08. Mai 2011, 19:15 Uhr

Fritz Rau erzählt aus seinem Leben

Der Impresario berichtet im MuK von den Wagnissen eines Konzertveranstalters: »Am Anfang war der Blues - und nicht das Geld.«
08. Mai 2011, 19:15 Uhr
Hört, hört: Fritz Rau hat seinem Publikum im MuK eine Menge zu sagen. (Foto: mlu)

Seit dem Erscheinen seiner Autobiografie »50 Jahre backstage« im Jahr 2005 ist der hochbetagte Rockimpresario Fritz Rau auf Lesetour. Am Freitagabend gastierte er gemeinsam mit dem Gitarristen und Sänger Jürgen Schwab im MuK. The Rolling Stones und Jimi Hendrix, Marlene Dietrich und Ella Fitzgerald, Tina Turner und Michael Jackson - man könnte die Liste jener Künstler, die Rau während seiner außergewöhnlichen Karriere engagiert und betreut hatte, endlos fortführen. Wer sich allerdings auf ein zweistündiges Anekdotenprogramm aus dem Nähkästchen gefreut hatte, wurde enttäuscht. Denn Rau hat es gar nicht nötig, sich seiner pikanten Bekanntschaften zu rühmen. »Er ist eine Institution«, meinte ein Besucher treffend im Vorfeld der Veranstaltung.

So handelte sein bebilderter Vortrag - eine Synopsis der Autobiografie - weniger von den Klischees und Legenden des »Sex, Drugs and Rock 'n' Roll«-Mythos, sondern von der »kulturhistorischen Leistung« seiner Tätigkeit als Konzertveranstalter. »Betrachten sie mich als Zeit- und Tatzeugen einer Musikkultur«, sagte Rau, ehe er davon zu erzählen begann, wie er als »Scham und Schande« den Nationalsozialismus erlebt und überwunden hatte. Von der Hoffnung, die ihm der Blues gab, die Inspirationsquelle von allem, was in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts musikalisch entstand. Von dem Wagnis seiner ersten Veranstaltung mit seinem Idol Albert Mangelsdorff in der Heidelberger Stadthalle, als er noch persönlich auf der Straße die Tickets verkaufte, aus Angst, die 1400 Plätze bietende Halle würde sich nicht füllen - angesichts des musikalischen Mainstreams im Jahr 1955 eine berechtigte Sorge. Von seinem Aufstieg als Kofferträger von Horst Lippmann, zu dessen gleichberechtigtem Partner und Freund er wurde. Gemeinsam sollten sie durch ihre Arbeit der Black-Power-Bewegung in den USA entscheidende Impulse verleihen, denn der weltweite Ruhm, den heute Musiker wie John Lee Hooker genießen, wurde durch ihre Europatourneen des »American Folk-Blues Festivals« mitbegründet. Daher klang es absolut glaubhaft, wenn Rau mit brüchiger Fistelstimme sagte: »Am Anfang war der Blues - und nicht das Geld.« Bei zeitgenössischen Musikproduzenten wie Dieter Bohlen ist das genau umgekehrt, seit Musik nur noch eine Ware ist.

Es war beeindruckend und rührend, wie dieser einstige Magnat des Unterhaltungsgeschäfts im »Frühwinter« seines Daseins voller Humor und Selbstironie auf ein »arbeitsintensives und reichhaltiges Leben« zurückblickte, augenzwinkernd die Höhen und Tiefen seiner Karriere Revue passieren ließ. Die Schwierigkeiten im Jura-Studium, das er nach einer Auszeit mit Auszeichnung beendete, oder »die größte Katastrophe« seines Lebens, als er sich selbst als Bassist versuchte, um bald festzustellen, dass sein Platz »nicht auf der Bühne ist, sondern dahinter«. Eine Einsicht, durch die er die Kulturgeschichte in Deutschland nachhaltig beeinflussen sollte. Dass sich die zahlreichen Gäste am Ende des Vortrags erhoben, schien angemessen. Es fehlte, dass sie sich verneigten. mlu

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