgermeisterin erinnerte auch an den Rabbiner Dr. Max Ydit, der 1992 beim 50. Gedenktag während des Gebets zusammengebrochen und in der Folge verstorben war.

Zu der Gedenkstunde hatten die Stadt Gießen, die jüdische Gemeinde und die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar eingeladen. Darüber hinaus beteiligten sich am Programm auch Kinder, die bis letztes Jahr die Goetheschule besucht hatten. Sie trugen die Lebensgeschichten von Ruth Regina Goldschmidt, Arno Lorsch und Else Friederike Kann vor – ehemalige jüdische Goetheschüler, die in den Konzentrationslagern Treblinka und Auschwitz ermordet worden waren.

Sängerin und Ricarda-Huch-Schülerin Mirjana Maric sowie Lehrer Rolf Weinreich an der Gitarre eröffneten die Gedenkstunde mit dem hebräischen Kindersegen »Ma awarech«. Dekan Frank-Tilo Becher sprach ein Gebet für die christlichen Kirchen. Ein selbst verfasstes Gedicht rezitierte Wolfgang Gerster. Der heute in Braunfels lebende 78-Jährige hatte 1942 die Goetheschule besucht. Jüdische Kinder hatte er nicht in seiner Klasse, da sie 1940 ausgeschlossen worden waren. »Du mein Vaterland: soll ich dich fürchten?«, heißt es in seinem Gedicht. »Soll ich dich lieben? Hast mich schon als Kind gebrannt.« Dr. Eli Morad von der jüdischen Gemeinde trug zum Abschluss das Kaddisch vor.

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