30. August 2018, 22:02 Uhr

Für Vielfalt und Nachhaltigkeit

Konstantin Becker gehört zu einer immer seltener werdenden Art – zumindest in seinem Dorf Rödgen. Der 53-Jährige ist einer von nur noch zwei verbliebenen Landwirten. Auf 70 Hektar betreibt er Grünlandbewirtschaftung und ökologischen Ackerbau. Nachhaltigkeit hat dabei einen besonderen Stellenwert.
30. August 2018, 22:02 Uhr

Konstantin Becker steht auf einer Weide im Osten Rödgens. Seine Hand streicht über das braune Fell von Lieselotte. »Das ist eine Mutterkuh«, sagt der Landwirt. Heißt: Lieselotte wird nicht gemolken, die Milch gehört einzig und alleine ihrem Kälbchen. Andere Erzeugnisse der Becker’schen Landwirtschaft sind hingegen sehr wohl für die Menschen gedacht. Auf dem Hof werden zwei mal die Woche Eier, Zwiebeln, saisonales Gemüse sowie Getreide wie Dinkel, Roggen oder Hafer verkauft. Alles ökologisch angebaut. Das gilt auch für die Kartoffeln, die Mitte September von Interessierten auf Beckers Feld eingesammelt werden können. »Wir wissen, dass gerade Kinder dadurch den Wert von Lebensmitteln erkennen und bewusster damit umgehen.« Bewusst: ein Wort, das dem Rödgener häufig über die Lippen kommt. Der 53-Jährige legt Wert auf Biodiversität und Nachhaltigkeit. »Wir müssen umdenken und dürfen die Umwelt nicht nachhaltig schädigen.«

Becker lebt zwar schon fast sein ganzes Leben in Gießen, der Geburtsurkunde nach ist er aber ein echtes Nordlicht. »Meine Eltern haben damals in Bremen gearbeitet. Nach der Geburt meines Bruders und mir sind wir aber nach Gießen gezogen.« Becker wuchs in Petersweiher auf, ging zunächst auf die Adolf-Reichwein-Schule in Pohlheim, später dann auf die Liebigschule. Nach dem Abitur stand er vor der Berufswahl. Mediziner, so wie seine Eltern? »Das kam für mich nicht infrage.« Ihn habe schon immer gestört, dass die Menschen auf die Ferien hinarbeiten, dann in die weite Welt fahren und schließlich zurückkommen, um wieder zu arbeiten, sagt Becker. »Dabei gibt es keine Verbundenheit zur Region, sie ist austauschbar.« Bei den Landwirten sei das anders, sie würden nicht nur in der Region wohnen, sondern auch mit ihr arbeiten. »Das hat mich fasziniert, so wollte ich auch leben.«

Und so studierte Becker in Gießen Agrarwissenschaften. Nach einer anschließenden Ausbildung in Bayern arbeitete er mehrere Jahre für ein Landtechnikunternehmen in Süddeutschland und war europaweit im Einsatz. Danach zog es ihn erneut an die Gießener Uni, wo er seine Promotion ablegte. Heute lehrt und forscht er an der Professur für organischen Landbau. »In einem meiner Forschungsprojekte werden Verfahren entwickelt, aus Klee und Luzerne Eiweißfutter für Hühner und Schweine zu entwickeln. In einem anderen werden Weizen und Soja auf der selben Fläche angebaut.«

Wenn Becker nicht gerade über ökologischen Pflanzenbau, Nährstoffmanagement und Mischkulturen forscht, steht er in Rödgen auf dem Feld. Hier hat er 1996 eine Hofreite gekauft. »Damals gab es in Rödgen noch zehn Landwirte, heute sind wir nur noch zu zweit.« Er bedauert diesen Strukturwandel, auch wenn sein Betrieb dadurch enorm gewachsen ist. Mehrfach übernahm er die Flächen einstiger Kollegen, mit der Zeit sind es über 70 Hektar geworden. »Alleine wäre diese Arbeit nicht zu schaffen«, betont der 53-Jährige. Aber das ist er auch nicht. »Die Familie hilft, wenn es nötig ist.« Und so ist es auch möglich, sich in Form einer Kooperation um die Natur- und Bauernhofgruppe des Rödgener Kindergartens zu kümmern. Der 53-Jährige ist von der tiergestützten Pädagogik begeistert: »Wir halten unsere 20 Mutterschafe nur wegen dieser Kita-Gruppe. Für die Kinder ist das phantastisch. Sie können stundenlang mit den Tieren knuddeln. Jungs und Mädchen mit Berührungsängsten tauen da auf.«

Dieser integrative Aspekt zieht sich durch Beckers ganzes Handeln. Natürlich ist sein Hofladen auch eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. In erster Linie will er seinen Mitbürgern aber eine Nahversorgung ermöglichen. Denn in Rödgen gibt es weder Bäcker noch Metzger, geschweige denn einen Supermarkt. »Damit ein Ort als lebenswert wahrgenommen wird, muss man sich auch vor Ort versorgen können. Wir versuchen, unseren Teil beizutragen.« Aber er stellt sich nicht gegen mögliche Konkurrenz. Im Gegenteil: In einer von Becker ins Leben gerufenen Initiative entwickeln die Dorfbewohner seit einiger Zeit Ideen, wie sie ihren Heimatort lebenswerter gestalten können. Arbeitsgruppen beschäftigen sich mit dem Anlegen eines Bürgergartens; über eine Beschilderung eines Rundwegs wird nachgedacht. Demnächst könnte auf dem Spielplatz zudem eine Boule-Fläche entstehen. Ganz oben auf der Wunschliste steht jedoch ein Dorfladen. »Damit der Ort lebenswerter wird, muss er sich von innen entwickeln«, sagt Becker.

Damit erschöpft sich sein Handeln aber noch nicht. Becker ist auch Vorsitzender des hessischen Naturlandverbandes, zudem kümmert er sich als offizieller Ortslandwirt um die Interessen seines Berufsstandes. Der Rödgener lacht: »Das ist im Grunde das Gleiche wie ein Klassensprecher. Auch wenn die Klasse mit zwei Landwirten derzeit ziemlich klein ist.« Aber vielleicht kommt in Zukunft ja der ein oder andere hinzu. Beckers Kinder zeigen großes Interesse daran, in seine Fußstapfen zu treten. »Aber zunächst sollen sie raus und die Welt sehen«, betont der Vater. Um dann womöglich mit vielen neuen Eindrücken zurückzukehren. Um in Rödgen zu leben – und sich weiter für künftige Generationen einzusetzen.

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