27. Februar 2015, 21:23 Uhr

Fünf Gründe für das Aus der Privatbrauerei

Warum die Privatbrauerei Gießen in die Insolvenzfalle geriet und nicht wieder herauskam in fünf Gründen: Von falschen Entscheidungen und ungünstigen Entwicklungen.
27. Februar 2015, 21:23 Uhr
Noch gibt es Bier-Restbestände bei der insolventen Brauerei im Teichweg. Doch gebraut wird nicht mehr. Für die Betriebsfortführung gibt es keine Investoren. (Foto: Oliver Schepp)

Ein Unternehmen, das seit über 100 Jahren emotional sehr eng mit Gießen verbunden war, ist am Ende. Insolvent. Gescheitert. Die Privatbrauerei Gießen und Bier aus Gießen wird es künftig nicht mehr geben. Das war die traurige Nachricht dieser Woche – für die Stadt, die Menschen und vor allem für die verbliebenen gut 40 Mitarbeiter, die – teilweise nach Jahrzehnten der Betriebszugehörigkeit – nun Kündigungen erhalten haben. Wie konnte es so weit kommen? Was hat zum Scheitern des Brauereibetriebes geführt, der 1899 gegründet wurde, im vergangenen Jahr trotz rückläufiger Zahlen immer noch 137 000 Hektoliter Bier braute und dessen 54 Meter hoher Brauhausturm ein weithin sichtbares Wahrzeichen Gießens ist und war?

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Glaubt man dem, was von Mitarbeiterseite, Gastronomen und Kennern der Branche durchsickert, haben fünf Hauptgründe zu der fatalen Lage geführt – darunter Fehler, falsche Entscheidungen und ungünstige Entwicklungen.

  1. Erstens sollen die Brauanlagen im Teichweg veraltet und nicht richtig gepflegt worden sein. Die Gesellschafter der Brauerei haben offenbar nichts oder nur zu wenig in die Technik investiert. Manche Maschinen sollen gar »verlottert« gewesen sein, hieß es, die Produktion sei öfter mal ausgefallen, die Abfüllanlage habe zu langsam und unzuverlässig gearbeitet. So war es offenbar auch kein Zufall, dass vor Kurzem eine Störung an einer Kühlmaschine zum Austritt von giftigen Ammoniakdämpfen führte.
  2. Zweitens wurde offenbar auch ein gravierender Fehler beim Ansetzen des Bieres gemacht: Dem Vernehmen nach soll eine Hefekultur »aus dem Ruder gelaufen« sein und dem Bier einen Geschmack verliehen haben, den es nicht hätte haben dürfen. Der Versuch, diesen Fehler durch Mischen mit anderem Bier (Verschnitt) zu beheben, sei ebenfalls gescheitert – ein Schaden in sechsstelliger Höhe soll die Folge gewesen sein.
  3. Drittens gibt es Vorwürfe von Gastwirten, die Privatbrauerei habe seit der Übernahme des zuvor schon insolventen Gießener Brauhauses im Jahr 2011 die Gastronomie-Basis vernachlässigt und zu wenig gepflegt. Während die Konkurrenz aus dem Herzen der Natur die Gastwirte etwa mit hübschen grünen Sonnenschirmen, gut funktionierenden Kühlwagen und anderen Accessoires ausstattete, soll vom Gießener Teichweg aus eine eher karge Unterstützung der Wirte erfolgt sein. Das wichtige Geschäft rund um den eigenen Kirchturm (bzw. Brauturm), das zwar nur knapp zehn Prozent des Gesamtvolumens der Brauerei ausmachte, wurde anscheinend viel zu stiefmütterlich behandelt.
  4. Der vierte Grund für den schleichenden Niedergang ist vermutlich in dem frühen Ausscheiden von Christian Runkel als Geschäftsführer zu sehen. Der erfahrene Kaufmann und intime Branchenkenner, eine rheinländische Frohnatur, hatte die Privatbrauerei seit 2011 zusammen mit dem ehemaligen Braumeister Achim Franzen geführt und mit ihm ein gutes Team gebildet. Doch wenig später verließ Runkel das Unternehmen – offenbar gab es Dissonanzen mit den Investoren über die Geschäftspolitik. Franzen muss in der Folge alleine mit der Aufgabe überlastet gewesen sein – was sich auch daran festmachte, dass er Ende des vergangenen Jahres bis heute erkrankt ausfiel.
  5. In dieser kritischen Lage kam als fünfte Schwierigkeit noch eine ungünstige Entwicklung am Biermarkt und ein rapider Preisverfall hinzu. Kostete vor einigen Jahren eine Kiste Premium Pils hierzulande teilweise bis zu 15 Euro, sind Markenbiere nun teilweise für 9 bis 10 Euro zu haben. Zudem fielen in Gießen Umsätze aufgrund der Insolvenz eines Großkunden, der Iserlohner Brauerei, weg, für die viel Bier gebraut und abgefüllt wurde – dem Vernehmen nach zu einem besonders niedrigen, vielleicht nicht marktgerechten Preis.

+++ So sah es zuletzt in der Gießener Privatbrauerei aus

So bleibt als Fazit: Veraltete Anlagen, ein schwerer Fehler beim Brauprozess, schwaches Marketing mit Vernachlässigung der Gastronomie, Probleme auf der Führungsebene und unglückliche Umstände führten in ihrer Verkettung zum Untergang der traditionsreichen Brauerei. Da konnte auch der erfahrene Frankfurter Insolvenzverwalter Dr. Jan Markus Plathner, der im heimischen Raum unter anderem schon Rovema (Annerod) oder der Gecko-Gruppe (Aßlar) sowie dem Traditionsklub Darmstadt 98 aus der Insolvenzklemme half, nichts mehr retten. Das hohe Investitionsvolumen und das daran geknüpfte Risiko schreckten Investoren ab, sich in Teichweg zu engagieren. Und folglich wird künftig in Gießen zwar noch Bier getrunken – aber keines mehr, das auch in Gießen gebraut wird. Jens Riedel

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