07. September 2018, 22:10 Uhr

Freispruch ist nicht das Ziel

Vor zehn Monaten stand sie erstmals vor Gericht, am 12. Oktober wird Kristina Hänels Berufung verhandelt. Im Interview der Woche denkt die Ärztin nach über den Unterschied zwischen damals und heute, berichtet über Erfahrungen von Solidarität bis Hass-Mails und erläutert, warum sie am Landgericht nicht »gewinnen« will.
07. September 2018, 22:10 Uhr
Schon im vergangenen November war das Interesse groß am Prozess gegen Kristina Hänel (Mitte, im hellgrauen Mantel) vor dem Amtsgericht. Warum die Unterstützung für sie wertvoll ist, erläutert die Ärztin im GAZ-Interview. (Archivfoto: Schepp)

Frau Hänel, das Landgericht hat die Verhandlung zu Ihrer Berufung kurzfristig verschoben mit der Begründung, im größten Saal stünden »eilige Haftsachen« an. Wie stichhaltig war das in Ihren Augen?

Hänel: Der zuständige Richter hätte eigentlich wissen müssen, dass er den großen Saal braucht. Bereits vor der Terminierung wurde mit ihm über das große öffentliche Interesse gesprochen und der Schwurgerichtssaal erwähnt. Auch die Kundgebung und Demo waren schon länger angemeldet. In der Ladung vom 20. März wurde dann aber Raum 015 benannt. Schon damals habe ich mich darüber gewundert.

Wie sehen Sie Ihrer Berufungsverhandlung am 12. Oktober entgegen?

Hänel: Interessiert. Anders als beim ersten Prozess, bei dem ich noch auf einen Freispruch gehofft hatte. Die gesellschaftliche Situation ist mir viel klarer. Unter anderem habe ich erfahren, dass die Menschen, die fundamentalistisch über das Thema Schwangerschaftsabbruch denken, eine Minderheit sind. Für mich ist inzwischen klar, dass der Paragraf 219a so nicht bleiben kann. Ob er auf juristischem oder politischem Weg gekippt wird, darauf kommt es mir nicht an.

Das heißt, sie streben diesmal gar keinen Freispruch an?

Hänel: Es ist eigentlich gar nicht möglich, dass ich freigesprochen werde: Weil der 219a so existiert und weil ich nicht bereit bin, die Information von der Homepage zu nehmen, dass ich Schwangerschaftsabbrüche durchführe. Damit bleibt mir oder dem Gießener Landgericht letztlich nur der Weg zum Bundesverfassungsgericht.

Welche Rolle spielt die angekündigte Solidaritäts-Kundgebung für Sie?

Hänel: Ich empfinde das als sehr große Unterstützung. Ich habe mich gefreut, dass Thorsten Schäfer-Gümbel für den ursprünglich geplanten Termin als Redner zugesagt hatte. Damit ist nun auch die SPD vertreten neben Grünen, Linken und der FDP. Das ist ein gutes Gefühl – genauso wie es letztes Jahr für mich sehr wichtig war, dass Frau Grabe-Bolz vor dem Amtsgericht so eindeutig hinter mir gestanden hat. Mit den internen Parteiquerelen befasse ich mich nicht.

(Anmerkung der Redaktion: Dietlind Grabe-Bolz betonte in ihrer Rede, dass sie als Privatperson auftrete, nicht als Oberbürgermeisterin oder SPD-Vertreterin. Die SPD im Bundestag hatte zunächst für eine Abschaffung des Paragrafen 219a plädiert, ihren Antrag dann aus Rücksicht auf den Koalitionspartner CDU zurückgezogen. Kürzlich haben SPD-Bundestagsabgeordnete erklärt, das Vorhaben erneut anzugehen, wenn keine Einigung mit der Union zustandekommt.)

Seit Sie vor einem Jahr erstmals an die Öffentlichkeit gegangen sind, ist ja ungeheuer viel passiert. Was war in Ihren Augen im Rückblick am bedeutsamsten?

Hänel: Vor allem die enorme Unterstützung. Diese Aufforderung, dass ich durchhalten möge – sie kommt von so vielen aus allen Altersgruppen, Frauen, Männern, über Parteigrenzen hinweg. Besonders beeindruckt haben mich die Zuschriften von älteren Frauen. Sie haben die illegale Zeit miterlebt, oder ihre Mutter ist verstorben bei einem verpfuschten Abbruch. Sie bitten mich eindringlich, nicht aufzugeben.

Ich habe mittlerweile Kontakte zu über 100 Ärzten, die alle ebenfalls angezeigt worden sind im Laufe der letzten Jahre. Diese Breite des Problems war mir überhaupt nicht bekannt, wohl fast niemandem.

Dann die internationale Aufmerksamkeit. Ich finde es interessant, wie man aus dem Ausland mit Befremden auf Deutschland schaut: Was machen die mit dem Naziparagrafen?

Schließlich: Mir war nicht klar, dass es nicht nur in Gießen kaum noch Mediziner gibt, die Abbrüche anbieten, sondern dass das bundesweit ein Problem ist.

Durch Ihre Kampagne ist kürzlich bekannt geworden, dass die Zahl der Praxen und Kliniken, die den Eingriff durchführen, in 15 Jahren um 40 Prozent gesunken ist. Unter anderem weil viele aus Überzeugung handelnde Ärztinnen und Ärzte ins Rentenalter kommen und weil dieser häufige Eingriff im Medizinstudium nicht gelehrt wird.

Hänel: Die Organisation »Medical students for choice« hat es sich zur Aufgabe gemacht, das zu ändern, und in Berlin bereits Erfolg gehabt. In Gießen habe ich jetzt den ersten Arzt, der bei mir in der Praxis hospitiert; eine zweite Anmeldung liegt vor. Das lässt mich positiver in die Zukunft blicken.

Haben Sie überhaupt noch Zeit für Ihre eigentliche Arbeit?

Hänel: Natürlich kommt einiges zu kurz, vor allem mein Privatleben und meine Enkel, was ich sehr schade finde. In der Praxis müssen wir immer mal wieder Frauen abweisen, was wir bisher nie mussten. Aber ich habe Unterstützung, wir haben umstrukturiert und schaffen es irgendwie.

Über Sie sind in Dutzenden Medien im In- und Ausland Artikel erschienen, darunter auch sehr persönliche Porträts. Vor einem Jahr hatten Sie noch Bedenken, mit Foto in der Lokalzeitung zu erscheinen. Ist es für Sie mittlerweile einfacher geworden, in der Öffentlichkeit zu stehen?

Hänel: Nachdem mir bewusst geworden ist, dass ich mit meiner ganzen Person für diese Sache einstehen muss, war die Entscheidung gefallen. Bedenken hatte ich ja unter anderem wegen meiner Erfahrungen vor 30 Jahren. Damals wurde ich offen angefeindet, auch in Gegenwart meiner Kinder. Aktuell habe ich vor Ort bisher noch keine negativen Reaktionen erlebt.

Man könnte fast den Eindruck gewinnen, alle stünden hinter Ihnen. Aber in Interviews haben Sie erzählt, dass Sie auch üble Hass-Mails bekommen.

Hänel: Ja, ich bin in einer gewissen Bedrohungssituation. Diejenigen, die mich angreifen, sind keine demokratischen Kräfte. Sie äußern sich nicht offen bei einer Podiumsdiskussion, sondern aus dem Hinterhalt. Der junge Mann, der nach eigenen Angaben etliche Anzeigen erstattet und jüngst versucht hat, über den Provider meine Internetseite sperren zu lassen, ist ja nicht mal bereit, seinen Namen zu nennen. Die Sperrung meiner Homepage konnte nur abgewendet werden dank Öffentlichkeit über Twitter. Das hat viel Energie und Arbeit gekostet.

Der 12. Oktober wird für Sie also voraussichtlich keinen Schlusspunkt markieren, egal wie das Landgericht entscheidet.

Hänel: Die Berufungsverhandlung kann gar nicht der Schlusspunkt sein. Solange ein Paragraf 219a sachliche und seriöse Informationen zum Schwangerschaftsabbruch unter Strafandrohung stellt, werde ich mich für seine Änderung oder Abschaffung einsetzen. Ich halte es für ein Recht von Frauen, sich in einer für sie so wichtigen Angelegenheit ausführlich informieren zu können. Dieses Recht darf ihnen kein Staat nehmen.

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